Stand: 14.09.2020 17:20 Uhr

Dicke Frauenhelden: Schau zeigt das wahre Leben der Gladiatoren

Dicke, gedopte Männer, die sich gegenseitig in fairen Kämpfen kloppen und berühmt sind - die Rede ist von Gladiatoren. Sie wundern sich? Dann besuchen Sie mal die neue Sonderausstellung im Archäologischen Museum in Hamburg-Harburg. Diese heißt "Gladiatoren - die Helden des Kolosseums" - und sie räumt auf mit vielen Missverständnissen, was das Dasein dieser Arenakämpfer angeht.

von Kerry Rügemer

Als ein gebeutelter Gladiator - so schleppt sich Schauspieler Russel Crowe im gleichnamigen Hollywood-Film verwundet dahin. Doch die Realität sah vor 2.000 Jahren ganz anders aus: "So, wie man heute gerne Profi-Fußballer werden möchte, wollte man damals gerne Gladiator werden - für Ruhm, Ehre und Geld", sagt Rainer-Maria Weiss, Direktor des Archäologischen Museums. Mitnichten waren diese teilweise berühmten Männer Sklaven oder Gefangene. "Es war ein erstrebenswerter Beruf, Gladiator zu sein! Man hatte tolle Nahrungsmittel, ein tolles Einkommen, eine Unterkunft und beste ärztliche Versorgung", erklärt Weiss.

Gladiatoren gingen mit Honorar nach Hause

In der Ausstellung liegen patinierte Bronzespatel, eine einfache Schere, aber auch eine etwas unangenehm aussehende Nadel nebst Pinzette in einer Vitrine. Über 200 solcher Geräte benutzten die Ärzte damals, um die verletzten Gladiatoren wieder zusammenzuflicken - mit Erfolg. Prächtige Beinschienen, schwer aus Bronze gearbeitet, schimmern daneben. Sie wurden zum Schutz vor jedem Kampf angelegt - und: Sie verlangten mit Sicherheit wohltrainierte Waden um das Gewicht durch die Arena zu schleppen.

Ein Gladiatorenhelm, ein besonders seltenes Exemplar, zeigt, dass Körperschutz oberste Priorität hatte. Dass ein Gladiator im Kampf sterben muss, "auch das ist ein Vorurteil, das so überhaupt nicht mehr zu halten ist", sagt Weiss. "Natürlich sind die Gladiatoren, die die Kämpfe gewonnen haben, siegreich mit einem Honorar nach Hause gegangen."

Fettschicht schützte vor Verletzungen

Von 100 Kämpfern starben 19, das weiß man heute. Wie Russel Crowe sahen die Gladiatoren auch nicht aus, weiß Michael Merkel, der bei Ausgrabungen in Trier das Ernährungsprogramm dieser Männer erforscht hat. "Das waren vegane Fettsäcke", sagt er. "Sie haben Getreide und Gemüse gegessen. Sie haben Energydrinks getrunken, um den Knochenaufbau ordentlich zu fördern, aber kaum Fleisch zu sich genommen. Sie haben den ganzen Tag gekämpft und abends, so ist es überliefert, waren sie müde und haben sich vollgefressen. Das Spannende: Eine ordentliche Fettschicht schützt vor Verletzungen! Das blutet spektakulär, aber das war meistens eben nur eine oberflächliche Verletzung."

Außerdem wurde offen und in großem Ausmaß gedopt: "Man weiß, dass man mit Drogen und mit Alkohol gearbeitet hat, um bestimmte Hemmungen abzubauen - und man weiß, dass man mit Ochsenblut, also mit Steroiden, gearbeitet hat, um den Muskelaufbau zu fördern", erklärt Merkel.

Es gab auch weibliche Gladiatoren

In der Ausstellung sind lebensgroße Figuren in verschiedenen Kampfausrüstungen zu sehen, man kann selbst eine Ausrüstung ausprobieren und in Filmen einen Eindruck bekommen, wie so ein Tag im Leben eines Gladiators aussah. Dazu sind wunderbare Sammlungsstücke und Leihgaben zu sehen - eine unheimlich spannende Ausstellung. Nur die Frauen, sie kommen zu kurz. Es gab sie nämlich, weibliche Gladiatorinnen, aber man weiß kaum etwas über sie. Sicher ist: Bei den Kämpfen waren auch Zuschauerinnen erlaubt, doch sie mussten ganz hinten sitzen. Denn viele der Gladiatoren waren - trotz Fettleibigkeit - echte Frauenhelden. "Das Martialische war offenbar damals ein Schönheitsideal", sagt Museumsdirektor Weiss. "Wir dürfen nicht immer unsere heutigen Schönheitsideale für die der Antike ansetzen!"

Dicke Frauenhelden: Schau zeigt das wahre Leben der Gladiatoren

Sie waren dick, verdienten gutes Geld und waren Frauenhelden: Gladiatoren. Eine Ausstellung im Archäologischen Museum in Hamburg räumt mit Mythen rund um die Arenakämpfer auf.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Archäologisches Museum
Museumsplatz 2
21073Hamburg
Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr
In meinen Kalender eintragen

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 14.09.2020 | 19:00 Uhr