Stand: 25.04.2018 10:59 Uhr

Hamburg 1918/1919: Aufbruch in die Demokratie

von Patricia Seeger

Demokratische Rechte wie das Frauenwahlrecht, Meinungs- und Pressefreiheit - die für uns in Deutschland heute ganz normal sind - wurden vor 100 Jahren hart erkämpft. Auch in Hamburg. Eine große Ausstellung im Museum für Hamburgische Geschichte mit dem Titel "Revolution! Revolution? Hamburg 1918-1919" widmet sich jetzt der Revolution von 1918/19 und zeigt, wie Soldaten und Arbeiter den Beginn der ersten demokratischen Republik erzwangen.

Die Revolution in Hamburg 1918-1919

5. November 1918. Im Hamburger Hafen treten am frühen Morgen Werftarbeiter in den Streik. Bei Blohm und Voss kommt es zu Tumulten. Am Tag zuvor war in Kiel zum ersten Mal die Fahne der Revolution gehisst worden. Der Funke springt schnell über. Die Stimmung in der Stadt ist aufgeheizt. In der Nacht vom 5. auf den 6. November macht sich dann eine kleine Gruppe Matrosen vom Hamburger Hauptbahnhof auf. Im Hafen entwaffnen sie Kriegsschiffe, besetzen den Elbtunnel und das Gewerkschaftshaus.

Es brodelte in Hamburg, erzählt Christina Ewald. Die Historikerin gehört zum Forschungsteam der Ausstellung "Revolution! Revolution? Hamburg 1918-1919" im Museum für Hamburgische Geschichte. Olaf Mattes ist einer der Kuratoren. "Wir haben in den letzten Monaten mit einem kleinen Forscherteam, das begeistert bei der Sache war, unendlich viel entdeckt und sehr viel erforscht", sagt er. Das wird nun erstmals zusammengefasst in der Ausstellung präsentiert.

Weitere Informationen

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Geschichte hautnah: "Die Leute leben"

Plakate, Zeitungen, Protestbanner und viele Originalfotos dokumentieren die Stimmung und die Ereignisse damals in Hamburg. Auf dem Heiligengeistfeld kommt es mit Zehntausenden Teilnehmern immer wieder zu Massenkundgebungen - ein Bild in Großaufnahme lässt einen direkt in die Gesichter der Menschen gucken - Geschichte hautnah: "Man sieht sehr, sehr schön, die Leute leben", so Mattes. "Man sieht auch, dass es nicht nur Männer sind, sondern es sind auch Jugendliche und Frauen dabei - nicht wenige. Wir konnten sogar durch die Bearbeitung solcher Fotografien einige historische Personen innerhalb solcher Menschenmassen zuordnen."

Vieles wird zum ersten Mal gezeigt

Viele der Fotos werden in der Ausstellung zum allerersten Mal öffentlich gezeigt. Nach vier Jahren Krieg sind es vor allem die einfachen Soldaten von den Marineschiffen und die Arbeiter, die die Revolution ins Rollen bringen. Am 6. November gründen sie den Soldaten- und Arbeiterrat und verkünden mit roter Fahne am Rathaus die Übernahme der politischen Macht in Hamburg.

Demokratische Rechte für alle

Arbeiter und Soldaten hatten unter den bisherigen Umständen und unter dem Krieg am massivsten gelitten. Sie hatten zu wenig zu essen, waren schlecht versorgt. "Die Revolutionäre wollten, um es mal ganz platt zu sagen, Freiheit", stellt Olaf Mattes fest.

Sie wollen das Ende des Kaiserreichs und demokratische Rechte für alle - für die unteren Klassen und auch für Frauen. Die Ausstellung konzentriert sich aber nicht allein auf die politischen Ereignisse, sondern gibt auch Einblick in den Alltag einzelner Menschen. In einem nachgebauten Café-Haus liegen Tagebücher aus, ein heimgekehrter Soldat erzählt zum Beispiel, was er in seiner Freizeit macht und wie er sich verliebt. Auf der einen Seite ist Revolution - Demonstrationen, Unsicherheit, Gewalt - und auf der anderen Seite steht die Frage: In welches Café gehen wir heute Abend? Diesen Kontrast führt die Ausstellung vor Augen.

Das Leben muss weitergehen

Die Revolution in Hamburg fordert zehn Todesopfer - wesentlich weniger als in anderen Städten. Der Arbeiter- und Soldatenrat führt Sperrstunden ein und befiehlt, dass die Arbeit geregelt weiterläuft. Denn "man hatte natürlich Angst davor, dass Bürgerkrieg ausbrechen könnte. Ja. Ordnung war auch für den Arbeiter- und Soldatenrat die absolute Grundlage des eigenen Handelns. Das heißt, Revolution war jetzt nicht nur, wir schwenken unsere roten Fahnen und demonstrieren und ein Hoch auf die Revolution, sondern das Leben sollte und musste weitergehen, um die Versorgung sicherzustellen."

Am 16. März 1919 endet die Revolution in Hamburg mit der Wahl zur Bürgerschaft, der erstmals auch Frauen angehören.

Hamburg 1918/1919: Aufbruch in die Demokratie

Eine Ausstellung im Museum für Hamburgische Geschichte zur Revolution von 1918/19 zeigt, wie Soldaten und Arbeiter den Beginn der ersten demokratischen Republik erzwangen.

Datum:
Ende:
Ort:
Museum für Hamburgische Geschichte
Holstenwall 24
20355   Hamburg
Telefon:
(040) 428 132 100
Preis:
9 Euro / 5,50 Euro ermäßigt / Freier Eintritt für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren
Öffnungszeiten:
Dienstag bis Samstag 10 - 17 Uhr
Sonntag 10 - 18 Uhr
Hinweis:
Zur Ausstellung "Revolution! Revolution? Hamburg 1918-1919" gibt es ein großes Begleitprogramm, darunter eine Graphic Novel und ein Schauspiel, dass sich mit den historischen Ereignissen von Oktober 1918 bis Sommer 1919 auseinandersetzt. Die Webseite hamburg-18-19.de gibt es Einblicke, Ausblicke und Hintergründe zu den geschichtlichen und politischen Ergnissen vor 100 Jahren.
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 25.04.2018 | 08:00 Uhr

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