"Geraubte Geschichte": MARKK Hamburg präsentiert Benin-Sammlung

Stand: 16.12.2021 15:34 Uhr

Die Benin-Bronzen sind von herausragendem kulturhistorischen Wert und spielen eine zentrale Rolle in der Debatte um die Restitution geraubter Kunst. Auch das Hamburger MARKK besitzt eine bedeutende Benin-Sammlung und präsentiert sie nun unter dem Titel "Benin. Geraubte Geschichte" zum letzten Mal komplett.

von Melanie von Bismarck

Ein gewaltiger Schlangenkopf aus Bronze prangt am Eingang. Einst schmückte dieses Herrscher-Symbol das Dach des Königspalastes. Die Fülle an Kunstwerken aus dem ehemaligen Königreich Benin, die dann folgt, ist überwältigend. Barbara Plankensteiner, Direktorin des Museums am Rothenbaum, hat die Ausstellung kurzfristig geplant, denn im kommenden Jahr soll nun tatsächlich die Rückführung der geraubten Kunstschätze nach Nigeria beginnen. "Für uns ist es eigentlich eine Abschieds- und Informationsausstellung, mit der wir Transparenz üben wollen", so Plankensteiner. "Wir wollen unsere ganz Sammlung zeigen, jedes einzelne Stück, das bei uns in der Sammlung als zum Benin-Reich gehörend kategorisiert worden ist.

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Ausstellungsansicht "Benin. Geraubte Kunst" im MARKK © MARKK Foto: Paul Schimweg

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Insgesamt sind es 179 Objekte: Tierdarstellungen, Schmuck, Altäre oder Zeremonialgegenstände. "Diese Werke sind nicht nur Bronzen, es sind auch feine Elfenbeinschnitzereien, Werke aus Eisen und aus Holz", stellt Plankensteiner klar. "Aber am bekanntesten sind die sogenannten Bronzen: Reliefplatten und königliche Gedenkköpfe." Die Reliefplatten aus dem 16. und 17. Jahrhundert erzählen Geschichte: "Das sind Platten, die einerseits historische Momente des Kömigreichs zeigen, aber vor allem auch höfische Würdenträger, wie sie bei Hofzeremonien aufgetreten sind. Und das ergibt ein sehr lebendiges Bild dieses historischen Königreichs."

Welche Rolle spielte Hamburg bei der Verbreitung der geraubten Bronzen?

Im Februar 1897 unterwarfen britische Truppen das Königreich Benin mit brutaler Gewalt und raubten aus dem königlichen Palast zwischen 3.000 und 5.000 Kunstschätze. Als Mitbegründerin des "Benin-Dialogs" arbeitet Barbara Plankenstein seit 2010 auf die Rückführung der Werke hin. Eine Forschungsgruppe hat die Rolle Hamburgs bei der weltweiten Verbreitung der geraubten Bronzen erforscht und die Herkunftsgeschichte der eigenen Benin-Sammlung. Tatsächlich kamen alle Museumsstücke über den Hafen in die Stadt. "Es waren vor allem Hamburger Firmen, die Handelsniederlassungen an der nigerianischen Küste hatten und die Beispiele dieser höfischen Kunst nach Hamburg gebracht haben, gleich nachdem die Briten das Reich erobert haben", erzählt Plankenstein.

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Wenige Monate später konnte der Gründungsdirektor des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe, Justus Brinkmann, die ersten Stücke erwerben. Brinkmann erkannte die herausragende künstlerische und kulturhistorische Bedeutung der Bronzen, stellt die Stücke auf einer Anthropologentagung in Lübeck vor und weckte damit das Interesse bei Museen und Sammlern. "Er hat sich dann selbst als Unterhändler etabliert", weiß Plankenstein. "Er selbst hat maßgeblich dazu beigetragen, dass solche Werke, die über den Hamburger Hafen nach hierher gelangt sind, über ganz Kontinentaleuropa verbreitet wurden, aber hauptsächlich in den deutschen Museen."

"Die Ausstellung gibt uns die Gelegenheit zu reflektieren"

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Das MARKK in Hamburg frontal gesehen © Paul Schimweg/MARKK

Kulturpartner: Museum am Rothenbaum

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Nach einem Gipfelgespräch in Nigeria bereitet Deutschland jetzt die komplette Übertragung der Eigentumsrechte von 1.100 Objekten in deutschen Museen vor. Die Klärung der Eigentumsfrage sei zentral bei der Restitution, sagt der Generaldirektor der nigerianischen Kommission für Museen und Denkmäler Abba Isa Tijani. Es soll kein Vakuum entstehen, so Tijani, ausgesuchte Werke sollen weiterhin in deutschen Museen zu sehen sein. Wichtig sei die dauerhafte internationale Zusammenarbeit der Museen.

In Hamburg, so Kultursenator Carsten Brosda, werden parallel zu den Bemühungen auf Bundesebene bereits alle Vorbereitungen für die Übereignung der Museumsstücke getroffen: "Die Ausstellung ist ein wichtiger Schritt, weil sie nochmal zeigt, was für Schätze wir in unseren Hamburger Sammlungen haben. Sie gibt uns die Gelegenheit zu reflektieren, warum die eigentlich hier sind und warum es jetzt angezeigt ist, sie zu restituieren."

 

VIDEO: Raubkunst: Was passiert mit den Benin-Bronzen? (16 Min)

"Geraubte Geschichte": MARKK Hamburg präsentiert Benin-Sammlung

Die sogenannten Benin-Bronzen spielen eine zentrale Rolle in der Debatte um die Restitution geraubter Kunst.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ort:
Museum am Rothenbaum
Rothenbaumchaussee 64
20148 Hamburg
Telefon:
(040) 42 88 79 - 0
E-Mail:
info@markk-hamburg.de
Preis:
8,50 Euro, ermäßigt 4,50 Euro
Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag: 10 bis 18 Uhr
Donnerstags bis 21 Uhr
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 16.12.2021 | 16:20 Uhr

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