Carlos Saura © NurPhoto / Oscar Gonzalez Foto: Oscar Gonzalez

Bildgewaltiges Kino: Carlos-Saura-Filme in der Arte Mediathek

Stand: 19.05.2021 07:12 Uhr

Der spanische Regisseur Carlos Saura war einer der brillantesten filmischen Kritiker des autoritären Franco-Systems. Vier Saura-Filme aus den 60er- und 70er-Jahren sind jetzt in der Arte Mediathek zu sehen.

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von Hartwig Tegeler

Ein Jagdwochenende: Drei ältere Männer und der etwas jüngere Schwiegersohn des einen wollen Kaninchen erlegen. Sie sitzen unter einem Zeltdach und bereiten die Waffen vor. Aber mit jedem erlegten Tier - drastisch, brutal gezeigt in Carlos Sauras Film "Die Jagd" - wird klar, dass es hier auch um geschäftliche Interessen, ums Überleben, um das Ausstechen des Anderen geht, also um gnadenlose Macht und Herrschaft.

"Ein richtiger Jäger schießt keine Kaninchen. Unschuldige Tiere, die sich nur verstecken wollen", meint der eine. Lächerlich, meint der andere, der Unternehmer: "Die Schwachen haben im Leben nichts zu suchen. Das ist ein Naturgesetz." Und fügt dann noch hinzu: "Die Jagd ist wie das Leben: Die Großen fressen die Kleinen." Die Gruppe von Männern, die sengende Sonne, der unbewusste Treibsatz, aus dem Groll, Eifersucht und Frustrationen hervortreiben und am Ende in einem Massaker explodieren.

Gnadenlose Analyse der spanischen Franco-Gesellschaft

Geraldine Chaplin und Fernando Fernan Gomez im Film "Anna und die Wölfe" © Everett Collection Foto: Everett Collection
Geraldine Chaplin und Fernando Fernan Gomez im Film "Anna und die Wölfe"

Carlos Sauras erster Spielfilm stammte von 1959, aber mit seiner Allegorie "Die Jagd" von 1966 erregte der spanische Filmemacher - Silberner Bär auf der Berlinale - internationales Aufsehen. Und hier schon wird die filmische Sprache sichtbar, die Sauras beibehalten wird. Da ist immer dieser Resonanzboden des spanischen Bürgerkrieges und die Erfahrung des autoritären Franco-Regimes, das erst 1977 sein Ende fand; da ist immer die toxische Männlichkeit in Verbindung mit dem repressiven Ort namens Familie. "Die Jagd", "Pfefferminz Frappe", "Züchte Raben..." und "Anna und die Wölfe" stehen für eine präzise und gnadenlose Analyse der spanischen Gesellschaft unter Franco.

Alle vier Filme waren damit dem Prozedere der Zensur unterworfen. Wie das ablief, erzählte Carlos Saura einmal: "Es gab zwei Zensuren. Die Vorzensur war die gefährlichere. Dafür haben wir manchmal das Drehbuch umgeschrieben, etwa für das Wort 'Soldat' 'Samurai' eingefügt. Oft haben wir uns indirekt und symbolisch ausgedrückt. So sagte die Zensurbehörde nach der Prüfung von 'Anna und die Wölfe': Kein Problem, das versteht sowieso keiner."

Carols Saura: Bildgewaltiges Kino in der Arte Mediathek

Carlos Saura betrachtet dabei seine Figuren bei ihren Handlungen, zeigt ihre Zerstörtheit und ihre Zerstörungskraft. Und nicht selten verschwimmen die Grenzen zwischen Realismus, Horrorfilm, Komödie und Märchen; fast immer brechen Horror und Gewalt hervor. So sind die drei Männerfiguren in "Anna und die Wölfe" Allegorien auf die Kirche, das Militär und die Sexualität. Und dann gleitet das Reale - so, wie bei Sauras Freund Luis Buñuel - immer auch hinüber in das Jenseits von ihm. Carlos Saura sagte: "Ich glaube, dass der Film besonders dazu geeignet ist, Erinnerungen und Vorstellungen hervorzubringen. Jeder hat im Kopf seine eigenen Filme. Meine Filme sind nie realistisch, vielmehr eine Art Flucht, in dem Sinne, wie Luis Buñuel gesagt hat: Das Reinste ist die Einbildungskraft."

Vor allem bekannt wurde Saura hierzulande durch seine Tanzfilme wie "Tango" oder "Fados", die er nach dem Ende des Franco-Regimes drehte. Doch die vier Filme, die bis in den Herbst hinein in der Arte Mediathek zu sehen sind, bieten die wunderbare Chance, ein großes europäisches, bildgewaltiges, mythenreiches und gesellschaftskritisches Kino zu entdecken. Oder auch: alte Schätze zu heben.

Weitere Informationen
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Die Jagd / Pfefferminz Frappe / Anna und die Wölfe / Züchte Raben...

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
1965 / 1967 / 1972 / 1975
Produktionsland:
Spanien
Regie:
Carlos Saura
Länge:
92 Min. / 92 Min. / 102 Min. / 112 Min.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 18.05.2021 | 06:40 Uhr

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