Johannes M. Schmit hält den Max-Ophül-Preis für seinen Film Neubau in die Kamera © picture alliance/dpa | Oliver Dietze Foto: Oliver Dietze

Johannes Schmits Film "Neubau" ist mehr als ein Heimatfilm

Stand: 08.04.2021 08:21 Uhr

"Neubau" von Johannes M. Schmit hat im letzten Jahr den Max-Ophüls-Preis gewonnen. Jetzt ist der Film auf dem Streamingportal Salzgeber zu sehen.

von Katja Nicodemus

Es gibt solche Momente, in denen man am liebsten in einen Film hineingehen würde, sich dazusetzten möchte. Drei Menschen an einem Sommertag in der Uckermark. Markus, seine Großmutter und deren Freundin lesen Holunderblüten ab. Das Radio läuft. Dann der Stimmungswechsel.

Zwei ältere Damen (Monika Zimmering und Jalda Rebling) sitzen auf dem Rücksitz eines Autos im Film  "Neubau" © Salzgeber & Co Medien GmbH
Markus' besucht auch seine Oma und deren Lebensgefährtin.

Markus, Mitte dreißig, arbeitslos, lebt in der Uckermark ein wenig ziellos vor sich hin. In dem Film "Neubau" von Johannes M. Schmit folgt ihm die Kamera durch den Tag. Der Job auf der Straußenfarm, die Besuche bei der Großmutter und ihrer Lebensgefährtin, der Omi. Die Großmutter leidet unter Demenz. Umso cooler wirkt die Begrüßung.

Darsteller Tucké Roayle mit stiller Präsenz

Die sexuelle Begegnung mit einem Bekannten, das abendliche einsame Bier. Das Rauchen - und natürlich, ganz wichtig auf dem Land: Das Auto. "Stonewall" steht auf Markus' alter Karre. Stonewall wie die legendäre Schwulenbar in New York. Gemeinsam mit dem jungen Mann durchqueren wir die sanft hügelige Landschaft mit ihren manchmal bizarr aussehenden, von Misteln bewachsenen Bäumen.

Die Landschaft wird zum Freiheits- und Sehnsuchtsraum für den jungen Mann und seine Träume. Tucké Roayle spielt ihn mit einer introvertierten Präsenz. Dieser Markus verströmt eine anrührende Verlorenheit. Und irgendwann muss Markus seinen Traum auch aussprechen.

In "Neubau" wird wenig gesprochen, aber viel gesagt

Immer wieder führen Markus' Fahrten an einem Haus vorbei, in dem ein junger Deutschvietnamese lebt. Duc, der regelmäßig in einem nahen See badet, wird für Markus zum aus der Ferne angehimmelten Objekt der Begierde. Irgendwann werdend die beiden gemeinsam schwimmen. Und dann gibt es diesen schönen Dialog - in einem Film, in dem ansonsten wenig gesprochen, aber viel gesagt wird.

Tucké Royal (links) - Autor und Hauptdarsteller des Filmes "Neubau" von Johannes M. Schmitt lehnt an einem Auto neben Minh Duc Pham (Duc) © Salzgeber & Co Medien GmbH
Markus (Tucké Royal) trifft in der Uckermark auf Duc (Minh Duc Pham). Wird er dort bleiben?

Wird Markus in der Uckermark bleiben? Und wird er vielleicht irgendwann nicht mehr die Fantasiegestalten brauchen, die abends seine Wohnung bevölkern? Eine bunte Truppe von Wahlverwandten und queeren Kameradinnen und Kameraden, die sich, begleitet vom Elektrosound,  zu einer kleinen Party formieren.

Langsam wird "Neubau" zu einem "Heimatfilm". Ohne dass sie ausgesprochen werden müssen, stellen sich für Markus Fragen, die uns alle betreffen: Wo gehören wir hin? Was genau bedeutet Heimat? Und kann Heimat nicht einfach der Ort sein, wo wir lieben. Oder wo wir küssen, - begleitet vom Geräusch eines Zuges, das von Ferne ja immer so sehnsüchtig wirkt.

"Neubau" ist auf dem Streamingportal Salzgeber zu sehen.

Neubau

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2020
Produktionsland:
Deutschland
Zusatzinfo:
mit Tucké Royale, Monika Zimmering, Jalda Rebling
Regie:
Johannes Maria Schmit
Länge:
81 min
FSK:
16 Jahre
Kinostart:
Zur Zeit nur bei einem Streaming-Anbieter zu sehen

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 08.04.2021 | 07:20 Uhr

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