Peter Kurth (l) als Bruno und Daniel Brühl als Daniel in einer Szene des Films "Nebenan" © dpa/Warner Bros/Reiner Bajo

"Nebenan": Überzeugendes Regiedebüt von Daniel Brühl

Stand: 16.07.2021 12:46 Uhr

In "Nebenan" führt Daniel Brühl erstmal selbst bei einem Film Regie und nimmt sich und die Rolle des Schauspielers dabei selbstironisch auf die Schippe.

von Bettina Peulecke

Bei seiner ersten Arbeit hinter der Kamera hat sich Daniel Brühl auch gleich selbst vor der Kamera besetzt. Brühl spielt Daniel, einen erfolgreichen Filmstar, der sich in einer Kneipe mit einem übergriffigen Nachbarn auseinandersetzen muss. "In einem kleinen Mittagsrestaurant in Barcelona ging das Ganze los. Das ist schon zehn Jahre her, oder über zehn Jahre." Damals, erzählt ein sehr aufgeräumter, sehr gut gelaunter Daniel Brühl hat er bemerkt, wie ihn ein "Brecher" von einem Mann, wie sich der Schauspieler ausdrückt, argwöhnisch beobachtet habe. Er hatte gerade seine eigene Wohnung in Barcelona bezogen, fühlte sich wie ein Einheimischer und merkte doch, dass Andere das offenbar nicht so sahen.

Daniel Brühls erster Film trägt viele autobiografische Züge

Daniel wohnt mit Familie und Kindermädchen in einem hippen Berliner Viertel. Zu einem Vorsprechen für eine Rolle in einem Superhelden-Film soll er nach London fliegen. Auf dem Weg zum Flughafen macht er Zwischenstopp in seiner Stammkneipe an der Ecke. Ein Unbekannter an der Theke nähert sich Daniel, zunächst mit der Bitte um ein Autogramm:

Sie erkennen mich nicht, oder?
Sollte ich Sie erkennen?
Ja, offensichtlich nicht. Wenn Sie mich noch nie bemerkt haben, dann brauchen Sie mich auch nicht zu erkennen.
Wo hätte ich Sie denn bemerken sollen?
In unserem Haus.
Sie wohnen in meinem Haus?
Nein, Sie wohnen in meinem - ich bin schon ein bisschen länger da.

Daniel aus der schönen, neuen Erfolgswelt steht in scharfem Kontrast zu dem namenlosen, in die Jahre gekommenen Bruno aus Ostdeutschland, dessen Leben nicht wie im Bilderbuch verlaufen ist. Peter Kurth spielt diesen Mann als kongeniales Gegenüber. Seine Figur entwickelt sich von schmeichelhaft über rätselhaft bis hin zu bösartig-bedrohlich. Der Fremde kennt nicht nur alle Filme von Daniel, er hat auch tiefe Einblicke in Daniels Privatleben. Es entwickelt sich ein ironisch bis zynisches Wortduell. Die Chemie zwischen den Schauspielern stimmt, die Themen werden genereller, es geht um Gentrifizierung, soziale Ungerechtigkeit, Versagensängste und Aufrichtigkeit.

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"Nebenan"-Drehbuch von Daniel Kehlmann

Daniel Brühl wollte eine schwarze Komödie drehen und kam für das Drehbuch auf den Bestseller-Autor Daniel Kehlmann: "Ich wollte nie, bei dem ganzen Ernst, der dem Ganzen zugrunde liegt und bei den politischen und sozialen Themen, die da verhandelt werden, den Humor verlieren - und da fiel mir sofort Kehlmann ein." Daniel Kehlmann hatte bereits das Drehbuch zu "Ich und Kaminski" geschrieben, in dem Daniel Brühl auch die Hauptrolle spielte. Der Autor sagte sofort zu - und die Zusammenarbeit wird sich in Zukunft fortsetzen.

Überzeugendes Kammerspiel

Im Film wie im Leben nimmt Daniel Brühl seine eigene Person und seine Rolle als Schauspieler durchaus selbstironisch auf die Schippe. Denn der Sohn eines Fernsehregisseurs weiß, wovon er spricht: "Als ich jünger war, habe ich im Ansatz erlebt, wie das sein könnte, wenn man sich in diesem Beruf verliert, oder in dem Ruhm. Ich wurde früh genug von meinem Vater davor gewarnt, was mit Schauspielern passieren kann, denen es zu gut geht."

Gut ist auch, wenn man ein paar Filme von Daniel Brühl kennt, denn sonst verpuffen viele der Anspielungen in diesem in weiten Teilen überzeugenden Eckkneipen-Kammerspiel.

Nebenan

Genre:
schwarze Komödie
Produktionsjahr:
2021
Produktionsland:
Deutschland
Zusatzinfo:
mit Daniel Brühl, Peter Kurth, Rike Eckermann, Aenne Schwarz
Veröffentlichungsdatum:
15. Juli
Regie:
Daniel Brühl
Länge:
92 Minuten
FSK:
ab 12 Jahre

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 14.07.2021 | 08:55 Uhr

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