Szene aus dem Film "Martin Eden" © Kino International/Courtesy Everett Collection

"Martin Eden": Ein neapolitanischer Jack-London-Film

Stand: 26.08.2021 07:36 Uhr

In "Martin Eden", der Adaption des gleichnamigen autobiografisch angehauchten Romans von Jack London, geht es um einen Matrosen, der Schriftsteller werden will.

von Katja Nicodemus

Die Klänge eines französischen Chansons wollen nicht so recht zu der Welt passen, von der hier erzählt wird. Einer Welt der Matrosen, des Fernwehs, der schmuddeligen Häfen. Ohnehin leistet sich der Italiener Pietro Marcello einen kühnen - ja wilden - Zugang zu Jack Londons Roman "Martin Eden". Er verlegt das Geschehen in ein zeitloses Neapel zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert. Die Farben der Handlungsszenen sind satt koloriert und erinnern an italienische Filme der 50er-Jahre. Die Musik kommt zum großen Teil aus dem 21. Jahrhundert.

Luca Marinelli als Matrose,der die Literatur entdeckt

Die bewegliche Kamera begegnet Eden als Seemann auf Landgang. Eine Kette von Zufällen verschlägt den Matrosen in die Villa der reichen Bürgerfamilie Orsini. Dort begegnet er der jungen schönen Tochter des Hauses - und zum ersten Mal der Kunst, in Gestalt eines impressionistischen Gemäldes.

Noch eine Schicksalsbegegnung findet hier statt: Martin Eden verliebt sich nicht nur in Elena, sondern auch in die Literatur, auf die er in der prachtvollen Bibliothek der reichen Familie stößt. Es ist berührend, wie der italienische Schauspieler Luca Marinelli diesen Matrosen spielt, der plötzlich eine andere Welt entdeckt - zwischen Entdeckungsfreude und Naivität.

"Martin Eden": Geschichte über gesellschaftlichen Aufstieg

Martin Eden will nur noch eines: Schriftsteller werden. Den gesellschaftlichen Aufstieg schaffen, um Elena zu heiraten. Wir erleben einen Helden, der auszieht, die Klassengesellschaft zu überwinden. Martin Eden fährt weiter zu See. Er bildet sich, leidenschschaftlich, obsessiv.

Pietro Marcellos neapolitanischer Jack-London-Film zeigt die Zerrissenheit seines Helden auch durch die filmischen Mittel. Populäre italienische Schlager über dem Meer erzählen von Martin Edens proletarischer Herkunft, von seinem Matrosendasein. Historische Aufnahmen zeigen italienische Anarchisten zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Sie flankierten die Geschichte eines Aufsteigers, der mit seiner Literatur das Oben und Unten der Industriegesellschaft erschüttern, zerstören, auf den Kopf stellen will. Dokumentarische Bilder von Bücherverbrennungen wiederum verdeutlichen den heraufziehenden Faschismus. Und immer wieder sieht man Aufnahmen der Stadt Neapel aus den 1970er- und 1980er-Jahren. Wir sehen Straßen, in denen Martin Eden vielleicht seine Kindheit verbracht hat - und es fährt auch mal ein Porsche durchs Bild.

Pietro Marcello erzählt eine universelle Geschichte

Martin Eden schafft den Weg zum berühmten Schriftsteller. Aber letztlich wird er sich selbst dafür hassen, dass er diesen Weg gegangen ist, um in den Augen seiner Geliebten zu bestehen. Ein Mann lässt seine Herkunft hinter sich und verliert den Boden unter den Füßen. Auf einer Pressekonferenz überlässt sich der inzwischen berühmte Literat seinem Selbst- und Welthass.

Pietro Marcello hat aus Jack Londons nordamerikanischem Roman eine zeitlose universelle Geschichte gemacht. Sie handelt von einer Liebe, die die Klassengesellschaft überwinden will und doch an ihr zerschellt. Und sie stellt eine zeitlose Frage: Kann man überhaupt gesellschaftlich aufsteigen, die oberen erreichen, ohne die unteren hinter sich zu lassen?

Martin Eden

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2019
Produktionsland:
Italien, Frankreich, Deutschland
Zusatzinfo:
mit Luca Marinelli, Jessica Cressy, Denise Sardisco
Regie:
Pietro Marcello
Länge:
129 Minuten
FSK:
ab 6 Jahre
Kinostart:
26. August

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 26.08.2021 | 07:20 Uhr

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