Investigativ-Journalist Catalin Tolotan und seine Kollegin Mirela Neag während der Recherchen auf einer Steintreppe © MDR/Alexander Nanau

"Kollektiv - Korruption tötet": Skandal im Gesundheitssystem

Stand: 24.03.2021 06:00 Uhr

Die Doku "Kollektiv - Korruption tötet" zeigt, wie nach einem tödlichen Brandunglück in einem Bukarester Club, ein komplexes System von Korruption im rumänischen Gesundheitssystem aufgedeckt wird.

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von Hartwig Tegeler

27 Menschen sterben an jenem 30. Oktober 2015 bei einem Brand im Bukarester Musikclub "Colectiv". Doch der Film des deutsch-rumänischen Filmemachers Alexander Nanau zeichnet nur kurz den verheerenden Brand nach. Vor allem thematisiert er, was danach passiert. Obwohl die rumänische Regierung öffentlich beteuert, dass alle Verletzten die bestmögliche Versorgung bekommen, sterben 37 Verletzte.

Gleich am Anfang trifft der Journalist Cătălin Tolontan von der Zeitung Gazeta Sporturilor eine Whistleblowerin: "Ja, also, sie sind alle an Keiminfektionen gestorben. Sie haben das praktisch verheimlicht." Die Journalisten machten den Skandal publik, und bald geht es um das Versagen des Gesundheitssystems und um zehnfach verdünnte und damit lebensgefährliche Desinfektionsmittel in den Krankenhäusern. Filmemacher Alexander Nanau folgt den Recherchen seiner Protagonisten. So entsteht das Bild eines verschlungenen Labyrinths aus politischen Interessen, Mauscheleien und Korruption.

Alexander Nanau folgt den Journalisten bei ihren Recherchen

Investigativ-Journalist Catalin Tolotan telefoniert mit dem Handy - Szene aus "Kollektiv" - die rumänische Oscarhoffnung © MDR/Alexander Nanau
Investigativ-Journalist Catalin Tolotan telefoniert mit dem Handy.

Spielfilm-Thriller wie "Die Unbestechlichen", "Spotlight" oder "Die Verlegerin" zeigen das investigative journalistische Handwerk in einer fiktiven Dramaturgie, bei der wir quasi an jeder Redaktionssitzung teilnehmen. Doch verblüffenderweise entsteht genau solch ein Eindruck von Nähe auch bei "Kollektiv". Wenn der Dokumentarfilm Cătălin Tolontan bei seiner Arbeit zeigt, hat man immer wieder den Eindruck, als sei gar keine Kamera anwesend.

Alexander Nanaus Film hat eine atemberaubende Dichte, die auch nicht nachlässt, wenn er die Überlebende Mariana Oprea zeigt, die sich mit ihren Brandnarben nackt für eine Ausstellung fotografieren lässt. Auch der Wechsel zur dritten Perspektive lässt den Film nicht auseinanderbrechen. Da geht es um Vlad Voiculescu, der nach dem Abdanken der Regierung wegen des Krankenhausskandals Gesundheitsminister wird, das korrupte System verändern will, und das Filmteam bei den Sitzungen des Ministeriums dabei sein lässt. Zu sehen: der Kampf eines jungen, engagierten Politikers gegen Windmühlen.

Großer Film gegen ein menschenverachtendes System

Am Ende wird der neue Gesundheitsminister abgewählt, seine Anti-Korruptionskampagne verläuft im Sande. Wir können nur hoffen, dass der Untertitel der Doku "Korruption tötet" nicht eine weitere Bedeutung bekommt. Eine der letzten Szenen zeigt die Journalisten der Gazeta-Sporturilor bei einer Redaktionskonferenz: "Jemand vom Geheimdienst hat uns gesagt, wir sollten mehr auf unsere Familien achten. - Wie sagt er? Was haben wir getan? - Wir hätten in ein Nest skrupelloser Mafiosi gestochen."

"Kollektiv - Korruption tötet" - in zwei Kategorien für Oscars 2021 nominiert

Dramatik, Spannung, ein aufwühlendes Thema, das ist das eine bei diesem Dokumentarfilm. Faszinierend ist "Kollektiv" aber auch, weil dieser große Film mit den Journalisten, dem jungen Politiker und den Brandopfern Menschen in ihrem aufwühlenden Kampf gegen ein menschenverachtendes System zeigt. In gleich zwei Kategorien wurde "Kollektiv - Korruption tötet" für die Oscars 2021 nominiert - als "Bester Internationaler Film" und zugleich als "Bester Dokumentarfilm".

Kollektiv - Korruption tötet

Genre:
Dokumentarfilm
Produktionsland:
Rumänien, Luxemburg
Regie:
Alexander Nanau
Länge:
109 Minuten
Kinostart:
in der ARD Mediathek abrufbar

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 24.03.2021 | 06:40 Uhr

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