Ein Kind mit Schleife in den kinnlangen Haaren lächelt leicht. © Salzgeber Medien

Filmtipp: "Kleines Mädchen" - Porträt eines Transkindes

Stand: 11.03.2021 14:17 Uhr

In seinem Dokumentarfilm "Petite Fille" - "Kleines Mädchen" - setzt sich der französische Filmemacher Sébastien Lifshitz mit der Frage von Geschlechteridentitäten auseinander.

Ein Kind mit Schleife in den kinnlangen Haaren lächelt leicht. © Salzgeber Medien
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von Katja Nicodemus

Schon die erste Einstellung setzt den Ton. Ein Mädchen, etwa sieben Jahre alt, längere braune Haare, macht sich vor dem Spiegel zurecht. Die Kleine trägt ein schimmerndes Kleid. Sie probiert ein Stirnband an, dann einen Hut. Sacha ist ein Transkind. Ein Mädchen, geboren im Körper eines Jungen.

Über mehr als ein Jahr hinweg hat der französische Filmemacher Sébastien Lifshitz Sacha und ihre Familie begleitet. Im Alltag, bei Spielen, bei Gesprächen. Er folgt Sachas Mutter zu einem Psychologen, dem sie erzählt, Sacha habe schon mit drei Jahren gesagt: "Wenn ich groß bin, möchte ich ein Mädchen sein."

Sébastien Lifshitz wirft behutsamen Blick auf den Alltag

Eine Familie macht im Abendlicht ein Picknick auf einer Wiese. © Salzgeber Medien
Die Familie hält bedingungslos zu Sacha und begleitet und stützt sie auf ihrem Weg.

Der Film "Petite fille", "Kleines Mädchen", stellt Sachas gefühlte Identität nicht in Frage. Und auch wir haben keinen Zweifel daran, ein Mädchen zu sehen, wenn Sacha mit goldenen Schühchen Fußball spielt oder wenn sie bei einem Go-Kart-Rennen gewinnt. Die Kamera zeigt Alltagsszenen der Familie Kovac, die in der französischen Provinz nicht weit von Paris lebt. Mutter, Vater, halbwüchsige Tochter, zwei Brüder und: Sacha. Durch ihren behutsamen Blick erzeugt die Kamera eine Intimität. Morgens ist die Kamera dabei, wenn Sacha von ihrer Mutter im Halbdunkel in ihrem Bett geweckt wird. Wenn sie tagsüber mit den Geschwistern kuschelt. Oder wenn Sacha beim Ballettunterricht aufblüht zwischen den anderen Mädchen. Obwohl sie dabei kein Kleid tragen darf.

Still ausgetragenes Drama in der Schule

Warum darf sich Sacha nicht überall so anziehen, wie sie sich fühlt? Hinter dieser Frage lauert ein von Sacha still ausgetragenes Drama. In der Schule haben der Direktor und Sachas Lehrerin kein Verständnis für ihre Situation. Aus den Gesprächen und Erzählungen der Eltern ergibt sich folgendes Bild: In der Schule meint man, dass Sacha auf den "rechten Weg" zurückkommen solle. Ihre Mutter reagiert kämpferisch, mit unbedingter Solidarität. Gemeinsam mit ihrer Tochter sucht sie die Unterstützung einer Pariser Klinikärztin, die auf Geschlechteridentitäten spezialisiert ist. Sie soll das Papier ausstellen, mit dem auch für die Schule Sachas Mädchensein, nun ja: bewiesen wird.

"Kleines Mädchen" zeigt bedingungslosen Rückhalt in der Familie

Im Verlauf des Films erleben wir Sachas Entwicklung. Sie wird an Selbstbewusstsein und Selbstsicherheit gewinnen. Vielleicht durch die Unterstützung der Ärztin, vielleicht, weil ihre Familie ihr so bedingungslos Rückhalt gibt. Oder weil sie selbst innerlich kämpferischer wird. Endlich traut sie sich, eine Schulkameradin nach Hause einzuladen, in ihr Mädchenzimmer. Dort, wo sie eine Barbiepuppe als "schönste Prinzessin der Welt" anzieht - und wohl auch ein bisschen sich selbst meint.

Ein Kind im Rock und mit Feenflügeln auf dem Rücken tanzt durch einen Garten © Salzgeber Medien
In der Schule ist es Sacha lange Zeit untersagt, sich wie ein Mädchen zu kleiden.

Und dann diese Szene: Sacha mit Mutter und Bruder im Kaufhaus. Die Kleine bekommt den offenbar ersehnten Bikini gekauft. Später, im Urlaub am Strand, springt sie befreit über den Sand. Ein rosa Fetzen aus Stoff wird zum Zeichen für das Einssein von Außenwelt und Innenwelt.

Wieder begleiten wir Sacha und ihre Eltern zur Ärztin nach Paris. Der Kampf der Familie war erfolgreich. Die medizinische Bescheinigung hat ihre Wirkung getan. Endlich darf Sacha in der Schule Mädchenkleidung tragen. Es ist berührend, die Freude auf dem Gesicht des Mädchens zu sehen. Jeder Mensch habe auf der Welt eine Aufgabe, sagt Sachas Mutter. Vielleicht sei Sacha auf der Welt, um die Einstellungen und Haltungen der Menschen zu ändern. Vielleicht. Man wünscht ihrer Tochter nur eines: dass sie glücklich werden möge.

Kleines Mädchen

Genre:
Dokumentarfilm
Produktionsjahr:
2020
Produktionsland:
Frankreich
Veröffentlichungsdatum:
18. Februar 2021
Regie:
Sébastien Lifshitz
Länge:
85 Minuten
FSK:
ab 6 Jahren
Kinostart:
auf DVD erhältlich und als Stream auf dem Portal Salzgeber Club

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 11.03.2021 | 07:20 Uhr

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