Stand: 03.11.2018 06:00 Uhr

TV-Utopie: Norwegerin trainiert Männerfußballelf

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Der Norweger Arild Andresen hat bei den ersten zwei Folgen der TV-Serie "Home Ground" Regie geführt.

Eine Frau trainiert eine Erstliga-Fußballmannschaft: Noch ist das eine Utopie. Die norwegische TV-Serie "Home Ground" setzt diese spannend in Szene - mit Norwegens beliebtester Schauspielerin Ane Dahl Torp und einem ehemaligen internationalen Fußballstar - John Carew. Ein Gespräch mit dem Regisseur Arild Andresen über die Serie, von der die ersten zwei Folgen bei den Nordischen Filmtagen Lübeck zu sehen sind.

Herr Andresen, bei der Publikumsvorstellung der Serie in Lübeck haben Sie den Nordischen Filmtagen Lübeck zum 60. Jubiläum gratuliert und gesagt, in den 60 Jahren habe sich viel getan, einiges aber habe sich gar nicht verändert. Was meinen Sie damit?

Arild Andresen: Unsere Welt hat sich in vielerlei Hinsicht in den letzten 60 Jahren sehr stark verändert. Aber es gibt Dinge, die selbst jetzt, 2018, noch als undenkbar gelten. Eine davon ist, dass eine Fußballtrainerin auf keinen Fall eine Fußballmännermannschaft auf Erstliganiveau trainieren kann. In der Geschichte des Fußballs hat es das noch nicht gegeben. Daher denken viele, dass das nicht passieren wird. Ich hingegen glaube, es wird kommen.

Wie schwer ist es gewesen, gute Produktionsbedingungen für die Serie "Home Ground" zu finden?

Andresen: Es war gar nicht so schwer, die Serie zu produzieren. Das Konzept war klar: Wir haben diese einsame Frauenfigur, die in diese männliche Welt eintaucht und die dortigen Kräfte herausfordert, um sich dort zu behaupten, wo es viel Skepsis und viel Gegenwind gibt. Das ist ein starker Konflikt. Fußball ist in diesem Fall nur eine Metapher für vieles im Leben, wo Frauen noch nicht als gleichgestellt akzeptiert werden. Die Leute waren an den Konflikten der Trainerin zu Hause und am Spielfeld interessiert.

Warum sollte sich jemand, der gar keinen Fußball mag, diese Serie anschauen?

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Die Serie kann mit Top-Besetzung aufwarten: Mit Ane Dahl Torp als Trainierin und mit dem ehemaligen Profi und John Carew - dem 1,95 Meter großen Fußballer, der lange im spanischen Valencia gespielt hat.

Andresen: "Home Ground" deckt viele Interessen ab. Der zentrale Schauplatz ist zwar der Fußball, aber es geht um die Gender-Debatte und um Ehrgeiz, Kompetenz und Akzeptanz. In diesem Fall um die Akzeptanz einer Außenseiterin, die den Mut hat, in eine männliche Fußballwelt einzutauchen. Die Besetzung ist fabelhaft, Ane Dahl Torp ist eine unserer besten Schauspielerinnen, sie spielt Helena Mikkelsen, eine allein erziehende Mutter, die einem Erstliga-Verein den Klassenerhalt sichern soll. Wir haben sowohl junge als auch versierte Schauspieler und dann gibt es obendrein John Carew, der wohl berühmteste norwegische Fußballprofi. Er spielt eine sehr wichtige Rolle in der Serie.

Wie war die Reaktion auf die vom staatlichen Sender NRK produzierte Serie in Norwegen?

Andresen: Wir kriegen von vielen Leuten, die sich noch nie für Fußball interessiert haben, die Rückmeldung, Fußball sei doch interessant. Zumindest so, wie wir den Sport in der Serie zeigen.

Und wie war die Reaktion in der norwegischen Profi-Fußballwelt?

Andresen: (lacht) Natürlich sind die Profifußballer gefragt worden, ob sie sich vorstellen können, dass eine Frau sie trainiert, und die meisten haben sich gar nicht getraut, mit etwas anderem als "Ja" zu antworten. Wir hatten viel positives Feedback aus der Fußballwelt. Alle Teams, die in der Serie gegen unsere fiktive Mannschaft spielen, sind echte Teams, die zwar von Schauspielern in den Spielen dargestellt werden, aber die Trikots und die Stadien sind echt. Auf den sozialen Medien haben die Vereine damit gespaßt, wenn sie in der Serie verloren haben. Sie haben die Serie positiv kommentiert und öffentlich darüber gesprochen.

Was klemmt sich Helena Mikkelsen - also die Schauspielerin Ane Dahl Torp - am Spielfeldrand eigentlich immer zwischen die Oberlippe und die Zähne?

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Der Verein, den Helena Mikkelsen trainiert, ist zwar fiktiv. Die Stadien und Vereine, gegen die Mikkelsens Mannschaft spielt, sind echt.

Andresen: Ich weiß nicht, ob das in Deutschland erlaubt ist. In Norwegen heißt es Snus. Es ist Nikotin in Form eines kleinen braunen Balls, das von der Mundschleimhaut absorbiert wird. Viele Fußballspieler haben das früher genommen, weil sie nicht rauchen dürfen, da es ihre Lungen beeinträchtigen würde. Heute ist das Gesundheitsbewusstsein stärker und es ist nicht mehr so populär bei den Spielern - aber bei den Trainern durchaus noch! Ane Dahl Torp konsumiert das übrigens privat und hat das mit in ihre Rolle gebracht.

Wie viele Folgen von der Serie "Home Ground" gibt es insgesamt?

Andresen: Es sind zehn Episoden, die den ganzen Ablauf einer Fußballsaison abbilden. Die Serie hatte einen so großen Erfolg, dass die zweite Staffel schon in Arbeit ist.

Wo kann man die Serie in Deutschland sehen?

Andresen: Wir haben sie zum Teil schon nach Europa verkauft, aber noch nicht nach Deutschland. Wir haben uns bei der Geschichte aber an der realen Geschichte der deutschen Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus orientiert, die als erste in der Fußball-Bundesliga der Männer gepfiffen hat. Was sie an Missbrauch, an schlechten Scherzen und heiklen Situationen mit Fans und auch mit Spielern erlebt hat, denen es schwer fiel zu akzeptieren, dass eine Frau das Spiel pfeift, hat unsere Serie inspiriert.

Das Interview führte Patricia Batlle.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 02.11.2018 | 19:00 Uhr

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