Darsteller stehen nebeneinander auf der Bühne und blicken in den Zuschauerraum © IMAGO / Everett Collection

Zwischenbilanz nach #actout: Einschätzungen einer Casterin

Stand: 25.03.2021 08:26 Uhr

Anfang Februar sind 185 schwule, lesbische, bisexuelle, trans, queere und nicht-binäre Prominente aus der Film- und Fernsehbranche unter dem Hashtag #actout an die Öffentlichkeit gegangen.

Sophie Molitoris posiert © IMAGO / Horst Galuschka
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von Petra Volquardsen

Gefordert hatten die Prominenten mehr Akzeptanz und Anerkennung. Wie wichtig war dieser Schritt? Eine Zwischenbilanz.

Sophie Molitoris kennt die Branche aus vielen Perspektiven: Lange war sie Casterin für Film und Fernsehen. Auch als Dozentin und fürs Filmfest Hamburg hat sie schon gearbeitet. Inzwischen berät sie Künstlerinnen und Künstler, macht Coachings und gibt Workshops. Anders als die Zeitungsleserinnen und -leser wusste sie schon vor der Veröffentlichung vom geplanten #actout-Manifest. Es war ein gemeinsames Coming Out, verbunden mit der Forderung nach mehr Akzeptanz.

#actout-Manifest: "Es war eine Befreiung"

Sophie Molitoris posiert © IMAGO / Horst Galuschka
Die Casterin Sophie Molitoris arbeitet seit vielen Jahren in der Film- und Fernsehbranche.

Sophie Molitoris kennt viele der Unterzeichnerinnen und Unterzeichner persönlich. Das Manifest, sagt sie, hat für alle eine enorme Bedeutung - genau wie die anschließenden Reaktionen: "Es war eine Befreiung und die waren total überrascht und natürlich geflasht, dass sich das auch auf andere Ländern ausgeweitet hat. Auch in den USA, in China, selbst im Iran wurde das aufgenommen. Das zeigt, dass das Thema jetzt überreif ist."

Sie können, so die Schauspielerinnen und Schauspieler, mit ihrem Privatleben nicht offen umgehen. Immer wieder werde ihnen geraten, ihre sexuelle Orientierung lieber geheim zu halten, um die Karriere nicht zu gefährden.

Casterin Sophie Molitoris hält Vorbehalte für möglich

Nachteile in der Besetzung, weil jemand schwul oder lesbisch ist? Sophie Molitoris hat so etwas als Casterin nicht erlebt. Dass es solche Vorbehalte gibt, hält sie aber durchaus für möglich: "Es könnte jemand sagen: Wenn der schwul ist, kann der das nachvollziehen. Oder wenn man jetzt ein Liebespaar spielt, ist das vielleicht für die oder den schwierig."

"Wir müssen nicht sein, was wir spielen. Wir spielen, als wären wir es - das ist unser Beruf", setzen die #actout-Unterzeichnerinnen und Unterzeichner solchen Vorbehalten entgegen. Sophie Molitoris kann dem nur vehement zustimmen: "Ein schwuler Schauspieler kann einen liebevollen Familienvater spielen."

Frage des Outings ist eine persönliche Entscheidung

Die Ängste davor, dass ein Outing Nachteile für die Karriere mit sich bringt, kennt Sophie Molitoris auch aus ihrer Arbeit mit Künstlerinnen und Künstlern. Ob sich jemand outen möchte oder nicht, das, so Sophie Molitoris, ist natürlich eine individuelle, sehr persönliche Entscheidung. Und eine Frage, in der auch sie nicht mal eben mit einem einfachen Ratschlag weiterhelfen kann: "Ich würde mir immer mit den Leuten anschauen, wo sie gerade stehen. Vielleicht braucht man noch einen Schritt dazwischen, bis man sagt: So, jetzt stehe ich hier und sage es."

VIDEO: #actout: 185 queere Schauspieler:innen outen sich öffentlich (6 Min)

Was sie aus ihrer Erfahrung auf alle Fälle sagen kann: Wenn jemand ständig das Gefühl hat, etwas verheimlichen zu müssen, kann das einer künstlerischen Entwicklung im Weg stehen: "Dieser Druck kann auch verhindern, dass du in einen künstlerischen Fluss kommst. Und wenn das gelöst ist, erzeugt das eine andere Haltung, die nach außen strahlt."

Nach wie vor leben einige erfahrene Schauspieler ein Doppelleben

Es gibt, sagt Sophie Molitoris, erfahrene Schauspieler, die bis heute ein Doppelleben führen: "Das hat mit den persönlichen Lebensläufen zu tun und dann vielleicht auch so ein: 'Ach, jetzt ist es vielleicht zu spät.'" Vor allem für junge Schauspielerinnen und Schauspieler, hofft sie , kann die #actout-Kampagne eine wichtige Ermutigung sein.

Was auch aus ihrer Sicht wichtig ist: Dass die Welt, die in Filmen oder Serien gezeigt wird, genauso vielfältig ist wie das wahre Leben: "Bis jetzt gab es noch nicht so viele Serien, wo schwule Männer oder lesbische Frauen die Hauptrolle gespielt haben."

Zur Frage, wie es nach #actout weitergeht, hofft Sophie Molitoris, dass der Appell nicht einfach so verpufft: "Wir sollten darüber nachdenken, warum die 185 Schauspieler überhaupt diesen Schritt machen mussten. Und dass sich dieses Thema dann quasi auflöst und es eine Normalität wird, dass jemand sagen kann: 'Ich bin so und ich lebe so' - das wünsche ich mir sehr."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 24.03.2021 | 19:00 Uhr

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