Stand: 05.08.2020 12:35 Uhr

"Wir beide": Drama um eine geheime Beziehung

von Anna Wollner

Das Verhältnis zu den Nachbarn ist nicht bei jedem das beste. Im Kino allerdings gibt es in dieser Woche ein ganz besonderes nachbarschaftliches Verhältnis zu sehen. In dem Film "Wir beide" spielen Barbara Sukowa und Martine Chevallier zwei Nachbarinnen, die eine geheime Beziehung führen.

Es ist ein ganz gewöhnlicher Hausflur in einem Mehrfamilienhaus in einer namenlosen südfranzösischen Stadt. Und doch ist es ein Flur, in dem sich ein Drama abspielen wird. Ein ganz stilles, leises Drama, das einem am Ende des Films das Herz entzweit haben wird.

Auf der einen Seite des Flurs wohnt Nina, eine resolute und toughe Seniorin, die weiß, was sie vom Leben will. Auf der anderen Seite wohnt Madeleine - ebenso alt, Mutter zweier Kinder und Witwe. Liebevoll wird sie von Nina Mado genannt. Doch sind die beiden, Nina und Madeleine, nicht nur Nachbarinnen. Seit Jahrzehnten schon sind sie ein Liebespaar. Kennengelernt haben sie sich in Rom, als Nina dort als Reiseleiterin arbeitete und Madeleine noch in ihrer eher unglücklichen Ehe steckte und zwei Kinder großzog.

Die Angst vor dem Outing

Nina (Barbara Sukowa) und Madeleine (Martine Chevallier) © Paprika Films
Die Liebesbeziehung zwischen Nina (Barbara Sukowa) und Madeleine (Martine Chevallier) wirkt sehr authentisch.

Die Kinder sind mittlerweile aus dem Haus, der Mann ist tot, die beiden Seniorinnen genießen ihr Leben, wollen die Wohnungen verkaufen und gemeinsam nach Rom ziehen. Doch Madeleine, die ihren Kindern nichts von ihrer Liebe erzählt hat, schiebt das klärende Gespräch immer wieder hinaus.

Nina: "Mado, willst du nicht mehr?"
Madeleine: "Du weißt doch, dass ich es ihnen morgen sagen werde."
Nina: "Was wirst du ihnen sagen?"
Madeleine: "Das, war wir abgemacht haben. Dass ich die Wohnung verkaufe und dass ich nach Rom ziehen werde." Szene aus "Wir beide"

"Wir beide": Ein Schlaganfall wirft alle Pläne durcheinander

Madeleine (Martine Chevallier) mit Tochter Anne (Léa Drucker) © Paprika Films
Tochter Anne (Léa Drucker) kümmert sich um Madeleine, aber hält Nina aus ihrem Leben raus.

Einen Tag, nachdem sich Madeleine aus Angst vor Verurteilung nicht getraut hat, ihren Kindern von ihren Plänen zu erzählen, ist es zu spät. Nach einem Schlaganfall wird Madeleine von Nina in der Küche gefunden und ins Krankenhaus gebracht. Zurück zu Hause ist Madeleine ein Pflegefall. Sie kann nicht mehr sprechen und wird rund um die Uhr betreut. Nina wird aus dem bisherigen gemeinsamen Leben ausgeschlossen.

Aus der innigen Liebe und der Nähe wird die größtmögliche Distanz - sowohl räumlich als auch emotional. Madeleine kann nicht mehr selbst entscheiden. Über sie wird von Menschen verfügt, die sie nicht kennen: Ärzte, Pfleger, aber auch ihre eigene Tochter, die ahnt, dass die Beziehung zu Nina mehr als nur nachbarschaftlich war und trotzdem dicht macht.

Barbara Sukowa und Martine Chevallier tragen den Film

Die zwei großartigen Schauspielerinnen Barbara Sukowa als Nina und Martine Chevallier als Madeleine tragen das Regiedebüt des Drehbuchautors Filippo Meneghetti und lassen es zu etwas Besonderem werden. Zwei unterschiedliche Frauen, die zusammengefunden haben. Mado, introvertiert, auf den Schein bedacht, Nina als treibende, emotionale Kraft mit ihrer Direktheit.

"Wir beide" ist nie kitschig, nie sentimental, sondern erzählt mit mal zärtlichen, mal verstohlenen Blicken über ein Leben und Lieben im Verborgenen. Eine zärtliche Liebeserklärung an die Kraft der Liebe.

Wir beide

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2019
Produktionsland:
Frankreich, Luxemburg, Belgien
Zusatzinfo:
mit Barbara Sukowa, Martine Chevallier, Léa Drucker, Jérôme Varanfrain
Regie:
Filippo Meneghetti
Länge:
102 Min.
FSK:
6 Jahre
Kinostart:
6. August 2020

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 06.08.2020 | 07:20 Uhr

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