Stand: 13.09.2018 18:57 Uhr

Tykwer und von Borries über ihr "Babylon Berlin"

Bild vergrößern
Die Erfinder von "Babylon Berlin": "Henk" Handloegten (von links), Tom Tykwer und Achim von Borries.

Eine 8.000 Quadratmeter große neue Location im Filmstudio Babelsberg, 5.000 Komparsen, 300 Schauspieler, fast 200 Drehtage, rund 40 Millionen Euro Produktionskosten: "Babylon Berlin" ist ein Mammut-Projekt für das deutsche Fernsehen; finanziell gestemmt - auch das eine Premiere - gemeinsam von ARD und Sky, realisiert von der Produktionsfirma X-Filme.

Die ambitionierte Verfilmung des Bestseller-Romans "Der nasse Fisch" von Volker Kutscher ist vom 30. September an im Ersten zu sehen - in zwei Staffeln à acht Folgen. Die Geschichte dreht sich um den Polizeikommissar Gereon Rath, der 1929 von Köln nach Berlin kommt. Die Regisseure Achim von Borries und Tom Tykwer sind Miterfinder der Serie.

"Babylon Berlin" ist eine Geschichte, die sich um Gereon Rath dreht: Er ist ein Kommissar, der 1929 aus Köln nach Berlin kommt, erst zur Sitte, später zur Mordkommission. Er erlebt dort den "Blutmai", als die von einem Sozialdemokraten geführte Berliner Polizei hart vorgeht gegen Demos der Kommunisten. Gereon Rath ermittelt also nicht nur unter den vielen Gangstern der Stadt, unterstützt von einer pfiffigen Assistentin namens Charlotte Ritter, sondern er erlebt die politischen Spannungen in Berlin hautnah mit. Warum fasziniert Sie gerade diese Zeit, das Ende der Weimarer Republik?

Das komplette Gespräch zum Nachhören
26:26
NDR Kultur

Achim von Borries und Tom Tykwer im Gespräch

15.09.2018 18:00 Uhr
NDR Kultur

Für "Babylon Berlin" sind zwei Männer mitverantwortlich: Achim von Borries und Tom Tykwer. Im Gespräch berichten sie von Herausforderungen und den Spaß beim Dreh zur großen TV-Serie. Audio (26:26 min)

Tom Tykwer: Weil das Ende in diesen ersten beiden Staffeln, die man jetzt sehen wird, noch gar nicht so sichtbar ist. Es sind die ersten Risse, die durch die Gesellschaft gehen, die aber in ihrer letztlich doch fundamentalen Bedeutung gar nicht wirklich wahrgenommen werden. Das ist ein wichtiger Punkt. Wir zeigen Menschen, die mittendrin sind, eine neue Gesellschaft zu erfinden und sich darin einzurichten. Sie versuchen das als Experiment, auch für sich selbst und ihr ganz persönliches Leben, ernst zu nehmen. Es sind also Menschen, die im Umbruch und im Aufbruch sind. Es ist eine wahnsinnige Energie, die die Stadt damals erfüllt hat und die weit davon entfernt war, irgendeine Vorahnung zu haben von dem, was da aus heutiger Sicht direkt vor der Tür stand. Aber es war kein Bewusstsein dafür da. Im Gegenteil - man war sich sicher, dass man eine neue Epoche anschneidet, die freiheitlicher ist, die zum Beispiel Frauen gegenüber viel offener ist, die viel mehr Möglichkeiten bietet. Kulturell explodierte das Leben geradezu, und die Stimmung war wirklich überhaupt nicht so gepolt.

Aber Sie zeigen in "Babylon Berlin" trotzdem beides, die Gegensätze: den Mythos der Stadt in den 20er-Jahren, aber auch den Moloch, hier die Ekstase bei den Feiern in den Nachtclubs, die Sie wunderbar bebildern, dort aber auch die Erschöpfung des Proletariats in den Mietskasernen, heruntergekommen, schreckliche Zustände, hier Kommissar Rath, der smart und gut aussehend ist, dort jemand, der zittert, der drogenabhängig ist, weil er Soldat im Ersten Weltkrieg war und das noch verarbeiten muss. Es gibt schon linke Extremisten, es gibt rechte Extremisten - es zeichnet sich schon ab, dass die Goldenen Zwanziger sich dem Ende zuneigen.

Weitere Informationen

"Babylon Berlin": Mord und Intrigen in den 20ern

"Babylon Berlin" ist eine Milieustudie der Weimarer Republik: 38 Millionen Euro hat das teuerste Serienprojekt im Deutschen Fernsehen gekostet, eine Koproduktion von ARD und Sky. mehr

Achim von Borries: So golden waren die sicher auch nicht in Berlin. Berlin war immer auch eine sehr proletarische Stadt, und damals lebten die Menschen in unvorstellbarer Armut. Als ich vor 30 Jahren hierherkam, musste ich auch erst mal schlucken, dass es Wohnungen gibt, wo die Toilette noch vor der Tür steht, im Flur, für mehrere Parteien, Wohnungen, wo gar kein Bad eingebaut war, nur ein Kaltwasserhahn in der Küche. Und damals wohnten in solchen Einzimmerwohnungen vier- oder fünfköpfige Familien und arbeiteten da noch. Natürlich haben wir versucht, die Zeit in ihrer Zerrissenheit zu zeigen. Man darf aber auch nicht vergessen, dass sich die Weimarer Republik Ende der 20er-Jahre eigentlich halbwegs stabilisiert hatte - erst mit der Wirtschaftskrise im Oktober 1929 ging es richtig bergab.

Vorlage für die ersten beiden Staffeln, die aus je acht Episoden bestehen, ist "Der nasse Fisch" von Volker Kutscher. Doch wer diesen Kriminalroman gelesen hat, der dürfte bisweilen etwas verwirrt sein, wenn er dann "Babylon Berlin" schaut, weil Sie sich teilweise recht deutlich von dieser Vorlage entfernen. Wie viel Freiheit hat Ihnen Kutscher gegeben, und wie viel Freiheit haben Sie sich dann genommen?

Tykwer: Wir haben uns natürlich früh getroffen. Es war uns ein großes Glück gewesen, auf diese Romane zu stoßen, weil wir eine Sehnsucht nach einem Stoff aus der Epoche hatten. Wir wollten versuchen, die Vielgestaltigkeit dieser Zeit in einen möglichst opulenten, panoramatischen Film zu pressen, aber das kann dann leicht zu etwas werden, wo man von einer Anekdote oder von einem historischen Seitenstrang zum nächsten hüpft und keine Klarheit hat. Natürlich will man auch einen Film machen, der einen fesselt. Die Romane sind Hardboiled-Krimis, aber gleichzeitig auch sehr klug vernetzt in das Berlin dieser Zeit, und das war unsere Rettung. Wir haben gesagt: Wir machen eine richtige Genre-Serie und können unser Interesse an dieser Zeit und an den Details wunderbarer drumherum orchestrieren. Kutscher fand die Idee von Anfang an toll, und er war auch sehr daran interessiert, dass man nicht einfach nur akribisch sein Buch nachfilmt, sondern dass man den Geist nimmt und das Ganze bereichert. Das ist auch der Unterschied zur Serie: Wenn man einen Spielfilm macht und hat einen 500-seitigen Roman, muss man verknappen, verdichten und das Wichtigste hervorkehren. Wenn man 16 Episoden hat, dann sind 500 Seiten plötzlich gar nicht so viel, sondern da kann man auch 500 Seiten obendrauf legen, die man selber erfunden hat.

Ich habe "Babylon Berlin" bereits ganz gesehen und muss zugeben, dass ich ein paar Folgen gebraucht habe, um richtig einzutauchen in diese Serie, in diese Opulenz der Bildsprache, in die Tempowechsel der Erzählweise, in das Figurenensemble, wo die Figuren im Vergleich zum Buch unterschiedlich schwer gewichtet sind. Es ist also keine leichte, sondern schon anspruchsvolle Kost. Ist das ein echtes Fernseh-Wagnis?

Buchtipp

Kutschers "nasser Fisch" als Kunstwerk

Der Zeichner Arne Jysch hat sich den Bestseller "Der nasse Fisch" von Volker Kutscher vorgenommen. Herausgekommen ist ein liebevoll kleinteilig gezeichnetes Kunstwerk. mehr

Tykwer: Ich unterstelle einfach, dass die Fernsehzuschauer ein großes Interesse daran haben, ernst genommen zu werden. Natürlich wollen die Zuschauer einen spannenden Film sehen - deswegen ist es auch ein Kriminalfilm und ein Polizeifilm und ein Thriller. Aber er öffnet sich dann in diese Betrachtung einer Zeit, die speziell für uns Deutsche eine Zeit war, die so unglaublich prägend ist, in der so viel passiert ist, das später nachhallt, aber das für viele von uns noch unsichtbar geblieben ist. Und diese Kombination aus der Sehnsucht nach einem spannenden Film und nach einer neuen Perspektive und einer neuen Erfahrung überwiegt.

Wenn Sie sagen, man braucht eine Weile, um reinzukommen, dann ist das für mich eine Qualität der meisten Serien, an denen ich hänge. Das ist auch übrigens bei guten Büchern so - man darf sich also eine Serie immer auch vorstellen wie so einen dicken, tollen Schmöker, bei dem man immer in den ersten 50 oder 100 Seiten Anlaufschwierigkeiten hat, weil man merkt, wie breit das angelegt ist. Und dann ist man irgendwann drin und kann nicht mehr loslassen. Und dann liest man die ganzen tausend Seiten durch.

Das Interview führte Stephanie Pieper

Links
Link

"Babylon Berlin - Die Serie"

Die gefeierte Serie "Babylon Berlin" feiert am 30. September Premiere bei "Das Erste". Weitere Folgen werden jeweils Donnerstags um 20.15 Uhr gesendet. Alle Infos bei "Das Erste". extern

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Das Gespräch | 15.09.2018 | 18:00 Uhr

Mehr Kultur

15:09
Weltbilder

Nordkorea: Perfekte Kulissen für Journalisten

18.09.2018 23:30 Uhr
Weltbilder
01:41
Hamburg Journal

Tina-Turner-Musical kommt nach Hamburg

18.09.2018 19:30 Uhr
Hamburg Journal
03:44
DAS!