Stand: 24.04.2020 09:41 Uhr

Surreal und große Kunst: Dokureihe "Tiger King"

von Anna Wollner

Es gibt manchmal Serien, deren Erfolg kann man nur schwer nachvollziehen. Auf Netflix ist seit einer Weile die Doku "Tiger King - Großkatzen und ihre Raubtiere" zu sehen. Ohne viel Werbung wurde sie zur meistgestreamten Serie in den USA und dominiert mittlerweile nach eigenen Angaben auch die deutschen Netflix-Charts. Anders als der Titel vermuten lässt, ist es keine Tierdokumentation.

Ein Mann - Joe Exotic - mit Sonnenbrille umarmt einen Tiger - Szene aus der Netflix-Serie "Tiger King" © NETFLIX
Der blonde Waffennarr Joe Exotic ist "Tiger King" in der gleichnamigen Serie.

Der Protagonist der Serie Joe Exotic sitzt vor einem Tigerkäfig und schmust mit einer ausgewachsenen Wildkatze, fährt ihr liebevoll durch die Kopfhaare und begrüßt Besucher und Besucherinnen seines Privatzoos in Oklahoma. Joe Exotic, Spitzname "Tiger King", sein bürgerlicher Name ist Joseph Maldonado-Passage, hält mehr als 200 Wildkatzen auf seinem weitläufigen Gelände. Er hat ein exzentrisches Auftreten. Mit seinen blondierten Haaren, vorne kurz, hinten lang, Piercings und Tattoos am ganzen Körper, wirkt er sehr selbstbewusst. Exotic ist schwul, gleich mit zwei Männern verheiratet, die er sich mit Drogen gefügig macht. Er ist Waffennarr und wird im Laufe der Serie für das amerikanische Präsidentenamt kandidieren.

Gescheiterte US-Existenzen und wilde Tiere

Exotic ist die Hauptfigur in dieser siebenteiligen Doku-Serie von Eric Goode und Rebecca Chaiklin. Aber sie konzentriert sich eben nicht nur auf ihn. "Tiger King" ist genauso ein facettenreiches Milieustück. Auch wenn Exotic und sein Team, ein ebenso schräges Sammelsurium an gescheiterten Existenzen, im Mittelpunkt stehen, taucht die Serie in eine verblüffend große amerikanische Subszene ein mit Menschen, die Kapital daraus schlagen mit wilden Tieren zu handeln.

Kein Interesse am fehlenden Artenschutz

Ein Mann (Joe Exotic) steht, ein riesiger Tiger lehnt - ebenfalls im Stehen - an ihm und singt Milch aus einer Flasche - Szene aus der Netflix-Serie "Tiger King" © NETFLIX
Was nach Zuneigung ausschaut, hat leider wenig mit Artenschutz zu tun: In "Tiger King" steht das Wohl der Tiere nicht im Fokus der Berichterstattung.

"Tiger King“ - und das ist wohl die größte Schwäche der Serie, hat kein Interesse an den Tieren und dem fehlenden Artenschutz. Es geht nur am Rande um nicht artgerechte Tierhaltung, im Zentrum stehen Drogen, Waffenbesitz, das Überleben des Zoos, Fehden mit anderen Tigerbesitzern, ein Auftragsmord, der Verdacht Joe Exotics größte Konkurrentin und Kritikerin Caroline Baskin selbst habe einen ihrer Ehemänner durch den Fleischwolf gedreht und an ihre Tiger verfüttert und sehr schlechte Countrymusik.

"Tiger King": Faszinierend wie ein Unfall

Auch wenn die Erzählweise sehr chaotisch ist - '"Tiger King' ist so verrückt, es kann nicht anders als wahr sein. Denn so etwas wie hier, so viel enthüllende Momente in sieben Folgen, so viel Twist, Wendungen und absurde Überraschungen kann sich niemand ausdenken. Exotic selbst sitzt seit Januar übrigens im Knast. Verurteilt zu 22 Jahren, weil er mehrfach jemanden anheuerte Caroline Baskin umzubringen. Und der Fall des verschwundenen Ehemanns wird als Cold Case vom Sheriff gerade wieder aufgerollt. "Tiger King" ist so surreal, so demaskierend, es kann nicht anders als ganz große Kunst sein. Und es blickt tief in die amerikanische Seele auf dem Land. Voyeuristisch - faszinierend wie ein Autounfall. Man kann einfach nicht weggucken.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 24.04.2020 | 17:40 Uhr

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