Kronprinz Mohammed bin Salman und Jamal Khashoggi - zu sehen im Dokumentarfilm "The Dissident" über den Journalisten Jamal Khashoggi © DCM_HanWay Films

Zum Schweigen gebracht: Doku über die Ermordung Khashoggis

Stand: 29.04.2021 11:53 Uhr

Manchmal kann ein Film die Zusammenhänge hinter den Schlagzeilen erzählen. In "The Dissident" rekonstruiert Bryan Fogel die politischen Hintergründe der grausamen Ermordung des Journalisten Jamal Khashoggi.

von Katja Nicodemus

Jamal Khashoggi wurde am 2. Oktober 2018 im saudi-arabischen Konsulat ermordet und zerstückelt. Ausschnitte aus Nachrichtensendungen, Diskussionsrunden, Kongressen ergeben ein Bild von Khashoggis Tätigkeit, von seinem Aktivismus, der ihn ins Visier des saudischen Kronprinzen Mohammed Bin Salman geraten ließen. Bin Salman persönlich, auch das macht der Film klar, befahl die Ermordung des Regimegegners in Instanbul.

VORSCHAU: Trailer zur Doku "The Dissident" über Jamal Khashoggi (3 Min)

Jenseits dieser Zusammenhänge entsteht das Porträt des Menschen Khashoggi: Das Bild eines engagierten Oppositionellen, der Saudi-Arabien verließ und von den USA aus für die Veränderung und vor allem Liberalisierung seines Heimatlandes kämpft. In Bryan Fogels Film begegnen wir einem Mann, der sich trotz seiner Mission eine gewisse Heiterkeit bewahrt hat.

"The Dissident" beeindruckt durch Materialfülle

Jamal Khashoggi und Hatice Cengiz - zu sehen in der Doku "The Dissident" über den Journalisten Jamal Khashoggi © DCM_HanWay Films
Bilder aus glücklicheren Zeiten: Jamal Khashoggi mit seiner Verlobten Hatice Cengiz.

Beeindruckend ist das Material, das der Filmemacher von den türkischen Behörden zur Verfügung gestellt bekam. Aufzeichnungen, offizielle Statements, Abhörprotokolle aus der saudi-arabischen Botschaft. Ein forensischer Ermittler gibt Auskunft. Auch Irfan Fidan, der ermittelnde Staatsanwalt von Istanbul äußert sich, wobei der Film keinen Hehl daraus macht, dass er damit zum Instrument der türkischen Propaganda gegen Saudi-Arabien wird.

"The Dissident" mag eine formal eher konventionell geratene Dokumentation sein. Der fast unter jedes Bild gelegte Sound-Teppich erzeugt eine unnötige Unruhe, auch hat man sich irgendwann an den ewigen Drohnenaufnahmen, mit denen Städte und Schauplätze eingeführt werden, satt gesehen. Dennoch beeindruckt Vogels Film durch das Arrangement der Materialfülle. Aus den unzähligen Stimmen und Gesprächspartnern sticht der ehemalige Chef des arabischen Nachrichtensenders Al Jazeera hervor. Zunächst, sagt er, sei Jamal Khashoggi als Journalist Teil des Wüstenstaates gewesen, der wie eine Familie geführt werde.

Fassungslosigkeit angesichts schockierender Details

Bemerkenswert ist auch der Auftritt der UN-Sonderberichterstatterin Agnès Callamard. Vor der Kamera liest sie das Abhörprotokoll von Jamal Khashoggis Ermordung vor, das ihr die türkischen Behörden zur Verfügung gestellt haben. Obwohl sie es in und auswendig kennt, wirkt sie geschockt von den Details.

Die Freundschaft zwischen dem saudischen Kronprinzen Mohammed Bin Salman und Donald Trumps Schwiegersohn Jared Kushner. Donald Trump, der den saudischen Kronprinzen gegen den Mordvorwurf verteidigt, als es nichts mehr zu verteidigen gibt. Das vom saudi-arabischen Geheimdienst abgehörte Handy des Amazon-Chefs Jeff Bezos Eine Online-Kampagne der Saudis gegen Bezos.

Während man den Film "The Dissident" sieht, ertappt man sich immer wieder beim Kopfschütteln angesichts der geopolitischen, machtstrategischen Zusammenhänge. Wie schwach muss der Wüstenstaat sein, wenn er es für nötig hält, einen aufrechten Journalisten vor den Augen der Welt auf bestialische Weise umzubringen?

Die Dokumentation kann als Video On Demand bei verschiedenen Streaminganbietern gesehen werden.

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Dieses Thema im Programm:

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