Stand: 29.10.2019 15:00 Uhr  - NDR Kultur

Sciamma: "Ich will Bilder des Alltags zeigen, die fehlen"

Mit nur sechs Filmen ist die 38-jährige Französin Céline Sciamma ("Tomboy", "Mädchenbande") zu einer der wichtigsten Regisseurinnen und Drehbuchautorinnen Frankreichs avanciert. Bei den diesjährigen Filmfestspielen von Cannes wurde ihr Liebesdrama "Porträt einer jungen Frau in Flammen" mit der Palme für das beste Drehbuch ausgezeichnet. In Sciammas erstem historischen Film geht es um eine Pariser Malerin im Jahr 1770, die in der Bretagne ein Porträt einer adeligen jungen Frau anfertigen soll. Binnen weniger Tage verlieben sich die beiden Frauen ineinander. Vor Kurzem war Sciamma beim Filmfest Hamburg zu Gast und sprach mit NDR.de.

Sie hatten in Hamburg eine lebhafte Vorstellung Ihres Filmes "Porträt einer jungen Frau in Flammen". Das Publikum spendete Standing Ovations und hat sich lebhaft mit Ihnen und den beiden Hauptdarstellerinnen Adèle Haenel und Noémie Merlant unterhalten. Hat es Sie überrascht, in Norddeutschland so herzlich empfangen zu werden?

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Céline Sciamma hat auch Drehbücher für Kollegen geschrieben. Etwa den oscarnominierten Animationsfilm "Mein Leben als Zucchini".

Céline Sciamma: Das ist komisch, weil man manchmal davor gewarnt wird, dass in einigen Ländern die Empfangskultur etwas kühler sei, aber man das nicht persönlich nehmen dürfe. Man bereitet uns also auf die unterschiedlichen Arten von Publikum vor. Aber der Empfang in Hamburg war dann super, super herzlich! Mich überrascht das nicht, weil ich glaube, dass Film eine Nation ist, dass die Filmkultur manchmal einmalig ist und die Zuschauer vereint. Egal, woher sie kommen und wo sie den Film sehen. Ein Kinosaal ist manchmal wie ein Land. Ich reise sehr viel mit dem Film und ich spüre diese Wärme, dieses Feuer in den Sälen aller Länder.

Ihr Film mit fantastischen Panoramabildern vor rauem Meer und schroffen Felsen von Kamerafrau Claire Mathon fühlt sich schon jetzt an wie ein neuer feministischer Klassiker - in einer Reihe mit Literaturverfilmungen von Romanen der Brontë-Schwestern und von Jane Austen und ist gleichzeitig ist er mit dem Thema um gleichberechtigte Liebe auf Augenhöhe aktuell ...

Sciamma: Ja, das wollte ich unbedingt. Ich bin immer auf der Suche nach Ideen, um Inhalte zu filmen, die so zeitgenössisch sind wie möglich. Hier haben wir natürlich einen Kostümfilm, aber das ändert nichts daran, dass der Gegenstand dieses Films zutiefst heutig ist. Ohne, dass er mit Anachronismen spielen würde oder Anspielungen auf die Gegenwart macht. Er spielt zwar in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, hat aber den Ehrgeiz, neue Bilder anzubieten. Bilder, die uns gefehlt haben.

Sie thematisieren Themen wie Menstruation, Abtreibung, die im Kino - besonders in Liebesfilmen - sonst wenig präsent sind.

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Die Schauspielerinnen Adèle Haenel (von links), und Noémi Merlant mit Regisseurin Célina Sciamma (Regie, rechts) beim Filmfest Hamburg.

Sciamma: Ja, warum bloß? Das ist doch verrückt! Das gehört eindeutig auch zum Vergnügen des Films, zu seiner politischen Absicht. Nämlich Bilder zu zeigen, die fehlen, obwohl es Bilder des Alltags sind. Unsere Erzählung soll Zuschauerinnen und Zuschauer in eine Gefühlsachterbahn versetzen, bei der die Bilder eine ungewohnte Beziehung zur Geschichte haben und überraschen. Darin besteht die große Kraft neuer Bilder.

Es spielen vier Frauen eine wichtige Rolle in Ihrem Film, Männer kommen nur am Rande vor. Umso mehr fallen die Namen der Frauen auf. Die selbstbewusste Malerin heißt Marianne. Der Name steht als Pseudonym für die Republik Frankreich - war das Absicht?

Sciamma: Ich muss zugeben: Daran habe ich nicht gedacht. Ich habe nicht an die Marianne der Republik gedacht, als ich das Drehbuch geschrieben habe. Die Namen meiner Figuren sind miteinander verwandt. In meinem Regiedebüt "Water Lilies" heißt die Hauptfigur Marie, in "Mädchenbande" heißt sie Marieme und hier heißt sie Marianne. Ich mag diesen Faden, der sich von Film zu Film zieht. Aber es stimmt: Es ist Frankreich! Es gefällt mir, dass Ihnen das aufgefallen ist. (lacht)

Meine Malerin ist eine ausgedachte Figur. Mein Historienfilm basiert auch nicht auf einem Roman und hat keine bekannte historische Persönlichkeit zum Vorbild. Das war mir wichtig. Es ist kompliziert, ein Buch zu verfilmen, das nicht geschrieben worden ist. Den großen Bildungsroman über eine Künstlerin aus dieser Epoche gibt es nämlich nicht. Deshalb mussten wir unsere Künstlerin Marianne selbst erfinden. Dabei gab es im 18. Jahrhundert sehr viele Malerinnen, auch sehr berühmte, wie Élisabeth Vigée-Lebrun, die Malerin von Marie Antoinette. Ich wollte eine Heldin erfinden, die alle diese Malerinnen in sich vereint, um aus dem ewigen Strickmuster des Biopics auszubrechen. Deshalb haben wir diese Malerin erfunden.

Wer hat die Porträts gemalt, die Noémie Merlant im Film von Marianne anfertigt?

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Die Bretagne mit ihrem rauen Meer und den beeindruckenden Felsen spielt eine wichtige Rolle im Drama.

Sciamma: Eine Malerin namens Hélène Delmaire. Ich wollte mit einer jungen zeitgenössischen Malerin arbeiten, nicht unbedingt einer Spezialistin des 18. Jahrhunderts. Ich habe ihre Arbeiten auf Instagram kennengelernt. Ihr Pinselstrich erinnert zwar an das 19. Jahrhundert, aber ich wollte eine junge Malerin haben, die im Alter von Noémie Merlant als Marianne ist. Sie war bei den Dreharbeiten dabei, um im Film zu malen. Merlant hat sie beobachtet, sich inspirieren lassen und konnte somit in ihrer Arbeit als Schauspielerin darauf zurückgreifen.

Was ist aus den Bildern geworden?

Sciamma: Die gehören uns. Wir haben in Paris eine Ausstellung damit gemacht. Wir haben bestimmt ein Dutzend herstellen müssen für die unterschiedlichen Stadien der Gemälde. Es war bewegend, die einmal alle auf einmal zu sehen.

Sie danken im Abspann dem Pariser Louvre, wieso?

Sciamma: Weil der Louvre uns erlaubt hat, mit der Kamerafrau Mathon und der Malerin Delmaire außerhalb der Öffnungszeiten die Gemäldesammlung zu besuchen und über den Malstil nachzudenken, den wir Marianne geben wollten.

Das Interview führte Patricia Batlle, NDR.de. Der Film "Porträt einer jungen Frau in Flammen" startet bundesweit am 31. Oktober im Kino.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 30.10.2019 | 06:40 Uhr

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