Stand: 12.12.2018 15:00 Uhr

Preisgekröntes Netflix-Drama

Roma
, Regie: Alfonso Cuarón
Vorgestellt von Katja Nicodemus

Auf den vergangenen Filmfestspielen von Venedig gewann erstmals ein von dem Streaming-Portal "Netflix" produzierter Film den Goldenen Löwen: "Roma" von Alfonso Cuarón, der von mexikanischer Seite auch für den Oscar des besten nicht-englischsprachigen Films nominiert wurde. In dieser Woche läuft "Roma" in vereinzelten Kinos an - und am 14. Dezember startet er auf dem Streaming-Portal.

Alfonso Cuarón erinnert sich an seine Kindheit

Immer wieder hört man in diesem Film den Hund bellen. Das arme Tier ist eingesperrt im Hof des schönen, lichten Hauses in Mexico-City. Dem Haushund der wohlhabenden Familie bleibt gar nichts anderes übrig, als seine Notdurft auf den steinernen Fliesen zu verrichten. Dann ist da noch das zweite akustische Leitmotiv von Alfonso Cuaróns Film "Roma": das Scheuern des Strohbesens, mit dem Cleo, die Hausangestellte, die Hundehaufen entfernt.

"Roma" ist der Name eines Viertels von Mexiko-City, in dem Regisseur Alfonso Cuarón ("Gravity") aufwuchs. Der Film ist die Erinnerung an seine Kindheit in den 70er-Jahren - und an Cleo, das Dienstmädchen seiner wohlhabenden Familie.

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Cleo und eines der Kinder liegen auf einem Tisch unter der frisch gewaschenen Wäsche.

Im fließenden Rhythmus der Einstellungen entfaltet sich Cleos Alltag: Diskret betrachtet die Kamera die junge Frau mit indigenem Hintergrund bei ihren Verrichtungen, schon im Morgengrauen, wenn der Tag in ihrem kargen Zimmerchen hinter der Küche beginnt. Cleo bereitet das Frühstück für die fünfköpfige Familie, entfernt im Hausflur wieder den Dreck des Hundes, räumt auf, kocht und bringt am Abend die Kinder ins Bett.

Die Schwarz-Weiß-Bilder geben Raum für Erkundungen

Alfonso Cuaróns Film ist gedreht in einem ausgebleichten Schwarz-Weiß - der Farbe einer leicht entrückten Erinnerung. Doch einzelne Szenen, Details treten messerscharf aus den Tableaus hervor: Cleo, vor großen Bottichen mit heißem Wasser, waschend auf dem Flachdach, umgeben von anderen Hausangestellten auf weiteren Dächern. Gleißend ist das Weiß der Laken, die sie aus dem riesigen Wäscheberg zieht. Irgendwo in der Ferne ertönt im Radio eine melancholische Melodie der mexikanischen 70er-Jahre und legt sich über die Bilder.

Alfonso Cuaróns tiefenscharfe Bilder öffnen den Raum für weitere Erkundungen: Am späten Abend, wenn Cleo die Lichter des Hauses löscht, eines nach dem anderen, führt sie Kamera und Zuschauer durch das weitläufige Gebäude: Wir blicken in die großzügigen unordentlichen Kinderzimmer; in das helle Wohnzimmer voller Bücher - und wieder in ihren eigenen kleinen Raum.

Die 70er-Jahre - Zeit der Gewalt in Mexiko

Als der Vater die Familie verlässt, wird Cleo zum warmherzigen Rückhalt der Kinder und auch der Mutter - und des ganzen Films. Mit ihrer Figur öffnet sich Cuaróns Film zum Zeitbild und mexikanischen Gesellschaftsporträt der 70er-Jahre. Nachrichten von der Enteignung der indigenen Bevölkerung dringen aus dem Radio in die Küche. In den Straßen begegnen Cleo paramilitärischen Aufmärsche, demonstrierende Studenten. Sie erlebt Machismo, Rassismus, ein Massaker an friedlichen Demonstranten - und verrichtet weiter ihre Arbeit.

Ein Regisseur macht einen warmherzigen Film über die Frau, die ihn mit aufgezogen hat, mit Bildern, die von Zuneigung getragen sind. Irgendwann, bei einem dramatischen Vorfall am Meer, wird klar, dass Cleo wirklich die Mutter dieser Familie ist. Eine Mutter, die am nächsten Tag wieder für alle den Tee servieren wird, die Wäsche machen und in ihrem winzigen Zimmerchen schlafen wird.

Im mehrfach preisgekrönten Film "Roma" zeigt Alfonso Cuarón, dass auch in einem Ausbeutungsverhältnis echte Gefühle und wahre Bindungen entstehen können. Diese Mischung aus Gesellschaftskritik und Mitgefühl macht seinen Film zu einer so klugen wie bewegenden und zärtlichen Liebeserklärung.

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Roma

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2018
Produktionsland:
Mexiko, USA
Zusatzinfo:
mit Yalitza Aparicio, Marina de Tavira, Nancy García
Regie:
Alfonso Cuarón
Länge:
135 Minuten
FSK:
ab 12 Jahren
Kinostart:
14. Dezember 2018

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 13.12.2018 | 07:20 Uhr

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