Foley Artist Franziska Treutler in ihrem Studio © NDR Foto: Lenore Lötsch

Rockstar der Geräuschemacher: Neue Heimat in MV

Stand: 18.02.2021 13:45 Uhr

Für einen guten Film braucht es nicht nur Drehbuch, Regie, Schauspieler, Kamera, Ton und Kostüme, sondern auch Geräusche. Sogenannte Foley Artists wie Peter Burgis in Mecklenburg nehmen diese Geräusche auf.

von Lenore Lötsch

Es ist ein Mittelgebirge aus Schuhen, das sich da im Tonstudio in einem Dorf bei Goldberg auftürmt: Latschen, Cowboystiefel und edle weiße Businessschuhe liegen über-, neben- und durcheinander. Peter Burgis schnappt sich die schwarzen Damen-Highheels und zieht sie über seine dicken grauen Wollsocken. "Wenn ich nicht wie eine Frau klingen kann, bin ich als Foley-Künstler gescheitert", erklärt er, bevor er losläuft. "Ich weiß, es sieht ein wenig seltsam aus, dass eine der Socken über die Hose gezogen ist, aber das gehört bei Foley so."

Der Sound ist alles für die Foley Artists, und wie sie dabei aussehen, völlig nebensächlich. Dabei ist das, was der zweifache Emmy-Gewinner Peter Burgis macht, besonders sehenswert: Ein Tanz mit voller Körperspannung, treppauf und treppab. Dabei geht er doch eigentlich nur auf einer ein Quadratmeter großen Holzplatte, unter der eine Bettdecke liegt. "Wenn man hier die Stufen hochgeht, läuft man auf Zehen. Wenn man die Treppe runtergeht, macht man es ähnlich, übt aber mehr Druck auf die Hacken aus. Und wenn man normal läuft, tritt man zuerst auf dem Hacken auf", erklärt Burgis.

Hollywood-Filme bekommen Klang von der "Foley Factory"

Foley Artist Peter Burgis in seinem Studio © NDR Foto: Lenore Lötsch
Echter Geh-Sound nur mit über die Hose gezogener Socke: Foley Artist Peter Burgis bei der Arbeit.

Peter Burgis ist ein Rockstar unter den Geräuschemachern: Er ist als Harry Potter durch Hogwarts gelaufen, hat als James Bond waghalsige Flugmanöver in "Ein Quantum Trost" vertont. Sherlock Holmes, Bohemian Rhapsody, Slumdog Millionär - die Liste der Filme, bei denen er mitgewirkt hat, scheint endlos. Gerade entstehen im Studio der "Foley Factory" die Geräusche für eine japanische Netflix-Serie.

Dass er nun in einem kleinen mecklenburgischem Dorf in der Nähe von Goldberg wohnt und in einem ausgebauten Schafstall arbeitet, hat mit Franziska Treutler zu tun. Die wollte nach zwölf Jahren in London ein eigenes Studio in ihrer alten Heimat aufbauen und fragte Peter, ob er mit ihr arbeiten würde.

"Franzis Wunsch an mich war: 'Entwirf den Arbeitsplatz, den du immer wolltest.' Und das habe ich getan. Ich habe drei separate Bühnen entworfen, mit denen wir arbeiten können", berichtet er. "Warum sollte ich jemals weggehen? Als Künstler werde ich in der perfekten Umgebung arbeiten können. Dazu kommt, dass ich meine gesamte Karriere mit riesigen Produktionsfirmen und Post-Produktionsfirmen wie Pinewood und Warner Brothers verbracht habe", erzählt Burgis. "Und nach 30 Jahren wird es etwas ermüdend. Ich wollte ein etwas langsameres Tempo des Lebens. Nicht weniger Arbeit, aber eine weniger unter Druck stehende Art zu leben", fügt er hinzu.

Tee, Tiere, Landschaft - und Stille

Und doch stellte er Bedingungen für sein Bleiben in der norddeutschen Provinz. Drei Dinge dürfen niemals fehlen: "Eine richtig gute Tasse Tee, Tiere und eine Landschaft." Und so steht Peter Burgis jetzt jeden Morgen an einem der großen Fenster im roten Backsteinhaus, trinkt seine Tasse Tee, schaut auf mecklenburgische Weiden, und um ihn herum tanzen vier Hunde und drei Katzen.

Foley Artist Franziska Treutler in ihrem Studio © NDR Foto: Lenore Lötsch
Wie ein aufgeräumter Messi-Haushalt: Franziska Treutler führt durchs Lager der Foley Factory.

Für Franziska Treutler ist der Weggang aus London und der Aufbau ihres Studios im ländlichen Mecklenburg auch eine Geschichte über die Stille. Denn die Aufnahmen in der britischen Hauptstadt mussten nach dem U-Bahn-Fahrplan ausgerichtet werden. "Mit Foley macht man ganz leise Aufnahmen: zum Beispiel, wenn sich jemand durchs Haar fährt, dann muss das auch aufgenommen werden", erklärt sie. "Und in der Stadt ist es sehr schwierig, ein Studio so leise zu bekommen, dass man nichts mehr hört. Deswegen haben wir gesagt: Okay - wir sind bereit fürs Land!"

Neben einem großen Studio für die Tonaufnahmen brauchen Foley Artists vor allem Platz: Denn ein bisschen wirkt das Lager wie ein Messi-Haushalt, allerdings ein aufgeräumter: In 50 Regalmetern stapeln sich Kisten mit sogenannten Props - Requisiten vom Kleingeld über Windmaschinen, bis zu  Thermoskannen in allen Ausführungen. "Wir sortieren nach Materialien", erklärt Treutler. "Hier ist das Metallregal, dann haben wir ein Holzregal, Klamotten und eine Koffersammlung."

In Planung: Ein Becken für (Unter-)Wasseraufnahmen

Noch in diesem Jahr wollen sie in den ehemaligen Stall eine acht Meter lange und zwei Meter breite Wasseranlage bauen, die größte weltweit für Tonaufnahmen. "Da können wir ein Boot im Wasser aufnehmen, und wir können da drin tauchen. Die Anlage ist zwei Meter tief und hat eine solche Wassermenge, dass es wirklich gut klingt."

Denn das ist die Philosophie der Foley Factory, die sich bald umbenennen will in Foley Farmers: Möglichst viele Toneffekte natürlich zu erzeugen. Und für jede Filmfigur nur mit Geräuschen einen eigenen Charakter zu erschaffen. Einmal in der Woche sitzen sie im Team mit den Soundingenieuren in ihrem improvisierten Kino und schauen, ob es ihnen gelungen ist, aus laufenden Bildern nur mit Klang ein "3D-Bild mit Tiefe" zu kreieren.

Geräuschemacher Peter Burgis verrät einen Trick

Foley Artists sind die unsichtbaren Ton-Magier des Films, und manchmal verraten sie sogar ihre Tricks. Peter Burgis nimmt ein Tuch vom Tisch und zieht es schnell mehrmals hintereinander straff: "Falls man in einem Krankenhaus ist und jemand mit einem Stethoskop abgehört werden soll, kann man aus einem alten Stück Stoff einen Herzschlag machen. Genau diese Dinge inspirieren mich, immer besser zu werden und die richtigen Geräusche zu machen."

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 20.02.2021 | 07:20 Uhr

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