Stand: 06.05.2020 12:26 Uhr  - NDR 90,3

"Ramadram" - die Ramadan-Seifenoper auf Kampnagel

von Peter Helling

Bis zum Zuckerfest am 23. Mai, dem Ende des Ramadan, wird von Montag bis Donnerstag täglich eine neue Episode von "Ramadram" online gestellt. Die Hamburger Kulturfabrik Kampnagel hat die Seifenoper 2019 eigens für den Ramadan gedreht. Zu sehen sind die Episoden auf der Homepage der Kulturfabrik Kampnagel. NDR 90.3-Reporter hat das Filmteam besucht.

Drei junge Männer und eine junge Frau sitzen und unterhalten sich - Szene aus der Online-Serie "Ramadram", die auf Kampnagel Hamburg gedreht wird und online erscheint © Judith Rau
Die Seifenoper "Ramadram" wurde 2019 auf dem Gelände der Kampnagel Kulturfabrik Hamburg gedreht.

Für Muslime sind diese Wochen nicht nur durch Corona geprägt, sie sind noch dazu mitten in der Fastenzeit, dem Ramadan. Bis zum 23. Mai heißt das: Vor Sonnenuntergang wird nicht gegessen. Um diese anstrengende Zeit leichter zu machen, gibt es in der arabischen Welt eine ganze Filmindustrie, die jährlich Dutzende von Fernseh-Soaps zur Ablenkung vom leeren Magen dreht. Auch die Kulturfabrik Kampnagel hat nun so eine Soap extra für den Ramadan gedreht. Tag für Tag kommt eine neue Folge von "Ramadram" dazu.

"Ramadram - 17-teilige Soap für muslimische Fastenzeit

Schon der Titelsong ist verspielt, gut gelaunt. Auf dem Bildschirm tauchen die Protagonisten auf, vor pinkem Hintergrund stehen Mustapha, Khalaf und Issa, Leyla und Yasmin in coolen, lässigen Posen, flirtend, augenzwinkernd, grimmig. Willkommen in der Welt von "Ramadram", einer waschechten Soap für die muslimische Fastenzeit.

Anas Aboura ist 2015 nach Hamburg gekommen, er spielt Issa. Seine Heimat ist Syrien, ein Zentrum der weltweiten Ramadan-Soap-Produktion. Dort gebe es einen großen Markt für Seifenopern, sagt er.

Ramadan: Gute Zeit für trashige Seifenopern

Rund 50 Serien würden dort jährlich für den Ramadan gedreht. Tagsüber darf im Ramadan nicht gegessen und geraucht werden, es darf kein Alkohol getrunken werden. Gläubige Muslime seien sozusagen den ganzen Tag lang in Kurzarbeit, sagt Anas Aboura schmunzelnd, statt bis sechs, nur bis drei, vier Uhr nachmittags. Sie sind oft zu Hause. Perfekt, um sich trashige Seifenopern anzusehen. Klingt irgendwie vertraut: Ramadan meets Corona. Für Anas Aboura ist diese Gleichzeitigkeit "ein komischer Zufall".

Zwei junge schwarze Männer gestikulieren - Szene aus der Online-Serie "Ramadram", die auf Kampnagel Hamburg gedreht wird und online erscheint © Judith Rau

AUDIO: Der Beitrag zum Hören (3 Min)

Eifersucht und Intrigen, Liebe und Humor, Tag für Tag knappe zehn Minuten, 17 Folgen lang, auf Arabisch, Englisch und Deutsch. Nadine Jessen ist Regisseurin und Autorin der Serie. Für sie war die Kultur der Ramadan-Soaps eine richtige Überraschung. "Da haben wir gedacht, spitze, noch niemand von uns hat eine Soap gemacht, das ist jetzt genau das Richtige."

Gedreht wurde schon vor einem Jahr. Judith Rau steht hinter der Kamera, gibt den Episoden ihren letzten Film-Schliff: "Wichtig ist das Timing. Das ist so viel Feinarbeit. Ich schneide immer erst grob und dann immer feiner. Am Ende kommen die Soundeffekte dazu", so die Videokünstlerin.

Gedreht wird im Kampnagel-Garten

Das Filmstudio ist ein flacher Bau im Kampnagel-Garten: das Migrantpolitan. Die Darsteller und Darstellerinnen sind Geflüchtete. Wie Boye Diallo aus Gambia, seit vier Jahren lebt er in Hamburg. Eigentlich ist er Mechaniker, darf hier aber noch nicht arbeiten. Das Team von "Ramadram" ist für ihn eine Art Heimat. "Ich bin so glücklich, dieses Team zu kennen. Wenn ich hier bin, ist es, als wäre ich zu Hause", sagt Diallo.

In der Soap spielt er Mustapha, einen Tänzer. Anas Abouras Figur Issa ist ein echter Ramadan-Muffel: Wenn seine Freunde mühsam fasten, provoziert er gerne. In der Soap pfeift der coole Bartträger auf alte Rituale. Den Namen Issa hat er sich in Erinnerung an einen Freund in Syrien ausgesucht. Seit 2013 sei er im Gefängnis, er gehe davon aus, dass er getötet wurde.

Hamburger Punkband Boy Division spielt Polizisten

Die Hamburger Punkmusiker Boy Division spielen als Polizisten mit in der  Online-Serie "Ramadram" der Kampnagel Hamburg © Judith Rau
Die Hamburger Punkband Boy Division wirkt bei der Serie mit - und spielt zwei unbeholfene Polizisten.

Auf den zweiten Blick erlebt man in dieser Soap harte und gar nicht lustige Erfahrungen der Geflüchteten. Wie die Szene mit den beiden Dick-und-Doof-artigen Polizisten, gespielt von Boy Division, einer Hamburger Punkband. Die wollen das Migrantpolitan bespitzeln.

Es seien Geschichten mit wahrem Kern, sagt Regisseurin Jessen: "Wir mussten die eigentlich nur sammeln und leicht fiktionalisieren, auch als Schutz für alle Mitwirkenden. Wir spielen mit dieser scheinbaren Banalität." Durch den Garten von Kampnagel streicht ein schwarzer Kater. Das "Ramadram"-Team nennt ihn Rama. Jetzt taucht er im Abspann auf. Eine telegene Katze, lobt Nadine Jessen das Maskottchen der Serie. "Ramadram" entlarvt das Bittere der Gegenwart hinter bonbonfarbener Folie. Chapeau!

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 05.05.2020 | 19:00 Uhr

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