Stand: 24.09.2019 12:25 Uhr  - NDR Info

Fiennes: "Die Geschichte hat mich fasziniert"

Als Schauspieler wirkte er in mehr als 50 Filmen mit, jetzt kommt die dritte Regiearbeit von Ralph Fiennes ins Kino: "Nurejew - The White Crow" erzählt die Geschichte des Ausnahmetänzers Rudolf Nurejew. Der Brite Fiennes spielt darin auch den Tanzlehrer von Nurejew und spricht dafür - akzentfrei wie Eingeweihte behaupten - Russisch.

Sich für eine Rolle einen bestimmten Akzent anzueignen gehört für viele Schauspieler schlicht zum Handwerkszeug. Aber gleich eine komplett andere Sprache? Wie haben Sie das gemacht?

Ralph Fiennes: Ich habe einfach sehr aufmerksam zugehört. Ich habe schon einmal in einem russischen Film mitgespielt und hatte eine sehr gute Übersetzerin, mit der ich intensiv zusammengearbeitet habe. Und natürlich gibt es fantastische technische Möglichkeiten. Wir haben einiges im Nachhinein erneut aufgenommen, um etwaige falsche Betonungen zu korrigieren. Außerdem spricht Oleg, der Hauptdarsteller, Englisch. Auch mit einigen anderen konnte ich mich in meiner Muttersprache verständigen. Die größte Herausforderung war also nicht die Sprache an sich, sondern dass ich als Schauspieler etwas vermitteln musste in einer Sprache, die nicht meine ist.

Dieses Projekt hat eine ziemlich lange Entstehungszeit…

Fiennes: Vor gut 20 Jahren schickte mir meine Bekannte Julie Kavanagh die ersten sechs Kapitel zu ihrer Biografie "Nurejew: The Life", die wenig später erscheinen sollte. Ich habe das damals ehrlich gesagt nicht wirklich verstanden und mich gefragt, was das soll. Denn ich wollte seinerzeit überhaupt nicht Regie führen, hatte keine Ahnung von Ballett oder von Nurejew. Allerdings hatte ich schon immer eine Vorliebe für Russland. Wahrscheinlich war es das. Und irgendwie hat mich die Geschichte auch fasziniert. Eine Produzentin, mit der ich später mehrfach zusammengearbeitet habe und die das Ballett liebt und kennt, fragte dann später, ob ich nicht diesen Film machen wolle.

Allerdings wollten Sie auf keinen Fall selber mitspielen. Warum haben Sie Ihre Meinung geändert, aus Pragmatismus?

Fiennes: Ja, es war absoluter Pragmatismus. Ich wollte auf keinen Fall mitspielen. Aber die Finanzierung gestaltete sich extrem schwierig. Ein Film größtenteils auf Russisch, mit einem Unbekannten in der Hauptrolle, das sind nicht gerade ideale Voraussetzungen für Financiers. Obwohl viele der anderen Rollen mit namhaften russischen Schauspielern besetzt sind. International hatte das für die Verleiher keine Bedeutung. Und wir hatte viele verschiedene Drehorte, Paris, St. Petersburg, Kroatien - das kostet! Am Ende sagte eine russische Produzentin: 'Ralph, wenn du russisches Geld dafür willst, solltest du in diesem Film sein!' Also habe ich meine eigene Regel gebrochen, mitgemacht und trotzdem kein russisches Geld bekommen.

Dafür haben Sie einen ukrainischen Tänzer für die Hauptrolle gefunden, Oleg Ivenko.

Fiennes: Und der ist nicht nur ein ausgezeichneter Tänzer, sondern hat eindeutig schauspielerisches Talent. Es war mir sehr wichtig, dass Nurejew im Film jedwede Übung an der Ballettstange, jede Form und Geste sozusagen von Natur aus beherrschte. Ein Schauspieler kann noch so hart arbeiten, er hat nun mal keine Ballettausbildung. Und Leute, die sich damit auskennen, sehen das auf den ersten Blick, zum Beispiel allein an der Art, wie jemand den Arm hebt.

Nurejew war ein Paradiesvogel, einzigartig in seiner Ausdrucksweise, vielleicht sogar so etwas wie ein Vorreiter in Sachen tänzerischer Emanzipation?

Fiennes: Zu der Zeit waren die größten Rollen im klassischen Ballett von Frauen besetzt. Er hat auf jeden Fall dafür gekämpft, dass auch die männlichen Figuren mehr Raum und Ausdrucksmöglichkeiten eingeräumt wurden. Und er hat einigen seiner Bewegungen definitiv eine feminine Facette hinzugefügt. Manche sagten, er tanze wie eine Frau, weil er den Figuren und seiner Technik eben etwas sehr Weibliches hinzufügte, und das hat er sehr bewusst gemacht.

Das Interview führte Bettina Peulecke.

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NDR Info | Kultur | 25.09.2019 | 07:55 Uhr

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