Andra Day singt in ihrer Rolle als Jazz-Ikone Billie Holiday in Lee Daniels Film "United States vs Billie Holiday", rechts ist Kevin Hanchard als Louis Armstrong zu sehen © Paramount/Courtesy Everett Collection Foto: Takashi Seida

Drama über die Abwärtsspirale im Leben Billie Holidays

Stand: 21.04.2021 08:25 Uhr

Das Drama "The United States vs. Billie Holiday" erzählt von Sex, Drugs & Jazz. Andra Day ist für ihre Rolle als Billie Holiday für den Oscar-nominiert. Der Film startet am 23. April als VideoOnDemand.

Andra Day singt in ihrer Rolle als Jazz-Ikone Billie Holiday in Lee Daniels Film "United States vs Billie Holiday", rechts ist Kevin Hanchard als Louis Armstrong zu sehen © Paramount/Courtesy Everett Collection Foto: Takashi Seida
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von Hartwig Tegeler

Der überfrachtete Film von Lee Daniels (USA, 2021) über die Jazz-Ikone Billie Holiday handelt von abgebrochenen Konzerten, einem Gefängnisaufenthalt, dem Kontakt zu gewalttätigen Männern und dem endgültigen Absturz in Heroin- und Alkohol-Sucht. Andra Day singt die Songs grandios, in wunderbaren Phrasierungen.

"The United States vs. Billie Holiday" ist kein klassisches Biopic

Neben Ella Fitzgerald, Sarah Vaughan, Bessie Smith und Nina Simone gehört Billie Holiday zweifelsfrei zu den großen Sängerinnen der Jazzgeschichte. Ihr Leben war eine brutale Achterbahnfahrt, die in ärmsten Verhältnissen begann, sie auf den Olymp der Starruhm führte und in die Abgründe der Drogensucht. In Lee Daniels Billie-Holiday-Film "The United States vs. Billie Holiday" spielt die Soul- und R&B-Sängerin Andra Day die Jazz-Ikone, die 1959 an eine Leberzirrhose starb. Für diese Rolle ist Andra Day in der Kategorie "Beste Hauptdarstellerin" für den Oscar 2021 nominiert.

Es geht mit "Strange Fruit" nicht nur um einen Song, sondern um gesellschaftliche, um Klassen- und rassistische Verhältnisse. "Ja, das ist ein Song über wichtige Dinge. Dinge, die im Land vor sich gehen. Viele wissen nicht, wie wichtig mir diese Dinge sind", sagt Holliday (alias Anda Day) im Film.

Song "Strange Fruit": Holiday thematisiert Lynchmorde

"Strange Fruit" übersetzt "sonderbare Frucht", machte Billie Holiday Ende der 1930er-Jahre weltberühmt und thematisiert die Lynchmorde an Afroamerikanern in den USA. Die Zeilen "Die Südstaaten-Bäume tragen merkwürdige Früchte" und "Schwarzer Körper baumelt im Südstaaten-Wind" sind so grauenhaft, wie prägnant, drastisch, wie historisch realistisch. Für das FBI ist "Strange Fruit" ein politisches Pamphlet, das es zu unterdrücken gilt:

- Aber wieso hat dieser Song so eine Bedeutung für uns.
- Hoover sagt, er ist unamerikanisch. Er provoziert die Menschen. Auf falsche Weise. Dialog aus "The United States vs Billie Holiday"

Billie Holidays Abwärtsspirale bis zum Tod

Sex & Drugs & … nein, noch nicht Rock´n Roll, sondern Jazz. "Die Vereinigten Staaten gegen Billie Holiday" erzählt von abgebrochenen Konzerten, einem Gefängnisaufenthalt, dem Kontakt zu gewalttätigen Männern und dem endgültigen Absturz in Heroin- und Alkohol-Sucht bis hin zum letzten Krankenhausaufenthalt, wo noch am Bett der Sterbenden das FBI steht, um die Sängerin wegen Drogenbesitzes zu verhaften. Eine bizarre Szene.

Grandiose Andra Day- nominiert für Oscar als beste Hauptdarstellerin

Die für den Oscar nominierte Andra Day singt die Songs grandios, in wunderbaren Phrasierungen, sehr nahe bei Billie Holiday, aber als eigene künstlerische Darbietung. Die Billie Holiday, die sie spielt, ist Opfer der Verhältnisse, ihrer Vergangenheit, aber eben nicht nur Opfer; sie wehrt sich:

-"Strange Fruit" habe ich gestrichen.
- Ich will den verdammten Song singen, verstanden! Dialog aus dem Film "The United States vs Billie Holiday"

Es ist von Anfang an klar, dass der Lee Daniels kein klassisches Biopic gedreht hat. Die Stationen der Holiday-Lebensgeschichte tauchen eher wie Flashbacks während der Heroin-Trips der Sängerin auf, wenn sie sich beispielsweise in die kleine Billie verwandelt, die einen Raum ihrer Vergangenheit betritt, in dem sie von ihrer Mutter zur Prostitution gezwungen wird, um dann wieder quasi aufzutauchen, hinein in die Gegenwart der erfolgreichen wie verfolgten Sängerin.

Film wirkt wie ein zu voll gestelltes Zimmer

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Ihr musikalisches Vermächtnis ist unerschöpflich. Jeden Song, den sie interpretierte, hat Billie Holiday mit ihrer fast verletzten Stimme zu einer Kostbarkeit gemacht. mehr

Gegen diese dramaturgische Form, die versucht, die Klischees eines Biopics auszuhebeln, ist natürlich nichts einzuwenden. Aber in all dem wirkt der Film - auch in der perfekten Rekonstruktion der 1940er-und 50er-Jahre - wie ein zu voll gestelltes Zimmer. Zu viele Themen, ein zu wilder Stilmix, hier noch ein wenig Knast, da ein prügelnder Partner, Rückblende zu einem Lynchmord mit historischen Fotos; dann das Verbot für Billie Holiday, auf der Bühne aufzutreten.

Und so, trotz der eindrucksvollen Geschichte, trotz des großartigen Spiels von Andra Day und der von ihr wunderbar interpretierten Songs, lässt einen der Film am Ende merkwürdig kalt. Als ob das Zentrum dieser historischen "black-lives-matter"-Geschichte, das also, was uns bewusst, unbewusst zum Schauen bringt, als ob es sich nicht entfalten will.

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