Titelbild zur Dokuserie: Olli Schulz vor Bäumen. © NDR

Olli Schulz über Sound of Germany: "Mir ist viel Einsamkeit aufgefallen"

Stand: 18.09.2021 16:08 Uhr

Der Musiker Olli Schulz will wissen: In was für einem Land lebe ich und wie klingt es? Dafür fuhr er quer durchs Land. Wir haben mit ihm über seine Erfahrungen zu Sound of Germany gesprochen.

"In was für einem Land lebe ich eigentlich?", das fragt sich Olli Schulz und begibt sich auf eine musikalische Deutschlandreise. © NDR
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Wie klingt Deutschland vor der Wahl? Dieser Frage ist Musiker und Podcaster Olli Schulz zusammen mit einem Autorenteam des NDR nachgegangen. Zu sehen sein wird die dreiteilige NDR Doku-Serie nun in der ARD-Mediathek.

Olli Schulz, wie können wir uns das vorstellen? Bist Du einfach quer durchs Land gefahren, auf der Suche nach dem Soundtrack Deutschlands?

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Sound of Germany

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Olli Schulz: So ungefähr kann man sich das tatsächlich vorstellen. Ich bin losgefahren mit diesem besagten Autorenteam, mit dem ich vor eineinhalb Jahren schon mal eine sehr schöne Dokumentation für den NDR drehen durfte: "Die Geschichte eines Abends", die im Altenheim stattgefunden hat. Und so kam es zu einer erneuten Zusammenarbeit. Und diesmal sind wir durch Deutschland gefahren und haben versucht, Menschen ausfindig zu machen, die so ein bisschen in Vergessenheit geraten. Gerade in dieser Zeit, wo ganz viele Lautsprecher ganz viele Menschen was zu sagen haben, verschwinden doch einige Stimmen gesellschaftlich - und die haben wir versucht, zu finden. Zwischendurch gibt es auch mal einen Star wie Klaus Meine von den Scorpions oder DJ Ötzi aus dem im Fernsehgarten. Aber grundsätzlich haben wir uns doch mehr versucht, um Menschen zu kümmern, die momentan nicht so häufig auftauchen im gesellschaftlichen Gesamtbild.

Und wie hast Du dann die gefunden, wie auch die Orte, die Du besucht hast?

Schulz: Dafür hatten wir dieses fantastische Autorenteam vom NDR, was sich auf die Suche gemacht hat. Und wir hatten einen großen Grundbegriff - das war Musik. Deswegen heißt die Sendung auch "Sound of Germany". Es geht vor allem um Menschen, die eigene Leidenschaft haben oder irgendeine Verbindung zur Musik. Sei es, dass sie selber Musiker sind oder dass sie sich, sage ich mal, mit Musik, die ihnen Halt und Kraft gibt, durchs Leben kämpfen. So ist Musik, glaube ich, das allumfassende Bindeglied in dieser ganzen Geschichte und versucht so ein bisschen Menschen zu finden, die es gerade sehr schwer haben, in dieser Corona-Zeit Musik zu machen, Geld zu verdienen und Ähnliches. Und die haben wir zu Wort kommen lassen.

Und dann hast Du Dich mit denen über Musik unterhalten und vor der Bundestagswahl auch über politische Themen gesprochen?

Schulz: Es waren mehr gesellschaftliche Unterhaltungen, die ich geführt habe. Ich erinnere mich jetzt gerade an Armin, der seit 20 Jahren im Seefahrerheim lebt, weil ihn damals die Industrialisierung aufgefressen hat, sage ich mal, er keinen Job mehr gefunden hat, das Trinken angefangen hat und in sehr rührend in seinem Heim sitzt und den ganzen Tag Freddy Quinn hört und Sehnsucht nach dem Meer hat. Er erzählt uns seine Geschichte. Genauso wie ein Alleinunterhalterin im Harz auf einem Campingplatz, wohin nicht mehr sehr viele Menschen kommen. Sie erzählen, was Corona mit ihnen gemacht hat, teilweise auch, was sie von der Politik erwarten oder wo sie enttäuscht sind. Das ist aber jetzt keine Politiksendung. Es geht wirklich mehr darum: Was hat diese Zeit und vielleicht auch die Politik und Entscheidungen aus den Menschen gemacht?

Gab es auch konkrete Erlebnisse, die Dich geflasht haben?

Bei "Sound of Germany" trifft Olli Schulz unter anderem auf Armin, der in einem Seemannsheim lebt. Zu den Klängen von Freddy Quinn sprechen sie darüber, was von Seefahrtsromantik in Zeiten der Globalisierung geblieben ist. © NDR
Bei "Sound of Germany" trifft Olli Schulz unter anderem auf Armin, der in einem Seemannsheim lebt.

Schulz: Es haben mich viele Sachen geflasht oder auch bewegt. Ich war in einem Jugendheim im Kurort Bad Bentheim und mich dort mit ein paar Flüchtlingskindern oder Kindern mit Migrationshintergrund unterhalten. Die habe ich wirklich sofort ins Herz geschlossen. Ich erinnere mich an Mohammed, der mir von seiner Zeit in Syrien erzählt hat, dass man abends ins Bett gegangen ist und gehofft hat, am nächsten Morgen wieder aufzuwachen und den Rest der Familie wiederzusehen, in einem schrecklichen Kriegsgebiet. Das hat mich unheimlich berührt. Denn es ist immer berührender, wenn man keine Fakten oder Nachrichten, sondern wirklich Geschichten von Menschen erzählt bekommt.

Oder das Gespräch mit Ralf, einem Alleinunterhalter aus Chemnitz, der überzeugter AFD-Wähler ist und mir seine Sicht der Dinge erzählt hat. Das waren Dinge, wo ich anderer Meinung bin als er, aber es kam zu einem Gespräch auf Augenhöhe. Und das finde ich manchmal auch ganz wichtig, anstatt sich gegenseitig immer über Social Media anzuklagen: mit Menschen zu reden, warum sie so eine Entscheidung treffen oder Ähnliches.

"Sound of Germany" heißt die Doku-Serie. Deshalb zum Schluss die Frage: Wenn man alle Spuren übereinander legt - wie klingt Deutschland denn nun eigentlich?

Welchen Stellenwert haben Lieder für LKW-Fahrerin Rinet, die Tage und Wochen auf der Autobahn verbringt? © NDR
Welchen Stellenwert haben Lieder für LKW-Fahrerin Rinet, die Tage und Wochen auf der Autobahn verbringt?

Schulz: Gar nicht mal so unmusikalisch, wie man denkt. Musik ist ja für viele Menschen, die einsam sind, wichtig. Ich habe eben Armin, diesen ehemaligen Matrosen, erwähnt, der im Heim lebt. Oder Rinet, eine LKW-Fahrerin, die ich getroffen habe, die unendlich viele Kilometer unterwegs ist, um Geld zu verdienen und die mir ihre Geschichte erzählt hat.

Ich glaube, wenn man alles übereinanderlegt, dann klingt Deutschland doch sanfter, als man das wahrscheinlich oft denken mag. Viel Einsamkeit ist mir aufgefallen. Dass wir teilweise nicht das Talent haben, aufeinander zuzugehen, sondern gerne über Menschen reden und urteilen. Aber wir es eben nicht so gut schaffen, uns miteinander zu verbinden oder das Gespräch zu finden und ich glaube, das ist so der Klang, der nachhallt nach dieser Dokumentation.

Das Gespräch führte Eva Schramm.

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"In was für einem Land lebe ich eigentlich?", das fragt sich Olli Schulz und begibt sich auf eine musikalische Deutschlandreise. © NDR

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