Ein goldener Bär und vier silberne Bären stehen vor der Verleihung der Bären im Berlinale Palast. © picture alliance/dpa Foto: Michael Kappeler

Neues Berlinale-Konzept: "Habe ein sehr unbehagliches Gefühl"

Stand: 11.02.2021 14:11 Uhr

Die Berlinale findet in diesem Jahr in zwei Etappen statt: Auf einen digitalen Branchentreff im März soll ein Festival mit Publikumsvorführungen im Juni folgen. Ein Gespräch mit der Filmkritikerin Christiane Peitz.

Ein goldener Bär und vier silberne Bären stehen vor der Verleihung der Bären im Berlinale Palast. © picture alliance/dpa Foto: Michael Kappeler
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Frau Peitz, Kulturstaatsministerin Monika Grütters zeigte sich von dem Konzept der zweigeteilten Berlinale überzeugt: Dies sei ein "starkes kultur- und filmpolitisches Signal", die Marke Berlinale bewahre so "auch in 2021 ihre Strahlkraft". Teilen Sie diese Ansicht?

Christiane Peitz: Die Pläne lösen bei mir zumindest ein Unbehagen aus. Denn die Berlinale ist das größte Publikumsfestival der Welt, jedenfalls mit einem Wettbewerb - und erstmals wird das Publikum ausgeschlossen. Da frage ich mich, ob das nicht den Markenkern des Festivals beschädigt. Ich weiß, dass es gerade nicht anders geht, weil die Kinos aus gutem Grund geschlossen sind. Aber die Branche online zuzulassen, Medienvertreter online zulassen, vier Jurys in Berlin zu versammeln, die nicht nur Bären verleihen, sondern auch Preise in den anderen Sektionen - das weckt doch bei den hunderttausenden leidenschaftlichen Berlinale-Besucherinnen und -Besuchern unweigerlich so ein Hinterzimmer-Gefühl: Die da, die Privilegierten, so ein paar 'Happy Few' haben das Privileg, in der ersten Märzwoche Festivalfilme gucken zu dürfen, und wir müssen leider draußen bleiben. Ich habe dabei ein sehr unbehagliches Gefühl.

Also eine komplette Schnapsidee?

Peitz: Nein, ich kann die Absicht von Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek, dem Leitungsduo der Berlinale, sehr gut verstehen. Die wollen die Filmschaffenden und die Filmindustrie zu Jahresbeginn nach Kräften unterstützen. Und inmitten dieser Pandemie, mit einem Ausblick auf eine baldige Öffnung der Kinos, braucht die Branche so einen Anschub mehr denn je. Festivals - jedenfalls solche mit einem Filmmarkt wie Berlin oder Cannes - sind ja für beides da: für die Filme und fürs Publikum. Ich bin nur skeptisch, ob dieses Experiment eines Bären-Rennens gelingen kann, bei dem Markt- und Publikumsvorstellungen voneinander getrennt sind. Denn das ist ganz eng, wenn nicht sogar untrennbar miteinander verzahnt: Nach der unmittelbaren Publikumsreaktion bei einer Weltpremiere, also dem emotionalen Wert, bemisst sich auch ein bisschen der finanzielle Wert. Je besser ein Film ankommt, desto besser verkauft er sich. Und jetzt gibt es nur so etwas wie eine künstliche Öffentlichkeit, dadurch dass wir Medienvertreter zugelassen sind. Das erfüllt mich zusätzlich mit Unbehagen, denn wir sind ja nicht dazu da, Filmpreise in die Höhe zu treiben und wir werden nicht von der Branche bezahlt. Dieses Privileg, jetzt schon Filme gucken zu können, ist gleichzeitig eine Bürde - jedenfalls für uns von der sogenannten Tagespresse. Wir schreiben ja nicht für die Einkäufer und die Verkäufer, sondern am Ende doch fürs Publikum, und haben jetzt eine sehr merkwürdige Rolle, wie wir sie in der Geschichte der Filmfestivals noch nie hatten.

Ab dem 9. Juni öffnet die Berlinale dann für nicht-professionelle Cineasten zum sogenannten "Summer Special". In zahlreichen Kinovorführungen in der Stadt könne das Publikum einen Großteil der Filmauswahl aller Sektionen in Anwesenheit der Filmschaffenden erleben. So der zuversichtliche Plan. Wie realistisch ist das?

Peitz: Es steht nicht in den Sternen, sondern in den Covid-Kurven, ob dieses Festival im Sommer auch tatsächlich stattfinden kann. Die Leipziger Buchmesse hatte sich zunächst auf Ende Mai verschoben und ist jetzt komplett abgesagt. Ob wir tatsächlich in der ersten Junihälfte so ein Festival über die Bühne bringen lassen können, das wissen wir im Moment nicht. Ich würde mich sehr darüber freuen, wenn es klappt, die Berlinale in Open-Air-Kinos mit so einem Sommergefühl zu erleben. Aber ich frage mich, ob es funktionieren wird, dass man so mitfiebert, wie man sonst bei der Berlinale mitfiebert. Ist die Neugier im Sommer auch auf solche Filme hoch, von denen man schon weiß, dass sie komplett leer ausgegangen sind? Da bin ich mir nicht so sicher, ob diese Freude genauso funktioniert - aber ich hoffe es natürlich.

Schauen wir auf das Line-up: Was finden Sie hier besonders bemerkenswert?

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Peitz: Erstmal muss man sagen, dass das Programm insgesamt abgespeckt ist. Letztes Jahr liefen auf der Berlinale insgesamt 341 Filme - jetzt sind es inklusive der Kurzfilme und der Retrospektive, von der noch nicht klar ist, wann sie normal im Kino laufen kann, 130, 140 Filme. Im Wettbewerb sind 15 Filme, auch weniger als je zuvor. Da ist es auffallend, dass es gleich vier deutsche Beiträge gibt, also mehr als ein Viertel: Maria Schraders "Ich bin dein Mensch" oder Dominik Grafs Kästner-Verfilmung "Fabian oder Der Gang vor die Hunde". In "Nebenan", dem Regiedebüt von Schauspieler Daniel Brühl mit sich selber in einer Hauptrolle, geht es um eine Kneipe in Prenzlauer Berg - das wollen die Leute bestimmt sehen. Und ein Dokumentarfilm von Maria Speth über eine Schulklasse und ihren Lehrer.

Auch auffallend ist, dass die USA, das wichtigste Filmland überhaupt in der westlichen Welt komplett fehlt. Es ist auch überhaupt kein englischsprachiger Film dabei. Es ist, mit ein, zwei Ausnahmen, reines Arthouse-Programm mit einem insgesamt sehr hohen europäischen Anteil. Außer Deutschland und Frankreich ist sehr viel Osteuropa dabei, nur zweimal Asien und einmal Mexiko. Wenn man sich das Line-up des Hauptprogramms durchliest, hat man das Gefühl, dass die Welt ein bisschen kleiner wird. Ich hoffe, dass das ein Pandemie-bedingtes Ausnahmejahr ist, und dass sich das wieder ändert.

Das Interview führte Alexandra Friedrich.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 11.02.2021 | 18:00 Uhr

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