Stand: 02.03.2020 16:18 Uhr

"La Vérité" - Catherine Deneuve als alternde Film-Diva

von Katja Nicodemus

Mit seinem Film "Shoplifters" über eine Diebesfamilie gewann der japanische Regisseur Hirokazu Kore-Eda im Jahr 2018 die Goldene Palme von Cannes. Im Jahr darauf drehte der Meister seinen ersten Film außerhalb von Japan: "La Vérité" mit Catherine Deneuve, Juliette Binoche und Ethan Hawke.

Schon der erste Auftritt von Catherine Deneuve macht Eindruck. In der Rolle der alternden Starschauspielerin Fabienne zickt sie einen Journalisten an, zeigt mit gelangweiltem Gesicht, dass sie alle Fragen schon mal gehört und beantwortet hat.

In ihrer Stadtvilla mit verwunschenem Garten lebt Fabienne in ihrem eigenen Reich. Alle kreisen um sie: der Lebensgefährte und leidenschaftliche Koch, der alte Freund und Sekretär.

Dann ist da noch Tochter Lumir, gespielt von Juliette Binoche. Sie lebt in Amerika, seit Jahren war sie nicht mehr in Paris. Für ihre exzentrische und egozentrische Mutter ist der Besuch der Tochter mit Mann und Kind offenbar kein großes Ereignis.

Catherine Deneuve spielt Königin mit Gefolge

"La Vérité" ist der erste Film, den der große japanische Regisseur Hirokazu Kore-eda außerhalb von Japan gedreht hat. In seinen Filmen untersucht und unterwandert er das Konzept der klassischen Familie. Was macht sie aus? Hat nicht jede Familie ihr Geheimnis? Gibt es überhaupt so etwas wie Blutsbande?

Oder muss man nicht immer wieder die Wahlverwandtschaft innerhalb der Verwandtschaftsbeziehungen suchen. So wie sich die Diva Fabienne und die Drehbuchautorin Lumir als Mutter und Tochter finden müssen. Zunächst einmal nehmen sich die beiden bei ebenso opulenten wie ausgedehnten Mahlzeiten gegenseitig ins Visier.

Memoiren mit Beschönigungen und Halbwahrheiten

"La Vérité" - die Wahrheit - lautet der Titel von Fabiennes Memoiren. Allerdings scheint der Inhalt eher aus Beschönigungen, Verbiegungen und Halbwahrheiten zu bestehen. Tochter Lumir (Juliette Binoche) findet darin jedenfalls nicht ihre eigenen Kindheitserlebnisse wieder.

Es ist eine Freude diesen Schauspielerinnen zuzusehen, wie sie sich als Mutter und Tochter Sparring-Gefechte liefern. Binoche spielt in Kore-edas Film schnell, reaktiv, beweglich. Schließlich muss sich ihre Figur der immer ein wenig fahrigen, auf sich selbst bezogenen Mutter erwehren.

Deneuve wiederum gibt mit großartiger Coolness die Frau, die sich selbst genug ist - solange sie im Mittelpunkt steht. Achselzuckend, rauchend, immer ein wenig zerstreut, wenn es um unangenehme Wahrheiten geht, oder um die Wahrheit überhaupt, auch in ihren Memoiren.

Zwischen Realität und Fiktion

Kunstvoll verhandelt Hirokazu Kore-eda in seinem Film das Verhältnis von Wahrheit und Erfindung, Realität und Fiktion auf verschiedenen Ebenen - etwa in der Welt der Schauspielerei. Wir erleben Fabienne auf dem Filmset. Gerade steht sie in einem Science-Fiction-Film mit einer jüngeren Kollegin vor der Kamera. Thema ist das Altern auf der Erde und das ewige Jungbleiben im All.

In den Szenen geht es auch um das Kino als Unsterblichkeitsmaschine, um die Schauspielerei als Kampf gegen die Vergänglichkeit. Liegt eine Strategie des sich Jungfühlens nicht darin, sich ständig neu zu erfinden? Auch in Anekdoten?

Sind wir nicht in unseren Familien immer auch ein wenig Darsteller und Darstellerinnen unserer selbst? Brauchen wir kleine Lügen, um uns gegenseitig wahrhaftig zu begegnen? Gehört zur hart ausgesprochenen Wahrheit im menschlichen Miteinander auch der Moment, in dem man dem Gegenüber den Schein, das Spiel, die Rolle lässt? Diese Fragen stellt Hirokazu Kore-eda in "La Vérité" auf feinsinnige Weise und überlässt die Antwort uns und seiner filmischen Wahlfamilie.

La Vérité - Leben und lügen lassen

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2019
Produktionsland:
Frankreich, Japan
Zusatzinfo:
mit Catherine Deneuve, Juliette Binoche, Ethan Hawke
Regie:
Hirokazu Kore-Eda
Länge:
108 Min.
FSK:
ohne Altersbeschränkung
Kinostart:
5. März 2020

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 05.03.2020 | 07:20 Uhr

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