Stand: 02.11.2016 10:20 Uhr

Komödie: Nicht politisch korrekt - aber witzig

von Krischan Koch

Seit Angela Merkels "Wir schaffen das" ist das Flüchtlingsthema allgegenwärtig. Die Fronten zwischen Willkommenskultur und Pegida-Demonstrationen sind verhärtet. In dieser Situation kommt jetzt eine erste Filmkomödie zur sogenannten Flüchtlingskrise in die Kinos: "Willkommen bei den Hartmanns". Regie führte Simon Verhoeven und eine der Hauptrollen hat er seiner Mutter Senta Berger auf den Leib geschrieben.

Ein neues Leben für Diallo aus Afrika

Die Kinder sind aus dem Haus. Die Hartmanns haben auf einmal Platz. Die Mutter, die frisch pensionierte Lehrerin Angelika (gespielt von Senta Berger), sucht dringend eine neue Aufgabe und möchte jetzt unbedingt einen Flüchtling aufnehmen. Der Gatte (Heiner Lauterbach) ist noch nicht überzeugt, als die beiden im Flüchtlingsheim anfragen.

Der Afrikaner Diallo flieht vor Krieg und Hunger. Bei den Hartmanns lernt er jetzt die Probleme einer gutbürgerlichen deutschen Familie kennen. Denn auf einmal stehen auch die dauerstudierende Tochter und der Sohn (Florian David Fitz) mit Burnout samt Enkel auf der Matte. Die Ehe der Hartmanns ist sowieso in der Krise. Da wird es mit dem Flüchtling fast etwas viel.

Der Filmstoff wird eingeholt von der Aktualität

Ursprünglich war der Stoff als Familienserie für das Fernsehen geplant. Als Regisseur Simon Verhoeven im Frühjahr 2015 dann mit dem Drehbuch für einen Kinofilm begann, hatte das Flüchtlingsthema noch längst nicht Bedeutung, die es heute hat. Während der Produktion wurde die Geschichte dann von den Ereignissen überrollt: "Plötzlich war alles, worüber diese Familie am Tisch gesprochen hat, brisant. Ich dachte, das kann nicht wahr sein, man kann diese Familie jetzt wie das ganze Land sehen. Jetzt wird jedes Wort auf die Goldwaage gelegt, wie ich es gar nicht gemacht habe. Ich bin von den Figuren, von der Komödie ausgegangen. Aber ich glaube, Lachen kann unserem Land in dieser Situation ganz guttun."

Treffende Szenen und wunderbare Darsteller

Ein paar Nebenfiguren wie Mädchenschwarm Elyas M'Barek als verliebter Assistenzarzt oder Uwe Ochsenknecht als Schönheitschirurg mit blonder Haarpracht führen etwas vom Thema ab. Aber auch sie sind höchst unterhaltsam und danach ist Simon Verhoeven gleich wieder bei der Sache.

Ohne Rücksicht auf Political Correctness teilt Verhoeven in alle Richtungen aus: gegen latente Vorurteile, dumpfen Ausländerhass, aber auch gegen übermotivierte Gutmenschen wie die von Ulrike Kriener gespielte Flüchtlingshelferin. Da gibt es manche satirische Überzeichnung und auch ein paar Kalauer. Aber die herrlich bissigen Szenen sind immer treffend und der wunderbare Hauptdarsteller Eric Kabongo hält die Geschichte stets zusammen. Eine hochaktuelle und überraschend unverkrampfte Komödie aus Deutschland.

Willkommen bei den Hartmanns

Genre:
Komödie
Produktionsjahr:
2016
Produktionsland:
Deutschland
Zusatzinfo:
mit Senta Berger, Heiner Lauterbach, Florian David Fitz, Elyas M'Barek, Eric Kabongo
Regie:
Simon Verhoeven
Länge:
116 Min.
FSK:
ab 12 Jahre
Kinostart:
3. November 2016

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 03.11.2016 | 08:55 Uhr

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