Stand: 07.08.2019 16:36 Uhr

Singende Seebären und Londoner Schnösel

"Fisherman´s Friends - Vom Kutter in die Charts"
, Regie: Chris Foggin
Vorgestellt von Katja Nicodemus

Im Jahr 2009 entdeckte der BBC-Radiomoderator Johnnie Walker während seines Urlaubs im britischen Küstenort Port Isaac durch Zufall den Chor der örtlichen Fischer. Ein Jahr später brachte der Chor mit seiner Hilfe ein Album heraus - mehr als 150.000 Exemplare wurden verkauft. Nun ist aus der Geschichte ein Film entstanden.

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Ausgerechnet in dem beschaulichen Fischerdorf Port Isaac feiern vier Londoner Musikproduzenten Junggesellenabschied. Schnell geraten sie mit den Einheimischen in Konflikt.

Erinnert sich jemand an Filme wie "Ganz oder gar nicht" oder "Brassed Off"? Diese Mitte, Ende der 90er-Jahre gedrehten Komödien spielten in der englischen Arbeiterklasse. Margaret Thatcher war ein paar Jahre zuvor zurückgetreten und hatte ihre neoliberalen Kahlschläge und Abwicklungen des britischen Sozialstaats hinterlassen. Nun suchte die Arbeiterschicht im Kino nach findigen Wegen aus der Misere. In "Ganz oder gar nicht" finden sich gekündigte Stahlarbeiter zu einer Erotik-Show zusammen. In "Brassed Off" wird eine Blaskapelle von Kohlearbeitern zum Star. Jetzt, 20 Jahre später taucht das Rezept wieder auf, in Chris Foggins' Komödie "Fisherman's Friends".

Den Londoner Musikproduzenten Danny verschlägt es bei einem Junggesellenabschied mit seinen Kumpels in ein Küstendorf in Cornwall.

Fette SUVs in engen Küstengassen

Zunächst rumpelt es ziemlich bei den Begegnungen zwischen den Schnöseln aus der Hauptstadt und den so schlagfertigen wie misstrauischen Bewohnern der Provinz. Warum auch müssen die Besucher blöde Bemerkungen über das einheimische Bier machen? Oder sich mit ihren SUVs in den engen Gassen des Küstenortes verkanten?

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Von gänzlich anderem Schlage als die vier Städter sind die Jungs der "Fisherman's Friends", dem ortsansässigen Seemanns-Chor.

Zentrales Komödienelement des Films ist der Chor, zu dem sich die Fischer nach Feierabend zusammenfinden. Dannys Chef wittert das Potenzial der Mischung aus derben Texten und einfachen Melodien. Er gibt den Kamikaze-Auftrag: Die "Fisherman's Friends" müssen unter Vertrag genommen werde. Ehe das nicht gelingt, darf sich Danny nicht mehr in London blicken lassen.

Ein bisschen zu schlicht erzählt der Film vom Culture Clash zwischen Stadt und Land, Arroganz und Bodenständigkeit.

Echte Werte und blasierte Oberflächlichkeit

Hier die Städter, die sich mit Dosenbier am Standpaddeln versuchen und gerettet werden müssen, da die handfesten Männer, die jeden Tag in aller Herrgottsfrühe aufs Meer fahren. Hier Oberflächlichkeit und Gedankenlosigkeit - und auf der anderen Seite echte Werte, Ehrbegriffe und Überzeugungen.

Auch Filme wie "Brassed Of" und "Ganz oder gar nicht" benutzten Klischees, um von der Spannung zwischen britischer Provinz und Metropole zu erzählen, die in den Zeiten des Brexits eine neue Relevanz bekommen hat.

Plakative Stereotypen und platte Klischees

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Während seiner sich schwierig gestaltenden Aufgabe, die singenden Seemänner unter Vertrag zu bekommen, trifft Danny (Daniel Mays) auf die Tochter des Chor-Chefs (Tuppence Middleton).

In "Fisherman's Friends" funktioniert das Drehbuch aber allzu zettelkastenmäßig. Das fängt bei der Typisierung der Fischerfamilien an: Glückliches altes Ehepaar, junge Familie mit Finanzproblemen, von seiner Frau verlassener Knurrhahn mit weichem Kern. Und es geht weiter in der Inszenierung der zynischen Londoner Produzentenmischpoke in ihren gläsernen Büros mit ihren schwarzen Ledersesseln - und den weit nach hinten gestellten Rückenlehnen. Und dann passiert auch noch dies: Die Geschichte mit dem Vertrag entpuppt sich als derber Scherz.

"Fisherman's Friends" schöpft aus einer großen Tradition des britischen Kinos: der lebendigen Milieuschilderung. Wir sehen Gesichter, die viel mehr erzählen als die Worte, die ihnen in den Mund gelegt werden. Figuren, denen man abnimmt, dass sie arbeiten, in windschiefen Häusern wohnen und abends zum Quiz in den Pub gehen. Diesen Gestalten stellt der Film aber nichts zur Seite: keine kämpferische Utopie, ja nicht einmal Nachdenklichkeit. Letztlich ist "Fisherman's Friends" eben doch kein Film über die Karriere eines Fischer-Chors oder über die Fremdheit im Erfolg. Sondern die Geschichte eines Großstädters, dessen verkommene Seele von einer romantisch überformten Natur und ihren knorrigen Bewohnern gerettet werden muss.

"Fisherman´s Friends - Vom Kutter in die Charts"

Genre:
Komödie
Produktionsjahr:
2019
Produktionsland:
Großbritannien
Zusatzinfo:
mit James Purefoy, Daniel Mays, Tuppence Middleton, David Hayman, Maggie Steed, Sam Swainsbury, Dave Johns, Noel Clarke
Regie:
Chris Foggin
Länge:
112 Min.
FSK:
keine Altersbeschränkung
Kinostart:
08. August 2019

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Kultur | 08.08.2019 | 06:20 Uhr

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