Marc-Uwe (Dimitrij Schaad) macht Pfannkuchen - Szene aus "Die Känguru-Chroniken" von Dani Levy © x Verleih

Kino in Corona-Zeit: Rückblick aufs (Katastrophen-) Filmjahr

Stand: 20.12.2020 10:18 Uhr

2020 wird wohl als Katastrophen-Jahr auch in die Geschichte der deutschen Film-Branche eingehen. Denn die Überlebenskämpfe spielten sich nicht auf, sondern hinter der Leinwand ab. Ein Rückblick.

von Walli Müller

Monatelang geschlossene Kinos, Säle, die nur zu einem Viertel besetzt werden durften, so gut wie keine Hollywood-Blockbuster, mit denen man hätte Kasse machen können: Vieles war deprimierend für die, die Kinos betreiben, Filme produzieren oder als Film-Fans das Kino lieben. Ein paar Highlights aber gab es trotzdem im Filmjahr 2020.

"Känguru-Chroniken": Super Erfolg trotz Corona-Krise

Wo war James Bond nur, als man ihn mal brauchte? Nach zigfachen Verschiebungen kam der jüngste Bond-Film gar nicht mehr dieses Jahr und wurde auf das Frühjahr 2021 verschoben. Dass in den deutschen Kinos im Corona-Jahr überhaupt noch was ging, ist mutigen deutschen Kollegen zu verdanken, die - im wahrsten Sinne des Wortes - einspringen (!) - wie Marc-Uwe Kling und sein Känguru.

Mit gut 800.000 verkauften Tickets sind die "Känguru-Chroniken" von Dani Levy - nach Simon Verhoevens Komödie "Nightlife" - der zweit-erfolgreichste deutsche Kino-Film in diesem Jahr. Während des Lockdowns wird er vorübergehend schon als Stream verkauft - wobei ein Teil des Erlöses an die geschlossenen Kinos fließt - Not macht auch die Film-Branche erfinderisch. So kommt's in diesem Jahr zu einem Revival der Autokinos. Ein längst vergessenes Vergnügen wird als Corona-kompatibel wiederentdeckt.

Nach dem ersten Shutdown: "Undine" kommt ins Kino

Franz Rogowski (links) und Paula Beer in einem Schwimmbad - Filmszene aus "Undine" von Christian Petzold © Marco Krüger/Schramm Film Foto: Marco Krüger
Im Juli öffnen die Kinos wieder, dort läuft etwa Christian Petzolds "Undine". Doch die Branche kommt auf nur 20 Prozent des Vorjahresumsatzes im Juli.

Als nach dreieinhalb Monaten Anfang Juli die Kinos wieder öffnen, starten ambitionierte Filme wie "Undine" von Christian Petzold. Auf der Berlinale, die im Februar gerade noch stattfinden konnte, wurde Paula Beer als moderne Wasserfrau gefeiert - genau wie Regisseur Burhan Qurbani für seine Version von "Berlin Alexanderplatz". Ein afrikanischer Flüchtling geht da im Berlin von heute einem teuflischen Verführer ins Netz.

Ein düsteres Drei-Stunden-Epos, virtuos gedreht und geschnitten. Doch das Interesse daran ist gering im Pandemie-Jahr: Nur 53.000 schauen sich "Berlin Alexanderplatz" an, 91.000 "Undine". Enttäuschende Zahlen. Auf gerade mal 20 Prozent des Vorjahresumsatzes kommt die Kino-Branche im Juli.

800.000 Zuschauer für "Jim Knopf und die wilde 13"

Danach aber geht’s langsam bergauf - Dank einzelner Blockbuster wie "Tenet". Und es ist auch die Stunde des Kinderfilms. In den Top 20 der deutschen Kinocharts finden sich dieses Jahr sechs davon!

Knapp 800.000 Zuschauer für "Jim Knopf und die wilde 13"; Anfang Oktober gibt es wieder 700.000 Kino-Besuche pro Woche: Gemessen am minimalen Platzangebot sind das Zahlen, die optimistisch stimmen.

November-Shutdown - neuer Tiefschlag für die Branche

Bis dann mit dem November-Shutdown der nächste Tiefschlag kommt. Besonders hart trifft es Regisseurin Julia von Heinz, die gerade noch mit ihrem Polit-Drama "Und morgen die ganze Welt" in aller Munde war, es damit zum deutschen Oscar-Vorschlag geschafft hat. Der Film läuft dann genau vier Tage. Die ganze Aufmerksamkeit: verpufft.

Es sei ein hartes Jahr für die Branche, so resümiert auch Christine Berg, Sprecherin des Hauptverbands deutscher Kinos. "Die Bilanz ist natürlich verheerend. Nach fast sechs Monaten Lockdown, drei Monaten wirklich schlechtem Geschäft, haben wir einen Umsatzeinbruch von 70 Prozent." In Zahlen bedeute das eine Milliarde Umsatzverlust, so Berg. "Da kann man sich vorstellen, das ist kein schönes Jahr für die Kinobetreiber gewesen. Aber wir hoffen auf das nächste Jahr. Dafür brauchen wir jetzt wirklich planbarere Öffnungen. Da muss die Politik ran, damit wir auch ein bisschen wissen, was das Jahr 2021 zumindest in den ersten drei, vier Monaten bringen wird", sagt Berg.

Kinos fürchten weiter um ihre Existenz

Drei Kinos mussten bisher Corona-bedingt Insolvenz anmelden, viele fürchten weiter um ihre Existenz. Während die Streaming-Dienste boomen und große Leinwand-Epen wie "Mulan" gleich exklusiv online vermarktet werden. Disney+, Netflix und Co könnten der Kino-Branche über die Pandemie hinaus zusetzen.

Andererseits: Das digitale Streaming eröffnet auch ganz neue Möglichkeiten. In Oldenburg, Hof, Hamburg und Leipzig fanden Film-Festivals erstmals hybrid statt. Mit Publikum vor Ort und Online-Sichtungsmöglichkeit parallel dazu. So konnte man plötzlich Deutschland-weit an Festivals teilnehmen. Eine Win-Win-Situation und vielleicht wenigstens eine positive Entwicklung, die Film-Fans Corona zu verdanken hätten.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 21.12.2020 | 06:55 Uhr

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