"Enfant Terrible": Fassbinder-Biografie von Oskar Roehler

Stand: 01.10.2020 16:34 Uhr

Seinerzeit war er der kontroverseste, produktivste und bedeutendste Filmemacher im Deutschland der Nachkriegszeit: Rainer Werner Fassbinder. Er starb mit 37 und hinterließ 44 Filme.

von Bettina Peulecke

"Enfant Terrible" heißt das biografische Porträt von Regisseur Oskar Roehler über den großen Kollegen - mit einem phänomenalen Oliver Masucci in der Hauptrolle - der gerade das Filmfest Hamburg eröffnet hat und nun in den Kinos zu sehen ist. 

Heute könnte es keinen Fassbinder mehr geben

Bürgerschreck und Berserker, das gilt für Fassbinder ebenso wie für Roehler, der schon früh von dem Werk Fassbinders beeinflusst war. Auch seine eigenen Filme sind größtenteils wild und provokativ und stehen im krassen Gegensatz zum sonst so cleanen Kino der aktuellen deutschen Filmproduktionen, die sich einen Fassbinder gar nicht mehr leisten würden, meint Oskar Roehler:

Der Regisseur sagt: "Heute könnte es keinen Fassbinder mehr geben. Denn der wäre weder finanzierbar noch könnte der seine eigenen Kapriolen machen. Das hängst schon allein damit zusammen, dass die Selbstzensur der Geldgeber, die natürlich Schiss haben, irgendwo einen Skandal zu evozieren oder sich sonst wie ihre weiße Weste zu beschmutzen gar nicht zuließe, dass man derartige Experimente macht. Das waren die 'Golden Years of Germany', das war das Deutsche Autorenkino, da war er mit Sicherheit der Beste, aber das ist überhaupt nicht wiederholbar."

Weitere Informationen
Oliver Masucci als Rainer Werner Fassbinder - Szene aus dem Film "Enfant terrible" von Oskar Roehler © BavariaFilmproduktion
2 Min

Filmtrailer: "Enfant Terrible"

Seinerzeit war er der kontroverseste, produktivste und bedeutendste Filmemacher im Deutschland der Nachkriegszeit: Rainer Werner Fassbinder. Er starb mit 37 und hinterließ 44 Filme. 2 Min

"Enfant Terrible": Fassbinder arbeitete wie besessen

Oskar Roehlers "Enfant Terrible" ist eine Hommage, eine liebevolle Verbeugung vor Fassbinder. Der junge Regisseur polarisiert: beruflich wie privat. Er arbeitet sich ab am Nachkriegsdeutschland, inszeniert gegen die neue Bürgerlichkeit und überschreitet immer Grenzen. Er lebt mit vielen seiner Schauspieler, seinem "Clan", in familienähnlichen Verhältnissen. Hat Sex mit Männern und Frauen und arbeitet wie besessen.

"In einem Jahr mit Dreizehn Monden" was soll das sein? Mein neuer Film, es geht um eine große Liebe. Um einen Traum, der nicht gelebt werden kann, weißt du? Dieser Film ist nur möglich in einer Stadt wie Frankfurt. In der das Geld regiert und die soziale Kälte. O-Ton Fassbinder aus dem Film

Aber die Arbeitswut, die körperliche Selbstausbeutung aller Beteiligten und der ungebremste Drogenkonsum fordern bald ihre ersten Opfer.

Oliver Masucci spielt den Fassbinder phänomenal

OliverMasucci als Rainer Werner Fassbinder mit Jochen Schropp - Szene aus dem Film "Enfant terrible" von Oskar Roehler © BavariaFilmproduktion
Auch Armin (Jochen Schropp) gehört zu Fassbinders Ensemble.

Rainer Werner Fassbinder starb mit 37 Jahren und hinterließ 44 Filme. Oliver Masucci spielt dieses "Enfant Terrible"- Fassbinder mit einer phänomenalen Präsenz, Wucht und Verletzlichkeit. Mal sehen, wie viele Schauspielpreise er dafür einheimsen wird - für diese fantastische Leistung: Mal grausamer Menschenschinder, mal verletze Künstlerseele, sich immer verausgabend und alle in seinen Bann ziehend.

Oskar Roehler meint über Fassbinder: "Die waren ja alle von ihm anhängig und er konnte dann mit Liebe oder Gleichgültigkeit, mit Wärme oder mit Kälte belohnen oder bestrafen, sich geradezu ein Bestrafungssystem aufbauen und quasi so eine Art Gefühlsdiktator werden."

Roehlers Film war keine einfache Produktion, er war finanziellen und rechtlichen Schwierigkeiten ausgesetzt, auf Originalschauplätze musste verzichtet werden, man drehte im Studio statt auf der Croisette. So sieht der Film nun auch aus wie ein Fassbinderfilm, explizit künstlich, theatralisch, großartig im Geiste und der Gestalt seines Hauptdarstellers.

Enfant Terrible

Genre:
Biografie
Produktionsjahr:
2020
Produktionsland:
Deutschland
Zusatzinfo:
mit Oliver Masucci, Hary Prinz, Katja Riemann
Regie:
Oskar Roehler
Länge:
134 Min.
FSK:
ab 16 Jahre
Kinostart:
1. Oktober 2020

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 30.09.2020 | 06:40 Uhr

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