Stand: 30.07.2019 16:00 Uhr

Eine schicksalhafte Begegnung am Strand

von Krischan Koch

Das Thema Migration kommt auch im deutschen Kino immer häufiger vor. Vor Kurzem lief das Flüchtlingsdrama "Roads". Jetzt kommt ein Film des jungen Hamburger Regisseurs İlker Çatak ins Kino. "Es gilt das gesprochene Wort" über die Scheinehe eines Türken mit einer Deutschen wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet.

Marion und Baran leben in höchst unterschiedlichen Welten. Marion (gespielt von Anne Ratte-Polle) ist Pilotin. Baran, den sie am Strand des türkischen Badeortes Marmaris kennenlernt, schlägt sich in einer Bar als Gigolo durch. Er hat gerade seine anatolische Heimat verlassen und träumt von einem Leben in Deutschland.

Marion lässt sich tatsächlich überreden. Sie nimmt Baran (Oğulcan Arman Uslu in seiner ersten Kinorolle) mit nach Deutschland und regelt alles für ihn. Sie geht mit ihm eine Scheinehe ein, besorgt ihm einen deutschen Pass, eine Wohnung und einen Job in der Abfertigung auf dem Hamburger Flughafen.

Regisseur İlker Çatak, der mit seinem Abschlussfilm an der Hochschule 2015 den Studenten-Oscar gewann, lässt sich alle Zeit für seine Charaktere und auch für die Schauplätze.

Kontrastprogramm Strand und Standesamt

So sind lebensnahe, fast dokumentarische Bilder des touristischen Nachtlebens am türkischen Mittelmeer entstanden und dann in Deutschland eine eindrucksvoll triste Trauungsszene im Standesamt. Marions kurzes Lächeln nach dem verunglückten Kuss des Brautpaares deutet vorsichtig an, wie die Geschichte weitergehen könnte. Von ihrem bisherigen Partner trennt sich Marion zumindest.  

Çatak und dem Jugendbuchautor Nils Mohl, die zusammen das Drehbuch geschrieben haben, gelingen messerscharfe, manchmal auch komische Dialoge.

Unterschiedliche Lebensentwürfe und Kulturen

Sie offenbaren treffend die Unterschiede in den Lebensentwürfen und Kulturen, die sprachlichen Verständigungsprobleme im doppelten Sinne. Anne Ratte-Polle spielt wunderbar reduziert, wie Marion verschiedene Schicksalsschläge durchsteht und ihre kühle, fast zynische Fassade zu bröckeln beginnt. Ist aus der Scheinehe Liebe geworden?

Çatak umschifft alle bei dieser Geschichte naheliegenden Stereotypen. So kühl und trotzdem stimmungsvoll wie die schönen Hamburg-Bilder erzählt der Film die Geschichte von Marion und Baran unsentimental und beinahe selbstverständlich - bis zum überraschenden sehr originellen Ende. Das ist traurig und komisch und sehr wahr. Eine zärtlich spröde Liebesgeschichte.  

Weitere Informationen
Szene aus der Verfilmung des Jugendbuches "Es war einmal Indianerland" © Camino Filmverleih

Kultfilm-Anwärter "Es war einmal Indianerland"

Ilker Çataks Romanverfilmung "Es war einmal Indianerland" handelt von einem 17-jährigen Boxer aus Hamburg. Das mitreißende Road-Movie von 2017 ist aktuell in der ARD Mediathekzu sehen. mehr

Es gilt das gesprochene Wort

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2019
Produktionsland:
USA
Zusatzinfo:
mit Anne Ratte-Polle, Oğulcan Arman Uslu, Godehard Giese, Jörg Schüttauf
Regie:
İlker Çatak
Länge:
122 Min.
Kinostart:
1. August 2019

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 31.07.2019 | 06:40 Uhr

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