Stand: 04.04.2018 11:50 Uhr

"Transit": Flüchtlingsdrama zwischen den Zeiten

Transit
von Christian Petzold
Vorgestellt von Katja Nicodemus

Auf der vergangenen Berlinale gehörte Franz Rogowski, Hauptdarsteller von Christian Petzolds neuem Film "Transit", zu den Favoriten für den Darstellerpreis. Zur allgemeinen Überraschung zeichnete die Jury unter ihrem Präsidenten Tom Tykwer weder Rogowski noch das im Wettbewerb stark und vielfältig vertretene deutsche Kino aus. Ein Fehler, wie NDR Kultur Filmkritikerin Katja Nicodemus findet.

Es ist die Erzählerstimme von Matthias Brandt, die über "Transit" zu schweben scheint, dem Film seine Nachdenklichkeit, seine Melancholie verleiht. Sie folgt dem vor den Nazis geflohenen Helden Georg, gespielt von Franz Rogowski, durch Marseille.

Filmszene: "Transit" mit Paula Beer und Franz Rogowski vor einer Botschaft in Marseille © Schramm Film/ Marco Krüger

Trailer: "Transit" von Christian Petzold

Das Drama von Christian Petzold ist gleichzeitig NS-Drama und Liebesgeschichte - transportiert ins heutige Marseille. Paula Beer und Franz Rogowski spielen die Hauptrollen.

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Falsche Identität zu Fluchtzwecken

In der französischen Hafenstadt trifft er viele andere Flüchtende, Hoffende. Georg wird die Identität eines toten Schriftstellers annehmen, um sich mit dessen Papieren nach Mexiko einzuschiffen. Von dem, was in Marseille, dem Durchgangsort, geschieht, erzählt Anna Seghers' 1942 im Exil entstandener Roman "Transit". Christian Petzold hat die Figuren des Buches in das Marseille von heute, seine Straßen, Cafés und Hotels verlegt: Hotelbesitzerinnen, die von den Flüchtlingen horrende Vorschüsse und überzogene Preise verlangen, die überall drohenden Razzien, durch die Straßen brausende Polizeiwagen mit ihren Sirenen.

Reminiszenzen an die 40er-Jahre

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Franz Rogowski spielt die Hauptfigur Georg mit vielen Schattierungen.

Petzold lässt die 40er-Jahre durch Accessoires im Heute mitschwingen: Taschenuhren, abgeschabte Lederkoffer, Briefe in Sütterlin. In diesem zeitenverbindenden Transitraum Marseille gibt es auch Momente der Hoffnung, zarte Momente. Etwa wenn sich Georg mit dem kleinen Sohn eines auf der Flucht verstorbenen Kameraden anfreundet. Gemeinsam mit dem Kind repariert er dessen kaputtes Radio und fühlt sich durch eine Melodie an ein Lied seiner Kindheit erinnert.

Franz Rogowski als Georg: Empfindsam und zäh

Franz Rogowski spielt diesen Helden mit großer Empfindsamkeit. Und dann wieder mit der physischen Präsenz eines Mannes, der sich durchschlägt: zäh, überlebens- und liebesentschlossen. Immer wieder begegnet Georg einer mysteriösen unbekannten schönen Frau, die ihn von hinten oder von fern für ihren vermissten Mann hält. Eine Liebesgeschichte beginnt.

Abhängigkeit von der Willkür der Bürokratie

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Auf seiner Odyssee durch Marseille kommt Georg selten zur Ruhe.

Der Film zeigt Marseille als einen Ort, an dem man durch die Bedrohung des Faschismus anders, intensiver, überhitzter lebt, sehnt und hofft. In der amerikanischen Botschaft begegnet Georg anderen Menschen, die auf ein Transitvisum warten; etwa einem von Justus von Dohnányi gespielten Dirigenten mit Redebedürfnis. Vor lauter Panik und Hunger kann er Wichtiges und Unwichtiges offenbar nicht mehr unterscheiden.

Petzold erzählt nicht die Schicksale heutiger Flüchtlinge. Doch ihre Angst, ihre Schutzlosigkeit, ihr Ausgeliefertsein schwingen in seinem Film mit. Was sie mit den vor den deutschen Truppen Fliehenden verbindet, ist ihre Abhängigkeit von der Willkür der Bürokratie. Und die Tatsache, dass sie niemand will.

Großer Film mit schwerer Vergangenheit

Es seien die Erfahrungen von Menschen wie der "Transit"-Autorin Anna Seghers, auf denen das deutsche Asylrecht beruhe, sagte Christian Petzold auf der Berlinale, wo sein Film Weltpremiere hatte. Und wer das Asylrecht angreife, greife die Erfahrungen dieser Menschen an. "Transit" ist ein großer Film, weil es ihm gelingt, diese politische Aussage mit der allergrößten poetischen Freiheit zu verbinden.

Transit

Genre:
Spielfilm
Produktionsjahr:
2018
Produktionsland:
Deutschland
Zusatzinfo:
mit Paula Beer, Franz Rogowski und Ulrich Tukur
Regie:
Christian Petzold
Länge:
101 min
FSK:
FSK 12 Jahre
Kinostart:
5. April 2018

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 05.04.2018 | 07:20 Uhr

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