Stand: 05.04.2018 18:36 Uhr

Punkrocker-Porträt "Wildes Herz" polarisiert

Wildes Herz
, Regie: Charly Hübner, Sebastian Schultz
Vorgestellt von Anke Jahns

Als Jugendlicher zündete Jan Gorkow, Frontmann der linken Punkband Feine Sahne Fischfilet, ein Polizeiauto an, heute engagieren er und seine Band sich gegen rechts. Drei Jahre lang waren sie im Visier des Verfassungsschutzes. Charly Hübner hat mit "Wildes Herz" eine Doku über Gorkow gedreht, die bewusst nicht allen gefallen soll. Der Film startet am 12. April im Kino.

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Jan Gorkow ist mit seiner Region verwurzelt.

Jan Gorkow, genannt Monchi, kann sich nicht vorstellen, in einer Großstadt zu leben. "Das wäre einfach nicht mein Ding. Ich wohne zehn Minuten vom Strand weg, was gibt's Geileres." Er träume davon, in Mecklenburg-Vorpommern alt zu werden - "wenn's irgendwie geht". Der Dokumentarfilm "Wildes Herz" von Charly Hübner porträtiert Gorkow und seine Band. Der Schauspieler Hübner hat erstmals Regie geführt, weil er herausfinden wollte, warum Feine Sahne Fischfilet über drei Jahre lang in Verfassungsschutz-Berichten auftauchten.

Randale und Festnahme in der Jugend

Dieser Film ist eine Zumutung - und das ist beabsichtigt. Der laute, linke und schwergewichtige Punksänger Jan Gorkow, der von sich selbst sagt, dass er nicht singen kann, und seine Band Feine Sahne Fischfilet aus Vorpommern können wehtun. Private Videoaufnahmen zeigen, wie Jan Gorkow im vorpommerschen Städtchen Jarmen heranwächst. In der Pubertät tritt er als Hooligan von Hansa Rostock in Erscheinung, zündet ein Polizeiauto an. Er bekommt zwei Jahre auf Bewährung. Inzwischen ist er sich bewusst, dass es Unrecht war.

Es berührt, wenn der heute 30-Jährige darüber redet, wie wichtig seine Eltern für ihn sind. "Nach den krassesten Streits, in denen ich ihnen wie ein Idiot die erbärmlichsten Sachen an den Kopf geworfen habe, sind meine Eltern zu mir ins Zimmer gekommen und haben gesagt: 'Pass auf, das, was du machst, ist scheiße, dumm, idiotisch, hirnrissig. Aber wenn du irgendwas hast, wenn was ist, dann komm zu uns. Wir lieben dich'." Das sei "das Krasseste", was man einem Menschen mitgeben könne.

Im Spannungsfeld von radikalen Jugendbewegungen

Der Punkrocker hat den Schauspieler Charly Hübner, selbst gebürtiger Mecklenburger, beeindruckt. Deshalb hat er Jan Gorkow über drei Jahre mit einem Team begleitet. Es interessierte ihn, warum er mit seiner Band ins Visier des Verfassungsschutzes geriet und er überall und immer aneckt. "Er ist eine Persönlichkeit, die gar nicht anders kann", sagt er. Hübner will, "dass Menschen abends ins Kino gehen und so jemanden kennenlernen, bei dem sie erst mal auf Distanz gehen. Und wo sie Dinge sehen, die sie nach wie vor ablehnen werden, wenn zum Beispiel Polizeiautos brennen." Andererseits zeige der Film aber auch, dass basisdemokratisches Agieren "super einfach" sei, gerade auch in einer Gegend, in der das erst seit 25 Jahren gelernt werde.

Spannungsfeld zwischen Gewalt und Gegengewalt

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In der Musik findet Gorkow Gleichgesinnte.

Doch wie weit darf dieses basisdemokratische Agieren gehen? Der Zuschauer erlebt in 90 Minuten hautnah mit, wie radikal Gorkows Abgrenzung zum Engagement gegen rechts wurde. Er findet sich im Spannungsfeld zwischen Gewalt und Gegengewalt wieder. Wenn Gorkow zum Beispiel bei einem Konzert sagt: "Das nächste Lied ist an die Leute gerichtet, die noch auf die Straße gehen, wenn's ein bisschen härter wird, und die dann auch ihr Maul aufmachen, wenn es vielleicht eins aufs Maul geben kann."

Hübner: Film soll nicht allen gefallen

Der Film schleudert die Zuschauer raus aus der Komfortzone. Die gegenseitige Feindschaft zwischen der Staatsgewalt und der Band sei nach dem Anzünden eines Polizeiautos durch Jan Gorkow permanent weiter befeuert worden, wenn die Punkrocker Aufmärsche von Neonazis in Vorpommern verhindern wollten, sagt Charly Hübner. Das sei der Konflikt, in dem sich das bewege. "Dieses Aufeinandertreffen von staatlichen Behörden und diesen jungen Männern, die nicht einsehen, warum eine staatliche Behörde eine Demonstration schützt, die menschenfeindliche Ideologien vertritt", führt Hübner aus.

Schauspieler Charly Hübner zu Gast in der NDR Talk Show am 25. August 2017 © NDR/Uwe Ernst Fotograf: Uwe Ernst

Kunstkaten mit Charly Hübner

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Im Kunstkaten von NDR 1 Radio MV erzählt Charly Hübner über seine Filme und verrät wie sich die Beziehung von Sascha Bukow und Katrin König im Polizeiruf 110 entwickeln wird.

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"Wildes Herz" wird die Gemüter erhitzen. Und dass sich die AfD im Schweriner Landtag aufgeregt hat, weil der Film mit 30.000 Euro von der Filmförderung des Landes unterstützt wurde, das hat Regisseur Charly Hübner erwartet. Er möchte auch gar nicht, dass der Film allen gefällt. "Dann wäre der Film wirklich nicht gut, wenn das nicht passieren würde. Er sprengt den bürgerlichen Rahmen", so Hübner weiter. Vor der Vorpremiere in Rostock ist "Wildes Herz", der vom NDR koproduziert wurde, bislang nur auf dem "Dokfilm"-Festival in Leipzig gezeigt worden und hat gleich vier Preise abgeräumt. Es sei ein Heimatfilm ohne Pathos, aber mit Bauch, Kopf, Wut, Verstand, eigener Geschichte und der Geschichte eines Bundeslandes, so die Laudatoren.

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Wildes Herz

Genre:
Dokumentation
Produktionsjahr:
2017
Produktionsland:
Deutschland
Zusatzinfo:
mit Jan "Monchi" Gorkow, Kai Irrgang, Olaf Ney, Christoph Sell, Max Bobzin, Jacobus North, Michael Ebert, Jürgen Hingst
Verlag:
Eichholz Film - in Koproduktion mit dem NDR. Redaktion: Barbara Denz, Timo Großpietsch
Regie:
Charly Hübner, Sebastian Schultz
Länge:
90 Min
FSK:
ab 12 Jahre
Kinostart:
12. April 2018

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Kulturjournal | 05.04.2018 | 19:00 Uhr

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