Stand: 03.01.2020 15:03 Uhr  - NDR Info

Netflix und die Filmproduktion: Chance oder Gefahr?

von Maike Verlaat

Ganze 34 Golden-Globe-Nominierungen hat Netflix für seine Produktionen schon bekommen. Der Streaming-Gigant mischt die Filmbranche auf - auch in Deutschland. Was bedeutet der Einfluss für Film-Produktionen und Kinos?

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Filme wie Martin Scorseses "The Irishman" mit Robert De Niro in der Hauptrolle liefen in nur wenigen Kinos.

Das Mafia-Epos "The Irishman" von Martin Scorsese ist für die große Leinwand gemacht: dreieinhalb Stunden Laufzeit und hochkarätige Schauspieler wie Robert De Niro, Joe Pesci, und Al Pacino. Eigentlich ein Garant für volle Kinokassen. Aber Scorsese hatte Probleme, die knapp 200 Millionen Dollar für den Film zusammenzubekommen. Eingesprungen ist dann ausgerechnet der Streaming-Dienst Netflix. Nach nur wenigen Wochen im Kino läuft der Film bereits auf der Plattform.

Kinos sehen ihre Existenz in Gefahr

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Philip Grassmann ist Geschäftsführer vom Hamburger Programmkino Abaton. Er glaubt, dass durch Netflix-Produktionen die Existenz der Kinos auf dem Spiel steht.

Für die Kinos selbst lohne sich ein solcher Film nicht, sagt Philip Grassmann, Geschäftsführer vom Programmkino Abaton in Hamburg. "'The Irishman' ist ein sehr guter Film, aber wir haben uns entschieden, ihn nicht zu zeigen, weil Netflix das sogenannte Auswertungsfenster nicht respektiert. Das ist der Zeitraum, in dem Kinos exklusiv Filme zeigen können, bevor sie auf anderen Plattformen oder im Fernsehen gezeigt werden können", erklärt Grassmann. "Netflix verlangt zwei Wochen. Normal sind 3 bis 6 Monate. Zwei Wochen sind einfach zu kurz. Wir glauben, dass das Kino dadurch in seiner Existenz gefährdet wird und deswegen sind wir grundsätzlich dagegen, Netflix-Filme zu zeigen."

"Netflix wird das auf Dauer nicht finanzieren können"

Thomas Negele von der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft glaubt, dass Netflixs Geschäftsmodell, teure Filme für die eigene Plattform zu produzieren und wenn überhaupt nur kurz ins Kino zu bringen, auf Dauer keinen Bestand haben wird. "Im Moment legen sie ja keine Zahlen offen. Bei uns, beim Kinogeschäft ist alles offen. Jeder weiß, was wir verdient haben, was wir nicht verdient haben, wie viel Geld wir wo investiert haben", sagt er. "Ich glaube, dass Netflix sich irgendwann öffnen werden muss, sie werden das auf Dauer nicht finanzieren können."

Apple, Disney, Warner - die Konkurrenz wächst

Schon jetzt ist Netflix hoch verschuldet. Zudem kommen immer mehr Streaming-Konkurrenten wie Apple, Disney und Warner dazu. Die wollen dann ihre Filme lieber auf der eigenen Plattform streamen. Für Netflix schrumpft das Angebot. Also muss selbst investiert werden. Dadurch herrscht bei den Filmproduzenten derzeit eine Art Goldgräber-Stimmung. Und das, obwohl das Auftragsvolumen durch die Streaming-Plattformen in Deutschland noch überschaubar sei, sagt Christian Franckenstein von Bavaria Film. Aber die neuen Mitspieler haben einen nationalen Markt aufgerüttelt. "Es kamen jetzt nicht nur neue Auftraggeber für uns als Produzenten hinzu, sondern die etablierten, insbesondere die etablierten TV-Sender müssen sich auf einmal einem ganz neuen Wettbewerb stellen", sagt Franckenstein. "Das gibt Dynamik und schlägt sich in der Tat in einer größeren Beauftragung nieder."

Ein Stück Filmrolle und eine Filmklappe.

Netflix und die Filmbranche

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Produzenten sehen neue Konstellationen als zukunftsweisend

Bavaria hat gerade über seine Tochtergesellschaften eine erste Netflix-Produktion abgeschlossen. Die Mystery-Thriller-Serie "Freud" über Sigmund Freud ist eine Koproduktion vom ORF und dem Streaming-Anbieter. Hier konnte ein guter Kompromiss gefunden werden: Die Serie wird 2020 zuerst im ORF laufen, erst dann kommt sie zu Netflix. "Ich glaube, als Produzent in Deutschland ist diese Art von neuen Konstellationen sehr zukunftsweisend, weil wir größerer Budgets zusammenbekommen und mit der Plattform Netflix, mit der Plattform Amazon Prime auch das Schaufenster zur Welt zur Verfügung bekommen", sagt Franckenstein.

Die deutschen Produzenten freuen sich über die Öffnung der bislang eher national begrenzten Branche. Die Verlierer des Streaming-Booms sind die Kinos. Auch sie wollen Kompromisse finden, damit sie nicht mehr als kurzzeitige Werbe-Plattform missbraucht werden. Und die Zuschauer? Die bekommen immer mehr Filme und Serien vorgesetzt. Allerdings an verschiedenen Orten: Im Kinosaal und im Wohnzimmer. 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 04.01.2020 | 15:55 Uhr

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