Der Dominikanermönch Pater Najeeb und Pater Columbia blicken auf eine Manuskriptseite - Szene aus dem Dokumentarfilm "Bücherjäger - Kampf um das Wissen der Welt" © Radio Bremen / Kinescope Film GmbH

"Bücherjäger": Doku über Bücherrettung in der Arte Mediathek

Stand: 26.05.2021 09:08 Uhr

von Hartwig Tegeler

Am Donnerstag beginnt die Leipziger Buchmesse, am Mittwoch startet die lit.Cologne - Lesen ist ganz offensichtlich so beliebt, dass Literatur-Großveranstaltungen zeitgleich laufen können und ihr Publikum finden. Etwas nicht lesen zu können, ist eben ein großer Verlust. So war die Zerstörung von Büchern in der Geschichte eine quasi logische Konsequenz, wenn es galt, im Krieg Gegner auszulöschen.

"Bücherjäger" - Dokumentarfilm über Bücherrettung

Der Dokumentarfilm "Bücherjäger - Kampf um das Wissen der Welt" erzählt von dem Kampf dagegen. Es ist ein Film über die Bemühungen, alte Bücher zu retten und damit Wissen zu bewahren, das sonst für immer verloren wäre.

August 2014 - Nord-Irak: Die Einwohner der Stadt Quaraquosh fliehen vor dem Islamischen Staat Richtung Erbil in der kurdischen Zone. Einer von ihnen ist der Dominikanermönch Pater Najeb Michaeel, der in seinem Auto die historische Bibliothek mit ihren uralten Schriften vor dem IS in Schutz bringen will. Sein Credo: "Wohin wir auch gehen, wir nehmen unsere Bücher mit uns, weil sie unsere Wurzeln sind." Vor der Grenze stoppt der Flüchtlingszug.

Da habe ich mir gesagt, das ist das Ende, wir werden hier gemeinsam sterben. Doch plötzlich haben wir gehört, der Checkpoint ist offen; wir können zu Fuß rüber. Glücklicherweise waren Kinder und junge Leute bei mir. Immer, wenn ich eine leere Hand gesehen habe, habe ich gefragt: "Bitte, kannst du ein Buch mitnehmen?" Ein Mädchen von zehn Jahren hat vier, fünf Bücher getragen. Manuskripte des 13. und 14. Jahrhunderts. Das hat sie auf die andere Seite der Grenze getragen und ihr Erbe gerettet. Pater Najeb Michaeel in "Bücherjäger"

Bücher galten in der Geschichte häufig als gefährlich

Dieses Bild vom Mädchen mit dem Stapel Folianten auf dem Arm - kein Film-, kein bewegtes Bild, sondern eine comicartige Zeichnung, eingeschnitten im Dokumentarfilm: Es prägt sich so ein, weil sich in ihm die Fragilität von Kultur verdichtet.

Bücher galten in der Geschichte häufig als gefährlich und wurden vernichtet. Die Kirchenväter warnten im Mittelalter vor Lektüre antiker Autoren und verboten die Texte; die Nazis verbrannten Bücher. Bosnische Serben zerschossen in Sarajevo die Nationalbibliothek mit historischen Handschriften.

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Susanne Brahms zeigt Widerstand gegen kulturelle Zerstörung

Susanne Brahms zeigt in ihrer Doku diejenigen, die den Widerstand gegen solche Art von kultureller Zerstörung leisten. Pater Najeb Michaeel aus dem Nordirak oder Mustafa Jahic, Bibliothekar aus Sarajevo, der 20.000 Manuskripte aus dem Mittelalter in Bananenkartons rettete. Verbunden sind sie durch den Benediktinermönch Columba Stewart aus den USA, der alte Manuskripte sucht, um die digitalisieren zu lassen.

Ich sage gerne, dass alte Manuskripte so etwas wie Teile unserer DNA sind, und dass es Teil unserer Berufung ist, für ihre Sicherheit zu sorgen. Benediktinermönch Columba Stewart

Die Doku entwickelt vor allem eine Vorstellung davon, wie wichtig Bücher und das Wissen, das sie enthalten, für eine zivilisierte Gesellschaft sind. Deutlich wird das in historischer Rückschau am Beispiel der Renaissance: Es waren die altvorderen Bücherjäger, die im 15. Jahrhundert die verschwundenen Schriften beispielsweise antiker Philosophen wie Platon oder Aristoteles in entlegenen Klosterbibliotheken suchten und damit entscheidende Impulse für die neue Epoche gaben.

Der Dominikanermönch Pater Najeeb und Pater Columbia blicken auf eine Manuskriptseite - Szene aus dem Dokumentarfilm "Bücherjäger - Kampf um das Wissen der Welt" © Radio Bremen / Kinescope Film GmbH
AUDIO: Rezension: die packende Doku "Bücherjäger" in Arte Mediathek (4 Min)

Columba Stewart hält aufgrund solcher Erfahrungen einen katastrophalen Bruch in der westlichen Zivilisation auch heute für möglich, beispielsweise den ultimativen Hack des Internets. Und deswegen, meint der obsessive Bücherjäger "müssen wir unser kulturelles Erbe schützen. Und wir müssen sicherstellen, dass wir immer mehrere Kopien an unterschiedlichen Orten aufbewahren, sodass, wenn es Probleme an einem Ort gibt, immer noch eine Kopie woanders liegt."

Neben dem Gedanken über die digitale Sicherung aber vermittelt "Bücherjäger" auch einen wunderbar sinnlichen Eindruck vom Buch - diesem Ding an sich! Denn man glaubt, die alten Seiten und Ledereinbände förmlich zu riechen, man will anfassen, drüber streicheln, blättern. Kein schlechter Nebeneffekt für einen Dokumentarfilm.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 26.05.2021 | 06:40 Uhr

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