Kostja Ullmann als Sam Alli Neumann als Edda im Wohnwagen -  Szene aus "Wir können nicht anders" von Detlev Buck © Netflix

Bucks flaue Provinzkomödie: "Wir können nicht anders"

Stand: 10.12.2020 09:33 Uhr

Detlev Buck hat mit Kostja Ullmann und Newcomerin Alli Neumann den Film "Wir können nicht anders" gedreht, nun zu sehen auf Netflix. Der Provinzthriller bietet eine Komödien-Karambolage mit holperiger Dramaturgie.

von Katja Nicodemus

Gerne erinnern wir uns: 1991 schickte der Regisseur Detlev Buck in "Wir können auch anders ..." zwei liebenswerte, aber nicht ganz helle Helden mit einem schrottigen Hanomag-Lastwagen durch die ostdeutsche Provinz. Dort trafen sie auf Wendezeitverlierer und Glücksritter. Der Film war ein lakonischer Heimatwestern.

29 Jahre später kehrt Buck zurück in den Osten, der jetzt ganz anders wild ist. In "Wir können nicht anders" geht es um zwei junge Menschen, die sich gerade erst im nächtlichen Berlin kennengelernt haben: Da ist Edda, die wieder zurück in die Provinz will und Sam, ein abenteuerlustiger Akademiker. Nach einer gemeinsamen Nacht in Sams Wohnmobil brausen die beiden kurz vor Weihnachten zu Eddas Heimatdorf in Brandenburg. Dort geschieht innerhalb von zehn Minuten so einiges, das für einen abendfüllenden Krimi reichen würde. Sam wird Zeuge einer mafiösen Fast-Hinrichtung, versteckt sich vor schießwütigen Dorfgangstern und verkommenen Polizisten - und ist plötzlich verschwunden.

"Wir können nicht anders": Klassische Motive des Provinzthrillers

Das Filmplakat zum Klassiker "Karniggels" von Detlev Buck © DELPHI Filmverleih
In Detlev Bucks Komödie muss der junge Polizist Horst Köpper (Bernd Michael Lade) auf dem platten Land nach einem Kuhmörder suchen.

"Wir können auch anders", "Karniggels", "Männerpension" - so heißen die frühen Erfolgskomödien von Detlev Buck. Zwischendurch versuchte der Regisseur sich an Thrillern, an der Daniel-Kehlmann-Romanverfilmung "Vermessung der Welt" sowie an der mehrteiligen Kinderfilmserie "Bibi & Tina". Bucks Film "Wir können nicht anders" versucht, an Motive des klassischen Provinzthrillers anzuknüpfen: Hier die Außenseiter aus der Großstadt, dort die Provinzler, die dunkle Machenschaften betreiben, wie Pech und Schwefel zusammenhalten und kein Mittel scheuen, um ihr kriminelles Gewurschtel zu vertuschen. Es wird geschossen und gestochen, die Fremden sind permanent auf der Flucht, werden verprügelt und prügeln zurück. Zitiert hier jemand den schwarzen Humor und die groteske Gewalt von Quentin Tarantino oder der Coen-Brüder?

Uncoole Bösewichter ohne Eigenleben

Gangster in der Provinz-Komödie "Wir können nicht anders" von Detlev Buck © Netflix
In einen Dorf in Brandenburg treffen Außenseiter aus Berlin auf dubiose Provinzler.

Trotz ihrer Sonnenbrillen, Ledermäntel und Wummen entwickeln Bucks Bösewichter weder Coolness noch Eigenleben. Auch erzählen sie uns nichts über die Provinz. Angesichts des unablässigen Gerennes durch leerstehende Lagerhallen und Schuppen, über Friedhöfe und Dorfstraßen, fragt man sich, was Buck an seinen Figuren überhaupt interessiert? An dem verlotterten Dorfpolizisten etwa, der wenig mehr zeigen darf, als lüsterne Blicke. An dem Oberkriminellen, der von mörderischer Eifersucht auf einen Nebenbuhler getrieben ist? Und was soll eigentlich der Kurzauftritt der Geflüchteten, die nach einer Schießerei mit Weihnachtsbäumen auf dem Feldweg auftauchen - und wenig mehr sind als Geflüchtete mit Weihnachtsbäumen?

Löcherige Dramaturgie in Detlev Bucks Komödie

So übersteigert der Film auch tut - hier sieht man keine Provinz, die außer Rand und Band geraten ist, die sich abgelöst hat von allen bundesdeutschen Pseudo-Normalitäten. Vielmehr erleben wir einen Regisseur, der nichts im Griff hat.

Bucks Darstellerinnen und Darsteller spielen nicht mit- oder gegeneinander, sondern aneinander vorbei. Seine Dramaturgie ist so holprig und löchrig, wie das Kopfsteinpflaster des brandenburgischen Dorfes. Vor allem aber vermisst man den zugeneigten Blick auf die Schrullen und Skurrilitäten der Provinz. Jene Provinz, die hier nur Kulisse ist und nichts mehr über ihre Gegenwart erzählt. Wo um alles in der Welt ist in dieser öden, zähen, redundanten Komödien-Karambolage der alte Detlev Buck geblieben? Der Buck aus "Wir können auch anders"? Kann er nicht mehr anders oder will er nicht mehr anders?

Wir können nicht anders

Produktionsjahr:
2020
Produktionsland:
Deutschland
Zusatzinfo:
mit Kostja Ullmann, Alli Neumann, Sascha Geršak, Merlin Rose, Sophia Thomalla, Peter Kurth, Detlev Buck, Anika Mauer
Verlag:
Netflix
Regie:
Detlev Buck
Länge:
104 Min.
FSK:
ab 16 Jahren
Kinostart:
4. Dezember

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 10.12.2020 | 07:20 Uhr

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