Stand: 16.02.2019 13:41 Uhr

Bruno Ganz: "Theater ist nicht mehr ernsthaft"

Am 16. Februar 2019 ist der Schweizer Schauspieler Bruno Ganz im Alter von 77 Jahren gestorben. Er galt als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Schauspieler der Gegenwart. 2015 war er in Hamburg, um mit NDR Kultur über das Kino, Theater, über Wim Wenders, das Erinnern und über Heimat zu sprechen. Damals liefen die Spielfilme "Heidi" und "Remember" neu im Kino an. Lesen Sie das Gespräch vom Oktober 2015 aus dem Archiv.

Bei der Berlinale 2015 wurde die Patricia-Highsmith-Romanverfilmung "Der amerikanische Freund" von Wim Wenders anlässlich der Verleihung des Goldenen Ehrenbären für Wenders in einer restaurierten Kopie gezeigt. Sie spielen darin an der Seite von Dennis Hopper in Hamburg im Jahr 1977. Welche Erinnerungen haben Sie an die Hansestadt und die Dreharbeiten?

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Bruno Ganz hat mit Regisseuren wie Ridley Scott, Bille August und Wim Wenders zusammengearbeitet.

Bruno Ganz: Ich habe sehr viele Erinnerungen. Das liegt vielleicht auch daran, dass das einer meiner ersten Filme war. Aber sicherlich hat das auch mit diesem Haus zu tun, in dem die Familie in der Hafengegend wohnt. Und es hat sicherlich sehr stark mit der Person von Dennis Hopper zu tun. Das war für mich als Anfänger und Europäer - sozusagen als einer, der mit Kino beginnt - in der Begegnung mit dem Regisseur und Darsteller von "Easy Rider", schon ein ziemliches Erlebnis.

Hamburg habe ich schon immer gemocht. Ich war vorher schon ein paarmal im Zusammenhang mit Theater da. Wir haben in der österreichischen Presse einen Skandal gehabt mit einem frühen Stück von Thomas Bernhard, "Der Ignorant und der Wahnsinnige", weil sie uns in Salzburg rausgeschmissen haben. Wir haben nach der Premiere gesagt, wir spielen das nicht mehr. Dann hat der damalige Hamburger Intendant Ivan Nagel es gekauft und wir haben es, glaube ich, vierzig Mal am Hamburger Schauspielhaus gespielt. Da bin ich sehr oft hierhergekommen und habe diese Stadt wirklich lieben gelernt. Ich bin neulich wieder einmal um die Außenalster herumgegangen. Ich finde Hamburg großartig.

Kurzbiografie Bruno Ganz

Bruno Ganz, geboren am 22. März 1941 in Zürich-Seebach, ist einer der renommiertesten deutschsprachigen Theater- und Filmschauspieler. Der Schweizer hat zahlreiche Preise erhalten: Seit 1996 ist er Träger des Iffland-Ringes. 2010 wurde Ganz beim Europäischen Filmpreis für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Am 16. Februar 2019 erliegt er in Zürich seinem Krebsleiden.

Dann sind sicherlich Erinnerungen wachgeworden. Das ist auch der Titel Ihres neuen Films von Atom Egoyan, "Remember". Wie wichtig ist das Erinnern für Sie?

Ganz: Je älter man wird, umso wichtiger - das verlagert sich. Ein Teil dessen, was einen beschäftigt, ist nur noch Erinnerung und nicht die unmittelbare Gegenwart. Oder Erinnerungen werden wichtiger. Man ist nicht mehr total ausgefüllt mit dem Leben, oder man kann es besser.

Nun leidet die Hauptfigur im Film, Zev Guttman, gespielt von Christopher Plummer ...

Ganz: ... das ist eine andere Geschichte. Da spielt die Demenz eine große Rolle und der hat eher Probleme mit dem Erinnern. Der hat keineswegs die Möglichkeit, sich ständig daran zu erinnnern, was mal gewesen ist.

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2017 war Bruno Ganz mit Patricia Clarkson in Sally Potters Tragikomödie "The Party" zu sehen.

Der etwas überraschende Clou der Geschichte ist ja, dass er sich nicht einmal mehr an eine der Sachen erinnert, die ihn eigentlich lebenslänglich hätten quälen müssen. Er hat genügend damit zu tun, die unmittelbare Gegenwart zu meistern, als sich zu erinnern. Er kämpft ums Überleben. Er weiß nie, wo er ist. Er redet mit Leuten, die gestorben sind. Er ist einem Plan, den er gutgeheißen hat, ausgesetzt. Diesen Plan hat er in Briefform bei sich - und wenn er den Brief verliert, ist er aufgeschmissen. Das ist bewegend zu sehen, wie Christopher Plummer das macht. Das ist alles pure Gegenwart und ein unglaublicher Kampf.

In "Der Untergang" haben Sie Hitler gespielt, in "Remember" haben Sie eine prägnante, kurze Rolle als Altnazi Rudy Kurlander.

Ganz: Oh, halt, halt! Also ein Junge, der mit 18 mit der Wehrmacht mit Rommel nach Afrika geht, ist kein Nazi. Das finde ich, da müsste man in Deutschland inzwischen in der Lage sein, das zu unterscheiden. Nicht jeder, der in der deutschen Wehrmacht war, war ein Nazi. Hitler war ein Nazi. Das kann man sagen, aber der Junge in dem Film - nein, das finde ich nicht.

Was kam es zur Zusammenarbeit mit dem Regisseur Atom Egoyan?

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Otto Sander und Bruno Ganz in Wim Wenders Film "In weiter Ferne so nah".

Ganz: Die Person Atom Egoyan spielt bei mir eine sehr große Rolle. Ich wollte unbedingt mit ihm in Kontakt kommen, weil ich frühere Filme von ihm sehr mochte. Er kam einmal nach München und hat Deutsche gesucht. Dieses Gespräch damals in einem Hotel fand ich so toll. Was er wusste über deutsches Theater, deutsche Regisseure, oder über Harold Pinter, das war so enorm! Und dann auch der Umstand, dass er berühmt geworden ist, weil Wim Wenders in Toronto auf einen Preis verzichtet hat, der ihm zugesprochen wurde, und gesagt hat, "ich finde, das hat jemand anderer verdient". Das war Atom Egoyan, der dort einen Erstling zeigte. Das hat ihn ins Licht gerückt. Ich fand, da waren Verbindungen genug, die mich fasziniert haben. Ich wollte unbedingt mit diesem Mann zu tun haben. Das kann man am besten, in dem man mit ihm arbeitet.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 09.12.2015 | 06:40 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/film/Bruno-Ganz-im-Interview,interview2920.html

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