Stand: 18.02.2019 12:58 Uhr

Berlinale: Die Ära Kosslick ist zu Ende

von Katja Nicodemus

Mit stehenden Ovationen wurde der scheidende Berlinale-Leiter Dieter Kosslick am 16. Februar 2019 im Berlinale-Palast verabschiedet. 2002 hatte er seine erste Berlinale eröffnet. Katja Nicodemus, Filmkritikerin der "Zeit", über die Gewinner des Festivals, die Ära Kosslick und die Zukunft des Festivals.

Mit dem Goldenen Bären für den Film "Synonymes" von dem israelischen Regisseur Nadav Lapid gewann ein formal und inhaltlich gewagter Beitrag den Hauptpreis des der 69. Filmfestspiele von Berlin: Ein rasant fotografierter Film über einen jungen Mann, der nach Paris geht, um sich von seiner Heimat loszusagen, ja seine israelische Identität zu tilgen. Auch durch diesen Beitrag hatte der zwischendurch ein wenig dahindümpelnde Wettbewerb der Berlinale noch einmal Fahrt aufgenommen.

Strahlende Sieger der 69. Berlinale

"Das Private ist politisch" hieß das einfache Motto der letzten Kosslick-Berlinale. Es spiegelte sich auch in dem weniger überzeugenden Gewinner des Großen Preises der Jury: François Ozons Film "Grace à dieu", auf Deutsch "Gottseidank". Mit einer gut geölten Erzählmaschinerie schildert der Franzose das Schicksal mehrerer Männer, die als Kind von einem Priester missbraucht wurden und eine Aktivistengruppe gründen.

Dieter Kosslicks engangierte Berlinale-Zeit

Dass auch zwei deutsche Filme unter den Preisträgern und Preisträgerinnen sind, ist nicht zuletzt ein Ergebnis von Dieter Kosslicks konsequentem Einsatz für das deutsche Kino. Drei deutsche Filme hatte er bei seiner ersten Berlinale ins Schaufenster seines Wettbewerbs gestellt, genauso wie in diesem Jahr. Durch seine 18 Berlinale-Wettbewerbe wurden Filmemacher und Filmemacherinnen wie Maren Ade, Valeska Grisebach, Dominik Graf oder Fatih Akin international bekannt. Und so ging der Silberne Bär für die Beste Regie an die Berliner Regisseurin Angela Schanelec und ihren Film "Ich war zuhause, aber", die subtile, in lichte Bilder gefasste Beobachtung einer Frau, deren Leben nach dem Tod ihres Mannes aus den Fugen gerät.

Der Silberne Bär des Alfred-Bauer-Preises für neue Perspektiven in der Filmkunst ging an Nora Fingscheidts Regiedebut "Systemsprenger". Er handelt von einem neunjährigen Mädchen, das mit seinen bodenlosen Wutanfällen alle Betreuungsversuche zunichte macht - auch dieser Preis für eine Debütantin ist typisch für die Ära Kosslick.

Die Meister von morgen zu suchen und ins Scheinwerferlicht zu stellen - das hatte sich in den vergangenen Jahren immer deutlicher als Strategie und Profil der Berlinale in einer sich wandelnden Festivallandschaft herauskristallisiert. Inmitten der Bilderfluten im Internet und angesichts von Debatten um Streamingdienste wie Netflix als Konkurrenz für das Kino übernimmt nun der Italiener Carlo Chatrian die Leitung des Festivals. Flankiert wird er von der Niederländerin Mariette Rissenbeek als Geschäftsführerin. Ein erster Schritt des neuen Duos ist die Verlegung der nächsten Berlinale um zwei Wochen nach hinten. Damit wird das Festival im Jahr 2020 erst nach der Oscarverleihung beginnen.

Wird das neue Führungsduo das Festival neu erfinden?

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18 Jahre lang hat der gebürtige Pforzheimer Dieter Kosslick die Internationalen Filmfestspiele Berlin geleitet.

Das Kalkül dahinter könnte sein, wieder Hollywood-Filmemacher in die Jury zu locken, die ansonsten mit den Werbekampagnen für ihre Oscar-Filme beschäftigt wären. Und, nachdem die Oscar-Season vorbei ist, Produktionen des amerikanischen Frühjahrs und Sommers in den Wettbewerb des Festivals zu holen. Eine weitere Herausforderung für die neue Leitung ist der Spagat zwischen den Erwartungen der Cineasten und denen der Sponsoren, die ihre Marken mit den Stars auf dem roten Teppich bewerben wollen. In den vergangenen Jahren war immer deutlicher geworden, dass es zu wenige künstlerisch anspruchsvolle und zugleich populäre Filme gibt, um die Wettbewerbe der drei großen Festivals von Cannes, Venedig und Berlin zu füllen. Kurz: Es fehlt der Nachwuchs der Almodóvars, Kaurismäkis, Eastwoods, Woody Allens dieser Welt.

Trotz solcher Veränderungen der Kinolandschaft und der Filmbranche hat Dieter Kosslick die Berlinale zu einem die ganze Stadt erfassenden, international ausstrahlenden Publikumsereignis ausgebaut. Er hat den Festival-Riesentanker wacker durch stürmische See gesteuert. Aber womöglich muss die Berlinale nun in andere Meere fahren. Muss man das Festival ganz neu erfinden? Vielleicht. Und damit wollen wir dem scheidenden Kosslick mit einem Zitat das letzte Wort überlassen: "So schön es auch wäre, selbst der Berlinalechef kann die Filme, die er sich wünscht, nicht im heimischen Ofen backen."

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Die Nachfolge von Berlinale-Chef Dieter Kosslick scheint geklärt. Offenbar soll Carlo Chatrian den Job ab 2019 übernehmen. Ein Gespräch darüber mit Katja Nicodemus. Audio (02:43 min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 18.02.2019 | 09:20 Uhr