Stand: 04.06.2020 12:47 Uhr  - NDR Kultur

"Ruben Brandt - Collector": Film von Milorad Krstić

Ruben Brandt - Collector
, Regie: Milorad Krstić
Vorgestellt von Katja Nicodemus

Vor zwei Jahren feierte auf dem Festival von Locarno, auf der riesigen Freiluftkino-Leinwand der Piazza Grande der ungarische Animationsfilm "Ruben Brandt, Collector" seine Premiere. Seitdem gilt er als Geheimtipp, der jedoch bisher noch nicht ins Kino kam.

Sein Held ist ein Psychotherapeut, der unter schrecklichen Albträumen leidet, in denen berühmte Bilder eine Rolle spielen. Nun ist der Film zu sehen und zu kaufen auf Amazon - und damit die erste Frage an Filmkritikerin Katja Nicodemus:

Was genau ist das für ein Film mit einem Therapeuten, der von Gemälden verfolgt und terrorisiert wird? Die Handlung klingt ja ziemlich absurd.

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Eine Figur aus einem Velázquez-Gemälde beißt Ruben Brandt in den Arm. Damit beginnt die verrückte Geschichte.

Katja Nicodemus: Dieser Film ist ein Hybrid, ein Misch- und Sonderwesen - und zwar auf wirklich abgefahrene Weise. Er ist ein fantasmagorischer Trip. Der Film beginnt mit einer nächtlichen Zugfahrt. Einsam im Abteil sitzt der Psychotherapeut Ruben Brandt und plötzlich taucht am Fenster des Abteils eine Mädchenfigur aus einem Gemälde von Diego Velázquez auf. Die Infantin Maria Teresa klammert sich an ihn und beginnt, ihn in den Arm zu beißen.

Ruben Brandt wird noch von weiteren Gemälden beziehungsweise von ihren Motiven und Figuren in seinen Träumen heimgesucht. Also beschließt er, vier seiner Klienten anzuheuern. Die Kleptomanin Mimi und ihre drei Kumpane sollen diese Bilder stehlen, die ihn belasten. Sein Kalkül: Wenn er die Bilder in Wirklichkeit vor sich sieht, kann er sich vielleicht von ihnen befreien.

Damit beginnt ein Überfall- und Räuberfilm, denn immerhin gilt es 13 weltberühmte Bilder aus weltberühmten Museen zu klauen, wie dem Louvre, den Uffizien, der Eremitage, der Tate Gallery, dem Musée d’Orsay und zwar mit jeweils anderen akrobatischen Tricks. Bald werden Ruben Brandt und seine Kumpane ihrerseits von Privatdetektiven, der Polizei und zwielichtigen Kunsthändlern gejagt.

Sie haben ein Velázquez-Bild erwähnt, welche Bilder kommen noch in Ruben Brandts Träumen vor?

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An vielen Stellen gibt es Anspielungen auf bekannte Gemälde.

Nicodemus: Das bekannteste Bild ist wohl Sandro Botticellis "Die Geburt der Venus" und zugleich das älteste. Aber es geht quer durch die Kunstgeschichte. Es wird ein Monet geklaut, ein Picasso, ein Renoir, ein Edward Hopper, jeweils mit unterschiedlichen Tricks. Einmal wird von den vier Kunsträubern sogar eine Kunstperformance in einem Museum aufgeführt, um währenddessen ein Bild aus dem Rahmen zu schneiden.

Der Film spielt natürlich auch mit dem Wiedererkennungseffekt dieser bekannten Bilder. Manche Bilder, wie Edward Hopper's "Owls of the night", funktionieren selbst wie filmische Kompositionen. Aber andere Bilder treten ganz schleichend, also zunächst mit Nebenmotiven in Ruben Brandts Träume. Man muss bei Weitem nicht alle Bilder kennen, um Spaß an diesem Animationsfilm zu haben.

Was können Sie über die Ästhetik des Films sagen, wie geht er mit seinen kunsthistorischen Motiven um?

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Die kratzende Katze sieht aus, wie aus einem Picasso-Bild entsprungen.

Nicodemus: Das eigentlich sensationelle an "Ruben Brandt - Collector" ist die Art und Weise, mit der der Film diese berühmten Bilder zitiert, aufsaugt und seine eigene Ästhetik mit der der Bilder verschmelzen lässt. Die Ästhetik der Filmfigur Ruben Brandt, sowie auch von Mimi und ihrer Bande, also die Züge und Gesichter der Figuren sind eindeutig kubistisch inspiriert. Da stand Picasso Pate.

Da gibt es seltsam monumentale Nasen und auch mal mehrere Augen und dadurch entsteht insgesamt eine surreale Ebene. Traum, Wirklichkeit, Kunst lassen sich irgendwann gar nicht mehr unterscheiden. Irgendwann fragen wir uns, ob wir uns nicht die ganze Zeit in einem kunsthistorisch inspirierten Traum befinden, einem Traum von Ruben Brandt oder von jemand ganz anderem.

Milorad Krstić heißt der Regisseur, der sich das alles ausgedacht hat, wer ist der Mann und in welcher Tradition steht er?

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Die Fahrt zwischen zwei riesigen Trucks wirkt wie eine filmische Komposition.

Nicodemus: Der 67-jährige Animationsfilm-Regisseur Milorad Krstić wurde in Jugoslawien beziehungsweise Slowenien geboren und lebt seit 1989 in Ungarn, in Budapest. Er hat auch einmal auf der Berlinale einen Silbernen Bären für den besten Kurzfilm gewonnen.

Man merkt seinem Film die osteuropäische Geschichte und Kultur auch an. In dieser verrückten Story geht es auch um den Kalten Krieg. Wir erfahren zum Beispiel, dass der Vater des Filmhelden Ruben Brandt ein Stasi-Agent war, der in die USA geflohen ist und der dort an seinem Sohn Traumexperimente vorgenommen hat.

Man sieht dem Film auch an, dass sich der Regisseur mit dem expressionistischem Stummfilm der Weimarer Republik auskennt, aber auch mit der großen surrealistischen Tradition des osteuropäischen Animationsfilms à la Jan Švankmajer. Aus all diesen Kunstwerken und -Strömungen erschafft er eben sein eigenes Gesamtkunstwerk: "Ruben Brandt - Collector".

Was ist das Besondere?

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Manche Motive scheinen einem kunsthistorisch inspirierten Traum zu entstammen.

Nicodemus: Man muss kein Kunstliebhaber sein, um diesen höchst originellen Animationsfilm genießen zu können. Wie genüsslich Krstić die Kunstszene mit dem organisierten Verbrechen assoziiert, macht einfach Spaß. Das ist voller Ironie, visuell berauschend und auch Soundtrack und Musik lullen den Betrachter immer wieder gekonnt ein.

So schafft es der Filmemacher, gleich mehrere Genres zu bedienen, ganz en passant ein wenig Nachhilfe in Malerei, Musik und Filmgeschichte - vor allem der deutsche Stummfilm der Weimarer Republik wird gern zitiert - zu geben und dem Zuschauer ein kurzweiliges Vergnügen zu bereiten.

Ruben Brandt - Collector

Genre:
Animationsfilm
Produktionsjahr:
2018
Produktionsland:
Ungarn
Regie:
Milorad Krstić
Länge:
96 Min.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 04.06.2020 | 07:20 Uhr

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