Stand: 10.01.2020 10:08 Uhr

Film über die Flucht einer jüdischen Familie

von Katja Nicodemus

Mehr als 1,3 Millionen mal wurde Judith Kerrs Buch "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" in Deutschland verkauft. Bis heute ist es ein Jugendbuchklassiker. Seit Ende Dezember läuft der Film von Regisseurin Caroline Link in den Kinos. Zudem hat der Film es bereits in die Vorauswahl für den Deutschen Filmpreis geschafft. Katja Nicodemus stellt ihn vor.

Rassismus, Flucht und Exil - erzählt aus der Perspektive eines neunjährigen jüdischen Mädchens. In Ihrem Buch "Als Hitler das Rosa Kaninchen stahl", 1971 auf Englisch und zwei Jahre später auf Deutsch erschienen, erklärte Judith Kerr den Nationalsozialismus für Kinder.

Ihre Heldin Anna ist die Tochter eines berühmten deutschen Schriftstellers und Literaten, wie auch Judith Kerr selbst. Auch in Caroline Links Verfilmung stellt das Mädchen eben jene Fragen, die den Totalitarismus auf naive Weise und dadurch umso erhellender beleuchten.

Von der Berliner Villa geht es in die Schweizer Berge

Zu Beginn erkundet die Kamera die Berliner Villa, in der Anna, ihr zwölfjähriger Bruder Max und ihre Eltern leben. Es ist ein bildungsbürgerliches Idyll, mit Haushälterin, Garten, Limousine. Zwischen Stofftieren, Konzertflügel und feinem Porzellan herrscht ein umfassendes Gefühl der Sicherheit und des Behütetwerdens - bis sich auf einen Schlag alles ändert.

Es droht der Wahlsieg Adolf Hitlers. Annas Vater, der Theaterkritiker Arthur Kemper, ist ein erklärter Feind der Nationalsozialisten. Vorsorglich verlässt er Deutschland, um einer eventuellen Verhaftung zu entgehen. Die Familie soll ihm folgen. Über Aufbruch und Abschied liegt schon die allgemeine Atmosphäre von Verrat, Angst und Denunziantentum.

Erste lange Station des Exils ist die Schweiz. In einem Gasthof in den Bergen finden die Kempers Zuflucht. Wie kommt man als Kind in der Fremde klar, in der plötzlich alles anders ist? Die Sprache, die Luft, die Landschaft, die Schule und das Essen.

Oliver Masucci mit schauspielerischer Glanzleistung

Oliver Masucci in der Rolle von Annas Vater ist das schauspielerische Zentrum des Films. Er spielt Arthur Kemper berührend zwischen Müdigkeit, Hoffnung, Resignation und dem erkennbar pädagogischen Optimismus eines Menschen, der seinen Kindern Halt geben will. Caroline Link gelingt es zu zeigen, welche Anpassungsarbeit es erfordert, diesen Halt im Haltlosen immer wieder neu zu finden.

Die ständige Musikuntermalung des Films stört

Die Kempers sind deutsche Flüchtlinge. Sie sind in der Fremde auf Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft angewiesen. Assoziationen zur den globalen Flüchtlingsbewegungen liegen nahe - auf die es Caroline Link aber zum Glück nicht anlegt. Doch auf Gefühle legt die Regisseurin viel Wert. Man fragt sich, weshalb sie so gut wie jede Szene, in der Emotionen aufkommen, mit Musikgeplänkel unterlegt - und einige Szenen, in denen keine Emotionen aufkommen, auch.

"Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" hat zu wenig Gefühl

Riva Krymalowski und Marinus Hohmann spielen die Geschwister Anna und Max so nuancenreich, so kindlich, so ernst, so überschwänglich, so schüchtern und naseweis, wie man es sich nur erhoffen kann. Und doch fehlt es den Hochglanzbildern dieses Films an Authentizität. Eine visuelle Ebene für jenes Gefühl, das in Judith Kerrs Buch zwischen den Zeilen entsteht: Das Gefühl der existenziellen Verunsicherung und des Traumas, das der Verlust von Heimat und Zugehörigkeit bedeutet.

So ist die ständige Musikuntermalung vielleicht auch ein Symptom für das mangelnde Vertrauen einer Regisseurin in ihre Bilder. Caroline Link hat Judith Kerrs Buch nacherzählt, aber eben nicht in Bilder übersetzt, die ihre eigene Geschichte in sich tragen.

Interviews
Regisseurin Caroline Link © picture alliance/Caroline Seidel/dpa Foto: Caroline Seidel

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Als Hitler das rosa Kaninchen stahl

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2019
Produktionsland:
Deutschland
Zusatzinfo:
mit Riva Krymalowski, Oliver Masucci, Carla Juri, Marinus Hohmann
Regie:
Caroline Link
Länge:
119 Min.
FSK:
ohne Altersbeschränkung
Kinostart:
25. Dezember 2019

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 26.12.2019 | 13:40 Uhr

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