Stand: 10.02.2019 22:00 Uhr

Akin: "Weltpremiere war wie ein Rockkonzert"

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Fatih Akins Film "Der goldene Handschuh" hat eine Altersfreigabe ab 18 Jahren.

Fatih Akins Horrorfilm "Der goldene Handschuh" hat am Sonnabend Weltpremiere im Wettbewerb der Berlinale gefeiert. Der Film mit Jonas Dassler als Serienmörder Fritz Honka in der Hauptrolle polarisiert in der nationalen wie internationalen Presse. Ein Gespräch mit Regisseur und Produzent Fatih Akin über den Film, wie er die Festivalpremiere erlebt hat, über die Darstellung von Gewalt und über Fritz Honka.

Hauptdarsteller Jonas Dassler hat in der Pressekonferenz zum Film auf der Berlinale gesagt, dass er Fritz Honka die Würde wiedergeben wolle. Wie sieht es mit den Frauen und Opfern von Honka aus, wollten Sie denen auch ihre Würde wiedergeben?

Fatih Akin: Es ging darum, allen, die im Film vorkommen, die Würde wiederzugeben. Mich hat am Roman von Heinz Strunk begeistert und angesprochen, dass diese Menschen, die er in all ihrer Hässlichkeit, in ihrem Elend, in ihrem Suff und ihrem körperlichen Verfall beschreibt, dass da doch eine Liebe, ein Respekt oder eine Würde der Welt gegenüber ist. Das habe ich versucht - innerhalb der dramaturgischen Grenzen, die ich mir selbst gesetzt habe - umzusetzen.

Aber bereits vor den Morden hat man den Eindruck, dass die meisten Frauen im Film wenig Selbstbewusstsein haben, wenig selbstbestimmt sind und ihre Erlösung in diesem Mann sehen.

Akin: Was man über Fritz Honka weiß, ist, dass er sexuell frustriert und einsam war. Der war gestört. Und Alkoholiker. Der war wohl so hässlich, dass er keine attraktiven Frauen haben konnte. Die einzigen Frauen, die er erreichen konnte, waren ältere Prostituierte, Alkoholikerinnen, die wollten nur den nächsten Schluck. Das ist tragisch und sehr existentiell und tut mir in der Seele weh. Aber es berührt mich halt - und das wollte ich umsetzen.

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Im Vergleich zum Roman erfährt man viel weniger vom realen Fritz Honka, der sogar zwei Mal verheiratet war und Kinder hatte. Warum haben Sie das weggelassen?

Akin: Viele Tatsachen aus dem Roman oder der Biografie wirken wie ein Klischee, wenn man das in ein Drehbuch packt. Ob sie nun wahr sind - oder nicht. Er wurde als Kind vergewaltigt, also wird er ein Serienmörder. Ich glaube nicht, dass die Nachkriegsgesellschaft daran Schuld war oder der Kapitalismus. Der war einfach krank. So simpel war das. Wenn man heute mit Psychologen redet, würden die sagen: Borderline-Syndrom, manische Depression, Narzisst. Ich glaube aber, dass sein Krankheitsbild ihn nicht zu den Morden gebracht hat. Ich glaube, dass das der Alkoholismus war. Die Mengen, die der in sich reingeschüttet hat, haben sein Krankheitsbild getunt. Davon soll der Film auch erzählen.

Meistens hat man in fiktionalen Filmen Figuren, denen man gerne folgt. Das fällt in diesem Film schwer. Man muss oft wegschauen. Das ist ein Risiko für einen Filmemacher. War Ihnen das von Anfang an klar?

Akin: Ja, aber es gibt doch immer wieder Filme, in denen gar keine Sympathieträger dabei sind. Das habe ich nicht so sehr als Risiko empfunden. Ich habe das bei der Weltpremiere gespürt: Die Leute sind trotzdem dabei. Die Wahrnehmung von Gewalt ist so unterschiedlich. Es gibt Leute, die gehen aus dem Film heraus und es gibt welche, die sagen, "so schlimm war das doch gar nicht" - Männer wie Frauen. Jeder von uns ist anders gepolt und hat eine andere Hemmschwelle. Ich kann nur nach meiner eigenen gehen. Und die Frage bei der Gewaltdarstellung ist immer: Warum macht er das? Ich weiß, der Film ist vielleicht nicht jedermanns Sache. Das muss ja nicht jeder gucken.

War der Mörder Fritz Honka in Ihrer Kindheit in Hamburg als Legende präsent?

Akin: Bei meinem großen Bruder eher als bei mir. Ich bin erst mit Strunks Roman auf Honka gestoßen.

Wie sind Sie an das Thema Ekel herangegangen? Strunks Roman zeichnet alleine schon von der Wohnung und von der Körperlichkeit der Handelnden ein ekliges Bild.

Akin: Das waren Elemente, die mich am Roman gereizt haben. Die Körperlichkeit, die im Roman beschrieben wird - der Dreck, die Hässlichkeit. Warum ich das darstellen will, weiß ich nicht. Da müsste ich eine psychologische Sitzung machen. Aber es fasziniert mich. Ich finde es in der technischen Herangehensweise ähnlich wie in der Arbeit, an der ich gerade sitze - an einem Projekt über Marlene Dietrich mit Diane Kruger. Man muss sich für die Darstellung von Ekel im Film genauso viele Gedanken machen wie für Eleganz: Wie leuchtet man das Kleid aus, welche Farben verwendet man?

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Buchautor Heinz Strunk, Regisseur Fatih Akin und Hauptdarsteller Jonas Dassler (v.l.n.r.) waren bei der Weltpremiere bei der Berlinale dabei.

Zum Thema Körperlichkeit: Das Kino muss heute etwas mehr bieten als Netflix und Amazon und all die anderen Streamingdienste. Ich glaube, dass man die Zuschauer im Kino herausfordern sollte, um das Gesehene zum Event zu machen. In der Weltpremiere am Sonnabend war es wie ein Rockkonzert. Das war Wahnsinn! Ich habe es noch nie mit einem meiner Filme erlebt, dass so eine Interaktion mit dem Publikum stattfindet. Einige Leute sind aufgestanden und gegangen, bei den Jump-Scares ist das ganze Kino hochgegangen, dann haben die Leute gelacht oder waren mucksmäuschenstill an den richtigen Stellen. Es gab Szenenapplaus. Das hatte ich lange nicht mehr, dass ein Film so auf die Leute wirkt. Da wollte ich mit meinem Film hin. Auf dem Sofa sitzen und Chips essen und "Narcos" gucken kann jeder.

Man hat beim Zuschauen förmlich den Eindruck, dass es in der Wohnung von Honka stinkt. Haben Sie das beim Drehen am Set auch hergestellt?

Akin: Es hat gerochen, als wir die eine Szene mit den Maden gedreht haben. Das waren echte Maden, das hat heftig gestunken.

Warum ist Fritz Honka, gespielt von Jonas Dassler, im Film noch viel hässlicher als in der Wirklichkeit?

Akin: Im Roman spielte die Hässlichkeit eine Rolle. Und schon beim Lesen musste ich an den Glöckner von Notre-Dame denken - sowohl an den Roman von Victor Hugo als auch an die Filme. Ich weiß noch, als ich die Verfilmung mit Anthony Quinn gesehen habe, war ich acht, neun oder zehn. Das hat mich ziemlich beeindruckt. Das hat mir Angst gemacht. Das habe ich in meine Träume mitgenommen. Irgendwie muss sich da etwas festgesetzt haben, dass ich dachte, mein Honka muss auch so etwas Erschreckendes in seiner Erscheinung haben.

Wie sind Sie auf Dassler gekommen?

Akin: Meine Frau Monique, Diane Kruger und ich saßen beim Bayerischen Filmpreis in der ersten Reihe, weil wir für unseren Film "Aus dem Nichts" nominiert waren. Dann kam die Kategorie für den Preis als Bester Nachwuchsschauspieler. Dann sagt meine Frau, die alle meine Filme castet: "Der Typ zehn Jahre älter: Das ist dein Honka". Damals wusste ich schon, ich will meinen Honka sehr hässlich machen. Das wird viel Maske brauchen. Daher konnte ich einen jüngeren Schauspieler nehmen. Beim Casting hat er mich begeistert.

Im Film sind viele Schlager zu hören - unter anderem von Freddy Quinn. Haben Sie die beim Drehen am Set zu den Szenen gespielt?

Akin: Immer. Ich wusste bei jeder Szene schon, welcher Song dann da läuft. Der Song "Junge komm bald wieder" von Freddy Quinn läuft in einer Szene mit Marc Hosemann in einer einzigen Einstellung, daher konnte ich diese auch nicht anders schneiden.

Sie haben den Film den Leuten aus der Kneipe Zum Goldenen Handschuh schon vorgeführt. Wie haben sie reagiert?

Akin: Die waren ganz schön erschüttert von der Gewalt. Was mich positiv überrascht hat. Denn das sind so Typen von St. Pauli, die sehen Schlägereien immer wieder. Und trotzdem waren sie schockiert von der Gewaltdarstellung im Film. Da dachte ich, "sieh mal einer an. Das ist vielleicht alles nicht so verkehrt. Das hatte eine abschreckende Wirkung." Wenn das ein Film schafft, bei solchen Leuten, wenn ich die auch erreiche, dann hat der Film in seiner Gewaltdarstellung vielleicht seine Legitimation.

Das Interview führte Patricia Batlle, NDR.de.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 10.02.2019 | 11:20 Uhr

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