Stand: 09.03.2017 09:55 Uhr

John Malkovich als zynischer Fantasie-Diktator

von Daniel Kaiser

Viel Applaus gab es bei der Uraufführung des Musiktheaterstücks "Just Call Me God" ("Nenn mich einfach Gott") in der Hamburger Elbphilharmonie. Der weltbekannte Schauspieler John Malkovich spielt darin einen Diktator kurz vor seinem Sturz. Musik von der Orgel im Konzertsaal untermalte den 90-minütigen Abend über Macht und Gewaltherrschaft in englischer Sprache.

Er ist ein Diktator wie aus dem Bilderbuch. Mit Orden behängt, in einer schwarzen Fantasie-Uniform mit Sonnenbrille und goldenem Colt - John Malkovich spielt den Tyrannen am Abgrund als eine Melange aus Gaddafi und Göring. Er wechselt wahnhaft Stimmungen und Stimmen. Mal schreit er cholerisch, mal säuselt er zynisch oder kichert bestialisch. Als Putzfrau verkleidet pirscht er sich in einem blauen Kittel an und erschießt die feindlichen Soldaten, die ihn suchen. Alles wird mit Videokameras auf große Leinwände übertragen. Die Elbphilharmonie wird zum Situation Room. Malkovich zeigt in anderthalb Stunden packend die Masken und Abgründe eines Gewaltherrschers.

Unglaubwürdige Duelle

Der Diktator des fiktiven Staates Circassia bleibt mit einer Kriegsreporterin (Sophie von Kessel) zurück, die ihn interviewt. "Just call me god", schleudert er ihr das Zitat des realen Diktators Idi Amin entgegen, als sie ihn nach seinem Titel fragt.

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John Malkovich begeisterte in der Rolle eines fiktiven Diktators das Publikum in der Hamburger Elbphilharmonie.

Malkovichs Tyrann hat immer einen lockeren Spruch auf den Lippen - und das in einem exotischen Fantasie-Dialekt. Er entwickelt eine Philosophie der Macht. Sie sei "die Währung, in der du die Welt für das bezahlen lässt, was sie dir angetan hat." Solche Sätze fallen da. Etwas zum Nachdenken also. Der Text trieft bisweilen vor Theorie. Auch die Duelle der beiden, die Rangeleien um den goldenen Revolver, bleiben letztlich unglaubwürdig, denn Sophie von Kessel wankt in ihrer Rolle ständig zwischen Hysterie, Trauer, Naivität und der Eiseskälte einer stereotypen Erfolgsjournalistin hin und her.

Orgel als Macht-Instrument

Die eigentliche zweite Hauptrolle spielt an diesem Abend die Orgel. Der Diktator hält einen Reverend (den waschechten Wiener Orgel-Professor Martin Haselböck im Army-Tarnfleck) als Geisel und zwingt ihn, Evergreens von Bach und Wagner zu spielen oder seine Rede dramatisch zu untermalen. Die Idee ist gut: die große Orgel als Macht-Instrument, so wie sie schon die römischen Kaiser und auch die Nazis einsetzten. Doch die Musik-Dosis stimmt nicht immer. Da erdrückt der Klangteppich schon mal die englischen Texte, bei denen mancher im Publikum auch ohne Musik schon seine Schwierigkeiten hat, sie zu verfolgen.

Gleich mehrmals setzt der Regisseur und Autor Michael Sturminger dann noch auf einen technisch verstärkten und verfremdeten Cluster- und Schrei-Effekt. Da versteht man dann gar nichts mehr. Bachs "Alle Menschen müssen sterben" geht dann auch noch in einer Panne halbwegs unter. Ein hoher Ton stört den Choral minutenlang, bis ein Techniker beherzt auf die Bühne spurtet und das störende Mikrofon eines der "erschossenen" Soldaten ausschaltet.

Elphi-Witze gehen immer

Ein paar Insider-Gags gibt es auch. Das Stück spielt nämlich in einer Kopie der Elbphilharmonie, die sich der Diktator in den Wüstensand hat bauen lassen. "Dieser Saal war fünf Jahre früher fertig als das Original in Hamburg. So viel zum Thema deutsche Ingenieurskunst", heißt es auf der Bühne. Lacher im Publikum. Am Ende gibt es langen Applaus und auch Jubel - vor allem für einen sehr gut aufgelegten John Malkovich an einem in mancherlei Hinsicht übersteuerten Abend.

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Viel Applaus gab es bei der Uraufführung des Musiktheaterstücks "Just Call Me God" in der Hamburger Elbphilharmonie. Schauspieler John Malkovich spielt darin einen Tyrannen am Abgrund. Audio (03:11 min)

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Abendjournal | 06.03.2017 | 06:55 Uhr

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