Christoph Lieben-Seutter: "Die Elbphilharmonie is here to stay"

Stand: 10.01.2022 16:06 Uhr

Der Generalintendant der Elbphilharmonie, Christoph Lieben-Seutter, hat bisher ein gutes Gespür und eine sichere Hand bewiesen. Aber die Pandemie trifft auch sein Haus. Im Live-Gespräch hat er Bilanz gezogen.

Elbphilharmonie-Intendant Christopn Lieben-Seutter vor dem Konzerthaus an der Elbe © Michael Zapf Foto: Michael Zapf
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Lange musste Hamburg auf sein neues Wahrzeichen warten. Immer wieder gab es Verzögerungen am Bau, die Kosten stiegen von Monat zu Monat. Am 11. Januar 2017 war es dann so weit: Mit einem festlichen Konzert und viel Prominenz wurde die Elbphilharmonie eröffnet. Seitdem ist sie aus dem norddeutschen Kulturleben nicht mehr wegzudenken. Gemeinsam mit Generalintendant Christoph Lieben-Seutter schauen wir auf fünf bewegte Jahre zurück und wagen einen Blick in die Zukunft.

Fünf Jahre Elbphilharmonie - von diesen fünf Jahren sind es zwei, die im Zeichen der Pandemie stehen. Diese Zeit erfordert eine bestimmte Herangehensweise, eine bestimmte Art der Planung. Wie hat sich das bei Ihnen geändert? Denn die Vorläufe sind ja doch recht lang in der Planung für das Programm.

Christoph Lieben-Seutter: Da hat sich die Planungsweise gar nicht so viel geändert, weil ja so viele Pläne da waren. Dann hat sich kurzfristig alles geändert  bis hin zum Lockdown – und dann ganz viele Projekte, die nicht realisiert werden konnten, die jetzt alle warten, wieder realisiert zu werden. Ganz viele Tourneen, die abgesagt werden müssen, wollen nachgeholt sein. Im Prinzip ist gleich wieder eine volle Planung für die Zukunft da, als würde nichts mehr passieren. Und das war jetzt auch für dieses Jahr so, dass wir wirklich ein sehr unpandemisches Saisonprogramm 21/22 aufgelegt hatten. Knock on wood - bis jetzt konnte praktisch auch konnte so stattfinden wie geplant. Aber wir wissen natürlich, das kann sich nächste Woche schon mal wieder ändern. Also man muss flexibel bleiben, bis in den letzten Moment.

Der Vorteil ist tatsächlich, dass es dann plötzlich Chance gibt, Dinge sehr viel kurzfristiger zu machen. Jetzt gerade im letzten November - ich glaube, mit vier Wochen Vorlauf - ein Konzert der Berliner Philharmoniker, deren Asien-Tournee ins Wasser gefallen war. Und auch ein ganz tolles Debüt - er war zum ersten Mal beim NDR Elbphilharmonie Orchester da, allerdings ohne Publikum und nun zum ersten Mal vor Publikum: Klaus Mäkelä - ein ganz toller junger finnischer Dirigent, der mit dem Concertgebouw-Orchester aufgetreten ist. Während man normalerweise Konzerte, die auf die Berliner Philharmonikern aufgebaut sind, drei Jahre im Voraus planen muss.

Inwieweit nehmen Sie heute bei der langfristigen Planung noch mal anders als vielleicht am Anfang Rücksicht auf den Publikumsgeschmack? Also inwieweit wagen Sie sich raus mit Ihren Programmen - wie unbequem werden Sie auch, wie sehr fordern Sie das Publikum?

Christoph Lieben-Seutter: Also unbequem zu sein, das ist keine Kategorie. Mein Team und ich sind einfach riesige Musikfans. Und wir lieben gute Musik, jeder Herkunft und aller Zeiten. Und wir wissen natürlich schon, dass es ein Kernpublikum gibt, für das Klassik irgendwie bei Bach beginnt und bei Brams wieder aufhört. Das gibt es ja auch zu Genüge das Kernprogramm, aber gerade ein Haus wie die Elbphilharmonie mit ihrem architektonischen Vorschrift versprechen, ihren Möglichkeiten und eben auch dieser ungeheure Nachfrage bietet so viele Möglichkeiten, auch exotischeres Programm zu machen. Und wie gesagt - spezielleres Programm, spezielleres Repertoire des 20. Jahrhunderts mit komplexeren Partituren. Auch zeitgenössische Musik passt einfach perfekt hinein. Und wir merken eben auch, dass das Publikum sie ganz anders wahrnimmt. Was mich hier jahrelang gestört hat, ist, dass sozusagen zeitgenössische klassische Musik so vermeintlich schlecht angeschrieben ist. Die Menschen hören sie sich seelenruhig an, wenn es die Begleitmusik im Theater ist oder zum Film oder an anderen Stellen - nur wenn sie es dann im Konzert sitzen, erwarten sie sich den Mozart und das ist eigentlich ja ganz widersprüchlich. Und in der Elbphilharmonie ist es aber eben auch sehr eindrücklich, einen Nardis oder Salonen oder Ligeti oder was auch immer zu hören.

Was dieses internationale Renommee der Elbphilharmonie angeht - war das am Anfang, zu einem Aufflammen einer Euphorie, die sich etwas gelegt hat oder ist es wirklich so, dass jetzt ein für allemal Hamburg als Musikstadt international auf der Landkarte steht?

Christoph Lieben-Seutter: Also ich glaube, das man kann jetzt nach fünf Jahren - da muss man zwölf Monate muss abrechnen, die wir nicht spielen konnten, wo wir aber auch tolle Dinge gemacht haben, absolut sagen. Die Elbphilharmonie is here to stay. Und wir haben viele Freunde -  Weltklasseorchester wie die Wiener Philharmoniker, die ja wirklich unendlich viel mehr Nachfrage haben, als sie erfüllen können, kommen jedes Jahr dreimal in der Elbphilharmonie. Warum? Weil sie den Saal lieben. Und es ganz toll finden, hier zu sein. Es ist nicht jeder Künstler der größte Freund des Hauses, es gibt den einen oder anderen, der auch ein bisschen fremdelt oder sich mit der Akustik schwer tut. Aber zu 95 Prozent ist es, wie schon gesagt, ein Saal, der jetzt einfach in der obersten Liga mitspielt. Und deswegen spielt Hamburg in der obersten Liga mit. Insofern hat die Elbphilharmonie da wirklich etwas verändert.

Moderation: Friederike Westerhaus

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NDR Kultur à la carte | 10.01.2022 | 13:00 Uhr