Stand: 23.02.2019 09:08 Uhr

Das singende Klavier: Alexander Krichel in der Elbphilharmonie

von Daniel Kaiser

Heimspiel für Alexander Krichel: Der junge Hamburger Pianist hat das Publikum im Kleinen Saal der Elbphilharmonie bei der Vorstellung seiner neuen CD "An die ferne Geliebte" begeistert. Die Zuschauer ließen ihn erst nach drei Zugaben gehen.

"Heute ist mein letzter Abend als Twen", sagt Krichel gleich zu Beginn des Konzertes. Ab morgen - mit 30 - werde man dann ein "reifes Werk" von ihm erwarten können, witzelt er. Tatsächlich hat Krichels intelligentes Spiel immer auch jugendliche Wucht und Leidenschaft. Er ist kein Klavier-Nerd, der allein die richtigen Tasten trifft und sich an seiner technischen Brillanz berauscht. Wie er die Stimmen führt und stets die perfekten Tempi erspürt, macht aus seiner Musik einen emotionalen Schatz. Bei ihm wirken Beethovens Lieder "An die ferne Geliebte" (in der Version für Klavier solo von Franz Liszt) auch ohne Worte. Das Klavier singt.

Musik für die Großmutter

Krichel erzählt, dass er das Album seiner gerade verstorbenen Großmutter widmet. Mit ihr habe ihn ein besonderes Ritual verbunden: Egal, wo auf der Welt er Konzerte gegeben habe, hätten sie immer 20 Minuten vor dem Auftritt miteinander telefoniert. Anderen hätte man diese private Geschichte als reines Verkaufsargument vielleicht übel genommen. Bei Krichel passt sie in das Bild vom authentischen, freundlichen Musiker von nebenan.

Der die Orchideen liebt

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Aus seinem Konzert kommt man schlauer und glücklicher: Alexander Krichel.

Der im Hamburger Stadtteil Eißendorf aufgewachsene Krichel ist längst ein international gefragter Konzertpianist, der in den wichtigen Sälen der Musikwelt auftritt. Schon seine von der Kritik hochgelobte, erfolgreiche Ravel-CD "Miroirs" zeigte, dass er sich ungern Marketing-Regeln unterwirft, sondern auch gern musikalische Orchideen am Wegesrand pflückt. Über Chopin oder Bach hätte sich die Plattenfirma gewiss mehr gefreut.

Schlauer und glücklicher

"Da geht die Post ab", kündigt er die Rachmaninow-Version der Miniaturen des Jahrhundertgeigers Fritz Kreisler ("Liebesleid" und "Liebesglück") an. Bei Krichel sind sie weit mehr als nur virtuose Angeberstücke, sondern eine tief empfundene Musik voller Farben und Schattierungen. "Yeah!", bricht es am Ende aus tiefstem Herzen aus einer Zuschauerin heraus - noch in die letzten Töne der Feuerwerk-Zugabe aus den Symphonischen Etüden von Schumann, die sich auch in einer packenden Einspielung auf der CD findet.

Rettung für den Klassikbetrieb

Alexander Krichel ist eine Rettung für den Klassikbetrieb. Wie er das Mikrofon völlig unprätentiös in die Hand nimmt und die Geschichte zu Ravels "Le Tombeau de Couperin" oder "Isoldes Liebestod" von Richard Wagner mit wenigen Wort erklärt, ohne zu dozieren, ist anderen Musikerinnen und Musikern zur Nachahmung dringend empfohlen. Egal, wie viel man vorher wusste: Aus seinem Konzert kommt man schlauer und glücklicher. Ein Abend mit Alexander Krichel löst letztlich den Anspruch der Elbphilharmonie, ein Haus für alle zu sein, perfekt ein.

Weitere Informationen

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 25.02.2019 | 19:00 Uhr

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