Premiere: "Eurotrash" als zärtliches, asketisches Theater

Stand: 29.11.2021 14:56 Uhr

Die Schaubühne in Berlin machte den Anfang, jetzt ist Hamburg an der Reihe: Im Thalia in der Gaußstraße hatte am Wochenende die Theaterfassung des Bestellers "Eurotrash" von Christian Kracht Premiere. 

Die Darsteller Barbara Nüsse und Jirka Zett stehen auf der Bühne des Thalia in der Gaußstraße, er hält einen aufgespannten Regenschirm über beide. © Krafft Angerer Foto: Krafft Angerer
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von Peter Helling

Auftritt: Mutti! Aus der Tiefe der Bühne stöckelt sie heran. Barbara Nüsse, im zerknautschten Chanel-Kostüm und mit Pelzhäubchen, krummem Rücken, wie eine gepanzerte Schildkröte. Und vorne, am Bühnenrand: Der Sohn! Jirka Zett mit nervös nestelnden Händen, blonder Schnösel-Frisur, edlen Schuhen - und einem Öko-Pulli zum Weglaufen.

"Eurotrash": Die letzte Reise einer Mutter mit ihrem Sohn

Auf dem Pullover sieht man eine herbstliche Allee und die Schweizer Berge. Der Pulli zeigt, was wir jetzt zwei Stunden lang erleben: die letzte Reise einer steinreichen, tablettensüchtigen und alkoholkranken Mutter mit ihrem erwachsenen Sohn.

Stefan Pucher hat den Bestseller von Christian Kracht geschält wie eine überreife Frucht. Der Regisseur, der sonst auftrumpft mit Videoclips, Pop-Effekten und pompösen Klangteppichen, serviert hier pures, zärtliches, geradezu asketisches Theater.

Zu verschenken: 600.000 Franken aus der Plastiktüte

Mit dem Taxi geht es hinauf ins Berner Oberland. Mit dabei: 600.000 Franken in einer Plastiktüte, die Mama an irgendwen verschenken will. Dabei dachte der Sohn immer, dass die Familie pleite ist. Woraufhin sie klarstellt: "Du bist pleite, ich nicht."

Es sei schmutziges Geld aus den Waffengeschäften ihrer Familie. Die Inszenierung kreist um eine schwarze Mitte, die Vergangenheit.

Sohn: "Es heißt immer, du hättest die Nazi-Welt deiner Eltern sehr weit hinter dir gelassen."
Mutter: "Ja! Genau." 
Sohn: "Und warum hast du sie denn niemals damit konfrontiert?" aus dem Stück "Eurotrash"

Der Schmerz, die Mutter mich mehr erreichen zu können

Die Darsteller Barbara Nüsse und Jirka Zett sitzen sich an einem Tisch gegenüber, sie sticht eine Gabel in seine Hand. © Krafft Angerer Foto: Krafft Angerer
Die "Eurotrash"-Darsteller Jirka Zett und Barbara Nüsse

Und so geht es zu einer neurechten Öko-Kommune, hoch auf eine Alm, auf der Suche nach einem Edelweiß. Dabei schmecken die Forellen auch nicht mehr wie früher. An jeder dieser trostlos-komischen Stationen übernimmt Jirka Zett mit fast getuschten Gesten jeweils eine dritte Figur, einen Kellner, den Taxifahrer. Fabelhaft, wie präzise er spielt. Immer spürbar: Der Schmerz, die Mutter nicht mehr erreichen zu können. "Heute war anscheinend ein guter Tag, meine Mutter war noch nicht betrunken", sagt er an einer Stelle.

Dieser Theaterabend bebildert keinen Roman, sondern entwickelt etwas Eigenes, Losgelöstes. Das hat auch Längen, findet auch eine Zuschauerin: "Mir fehlt ein bisschen die Dramatik des Buches. Obgleich die beiden Schauspieler hervorragend waren." Andere Zuschauer waren nicht nur vom Spiel der beiden Darsteller, sondern auch vom Humor und der Intensität des Stückes beeindruckt, wie eine Umfrage nach dem Stück zeigt. Ein Zuschauer: "Ich fand’s sehr gut. Ich musste immer an meine Mutter denken."

Absolut großartig: Barbara Nüsses Spiel

Mitten auf der Bühne steht eine Art Wendeltreppe, die nirgendwohin führt. Die Fahrt durch die Schweiz ist auch eine Seelenreise. Umarmungen sind in dieser Mutter-Sohn-Beziehung nicht vorgesehen. Dabei ist es absolut großartig, zuzusehen, wie hellwach sich Barbara Nüsse vom tyrannischen Mutterbiest zum staunenden Mädchen verwandelt.

"Eurotrash" ist ein Sinnbild für das alte Europa, das an Demenz zu erkranken droht, weil die Erinnerung an früher verblasst. Am Schluss geht die Mutter wieder in die Tiefe der Bühne, im Glauben, da seien Zebras: "Ich habe das Gefühl, ich war schon immer in Afrika. Das ist wie nach Hause kommen."

 

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 29.11.2021 | 19:00 Uhr