Szene aus dem Stück "Der Wij" auf der Bühne des Thalia Theaters Gaußstraße. © Thalia Theater Gaußstraße Foto: Fabian Hammerl

Premiere am Thalia Theater: Kirill Serebrennikov inszeniert "Der Wij"

Stand: 04.12.2022 10:45 Uhr

Der international gefeierte Regisseur Kirill Serebrennikov ist derzeit "Artist in Residence" am Thalia Theater. Mit einem internationalen Ensemble hat er jetzt "Der Wij" auf die Bühne gebracht. Die Inszenierung ist inspiriert von einer Erzählung des in der Ukraine geborene Autors Nikolaj Gogol.

Szene aus dem Stück "Der Wij" auf der Bühne des Thalia Theaters Gaußstraße. © Thalia Theater Gaußstraße Foto: Fabian Hammerl
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von Katja Weise

An der Einfahrt zum Gelände stehen einige Demonstranten mit Pappschildern, eingehüllt in blau-gelbe Fahnen. Folgt man ihnen, dürfte diese Aufführung so nicht stattfinden: Den Text eines in der Ukraine geborenen Autors müsse ein ukrainischer Regisseur inszenieren. Es ist Krieg. Davon erzählen auch Kirill Serebrennikov und Bohdan Pankrukhin, ein junger ukrainischer Dramatiker, in ihrem Stück. Hunderte Berichte haben sie dafür gelesen, hunderte Videos angeschaut über den Krieg, über das, was in Butscha, Mariupol, Irpin geschehen ist.

"Ich will, dass er langsam stirbt und dass wir dabei zuschauen."

Gewalt sät Gewalt. Ein Keller: verwitterte, schwarze Wände, niedrige Decke. Die Fenster sind verbarrikadiert, Licht spenden lediglich die Taschenlampen der drei jungen Männer, die hier einen russischen Soldaten, einen Befreier gefangen halten. Später wird eine Laterne über einen Fahrraddynamo betrieben.

"Mein Kiefer ist komplett verkrampft vor Hass."

Szene aus dem Stück "Der Wij" auf der Bühne des Thalia Theaters Gaußstraße. © Thalia Theater Gaußstraße Foto: Fabian Hammerl
Verloren in den Wirren des Krieges: In der slawischen Mythologie ist der Wij eine Figur aus der Unterwelt, deren Blick tötet.

Der Großvater der drei taucht auf: Ein Mann, der nach dem Tod seiner Lieblingsenkelin offenbar nichts mehr zu verlieren hat. Er will, dass der Soldat ihr vorliest, der Sarg mit der jungen Frau wird gebracht. Hier knüpft Serebrennikov an Gogol an: Der erzählt von einem Studenten, der einer Verstorbenen drei Nächte lang in einer Kirche vorlesen muss und dabei von bösen Geistern bedrängt wird, zuletzt von dem Wij mit dem eisernen Gesicht.

"Er war gänzlich mit schwarzer Erde bedeckt, er ging schweren Schrittes, stolperte ständig, seine langen Augenlider reichten bis zum Boden. Hebt meine Augenlider hoch, ich kann nichts sehen!"

Doch wer dem Wij in die Augen schaut, stirbt. Serebrennikov verwebt die Motive dieser Schauergeschichte mit den realen Kriegserfahrungen, nutzt sie als eine Art Rahmen. In seinem Stück ist der Krieg der Wij, ein unfassbares Monster, das Leben mitleidlos zerstört. Und das zeigt er. Schonungslos.

"Scheiße, worauf warten wir, wir müssen von hier verschwinden, ich will nicht sterben."

Es gibt kein Leben mehr, heißt es an anderer Stelle. Der Frau des Soldaten wäre es, so scheint es, sogar am liebsten, der Soldat stürbe, da ihr das finanzielle Vorteile bringt, schließlich soll die Tochter studieren. Oder spukt das dem Soldaten nur durch den Kopf? Wer will sagen, was hier wirklich passiert und was nicht. Unvorstellbar ist das Grauen des Krieges.

"Und irgendwie fängst du auf einmal an, dies alles zu lieben, um nicht verrückt zu werden und singst ein Lied."

Dieser Abend fasst an, erschüttert, macht sprachlos. Der Schutzschild, den wir im Alltag zwischen uns und die Wirklichkeit schieben können, wird weggerissen. Serebrennikov zwingt uns, dem Wij in die Augen zu schauen, er zeigt, wie aus Menschen Mörder werden können. Am Ende: Eine Durchsage.

"Wir bitten darum, aus Respekt vor allen Menschen, die unter diesem Krieg leiden, auf Applaus zu verzichten."

Einzeln verlassen viele den Saal, gehen schweigend, manche haben geweint. Es bleibt der Trost, dass die Kunst - das zeigt dieser Abend mit seinem internationalen Ensemble auch – Menschen zusammenbringen kann.

 

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Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Thalia Theater Gaußstraße
Gaußstraße 190
22765  Hamburg
Telefon:
040 - 328 14 444
E-Mail:
theaterkasse[at]thalia-theater.de
Kartenverkauf:
Kartenkasse:
Mo-Sa 10-19 Uhr
So und Feiertage 16-18 Uhr
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassikboulevard | 04.12.2022 | 14:20 Uhr

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