NDR Buch des Monats Februar: "Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid"

Stand: 06.02.2021 10:36 Uhr

Nicht nur um eine vier Generationen umfassende Familiengeschichte und um einen wichtigen Brief geht es in Alena Schröders Debütroman, sondern auch um die Geschichte Deutschlands.

Alena Schröder: "Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid" © dtv
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von Juliane Bergmann

Weibliche Wut, Klima-Aktivismus und kinderfreie Orte - auf solche Phänomene unserer Zeit blickt die Journalistin Alena Schröder in ihren Kolumnen für die "Süddeutsche Zeitung", "Brigitte" oder "Die Zeit". In ihrem ersten Roman entwirft sie nun eine Familiengeschichte, in der es nicht nur um die Vergangenheit, sondern auch um ganz aktuelle Fragen geht: "Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid" ist das NDR Buch des Monats Februar.

Die Liebe ist groß, der Umgangston rau, wenn Hannah ihre Großmutter Evelyn im Seniorenheim besucht: "Bis nächste Woche. Bitte stirb nicht bis dahin, okay?"

Großmutter und Enkelin haben eine starke Beziehung zueinander

Sofort spürt die Leserin eine unausgesprochene Übereinkunft, das starke Band, das die zwei verbindet. Hannahs Mutter und Evelyns Tochter ist vor einiger Zeit an Krebs gestorben. Erwähnenswerte Männer gibt es keine mehr in diesem Stammbaum. Enkelin und Oma sind einander das letzte Stück Familie.

Mit dem Unterschied, dass Hannah die Tage an sich vorbeiziehen ließ, als würde sie die Welt durch eine Milchglasscheibe betrachten, während Evelyn mit ihren 94 Jahren wütend, trotzig und unzufrieden am Leben festhielt, so als hätte es noch Schulden bei ihr. Leseprobe

Tatsächlich hat das Leben noch eine Überraschung in petto - für Evelyn, die Ärztin, die inzwischen in einer edlen Seniorenresidenz wohnt und dort nur "Frau Doktor" genannt wird. An dem rätselhaften Brief, den ihr eine israelische Anwaltskanzlei geschrieben hat, zeigt die zynische Dame aber keinerlei Interesse. Hannah nimmt den ungeöffneten Umschlag mit.

Ein Brief gibt Hinweise auf ein verschollenes Kunstwerk

Klar, sie könnte ihre Zeit sinnvoller nutzen, als die Post ihrer Oma zu begutachten. Schließlich schreibt sie gerade ihre Dissertation über "Transzendenz und Utopie im Frühwerk Georg Distelkamps". Ein Thema, das sie selbst langweilt. Dahinter steckt einzig der läppische Versuch, ihrem verheirateten Doktorvater nahe zu sein. Eine Nacht haben sie miteinander verbracht, mehr ist nicht zu hoffen. Die rettende Ablenkung ist der Brief. Darin steht: Bei Recherchen sei man auf den von den Nazis enteigneten und ermordeten jüdischen Kunsthändler Itzig Goldmann gestoßen.

Dr. Evelyn Borowski sei die einzige lebende Erbin des konfiszierten und nunmehr verschollen Kunstvermögens. Leseprobe

Eine Inventurliste mit knappen Bildbeschreibungen ist der einzige Anhaltspunkt für die gesuchte Kunst, darunter: "Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid von Johannes Vermeer".

Debütroman mit autobiografischen Anteilen

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Eine Frau mittleren Alters mit halblangen dunklen Haaren steht vor einer Wand.  Foto: Gerald von Foris

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Zu ihrem Erstaunen findet Hannah also heraus: Ihre Urgroßmutter war verheiratet mit einem Juden, lebte als Journalistin im Berlin der bewegten 1920er-Jahre, während ihr Kind, Evelyn, aufwuchs bei der bodenständigen Tante, die sich ab 1932 als Ortsgruppenleiterin der NSDAP im beschaulichen Güstrow einen Namen machte.

Eine mehr als brisante Konstellation. Alena Schröder hat ihren Debütroman angelehnt an die eigene Familiengeschichte, in der ebenfalls jüdische Kunsthändler eine Rolle spielen: "In meiner Familie gab es mit Sicherheit genauso viele Täter wie Opfer im Nationalsozialismus. Die Frage ist: Darf man sich eigentlich deren Geschichte aneignen? Darf man dieses Erbe antreten? Oder muss man das gerade deswegen antreten? Wie geht man dann damit um? Das ist, was ich mich gefragt habe und was sich eben auch meine Protagonistin Hannah fragt."

Familiengeschichte aus der Perspektive der Frauen

Einfühlsam und mitreißend erzählt die Autorin die 100 Jahre umfassende Romanhandlung aus der Perspektive der Frauen. Da ist die Mutter, die zwischen den Weltkriegen ungewollt schwanger wird, die ihr Kind in andere Hände gibt, um sich beruflich zu verwirklichen; dann die Krankenschwester, die die halbtoten Frontrückkehrer mit Morphium vom Schmerz erlöst; und die Schmalspur-Doktorandin, die nur beim vollberauschten Tanz im Technoschuppen noch Leben spürt.

"Das ist schon irre, dass ich im Grunde die erste Generation bin, die auf eine Art beides haben kann", sagt die Autorin. "Also ich kann Kinder haben und berufstätig sein. Es ist immer noch kompliziert genug und schwierig genug und gesellschaftlich umstritten, weil man immer das Gefühl hat, beides nur so halb gutmachen zu können. Aber es ist möglich, und alle Frauen vor mir in meiner Familie mussten halt Entscheidungen treffen. Sie, die sehr viel härter waren als alle Entscheidungen, die ich treffen muss. Das macht mich irgendwie sehr demütig. Ich bin denen auch dankbar, dass sie da so viele Kämpfe schon ausgefochten haben, von denen ich profitiere."

Präzise beschreibt Schröder Orte, Blicke, Gespräche. Wir sind dabei, spüren die Zerrissenheit dieser vielen komplexen Frauenfiguren, ihre Konflikte, ihre Last. Ein tolles, versöhnliches, atmosphärisch dichtes Buch.

Das NDR Buch des Monats im Programm

NDR Kultur sendet die Rezension am 8. Februar 2021, 7.20 und 12.40 Uhr, NDR Info am 9. Februar, 8.55 Uhr. Das NDR Fernsehen stellt die Autorin am 8. Februar, 22.45 Uhr in der Sendung Kulturjournal vor.

Das NDR Buch des Monats

TV, Hörfunk & Internet: Die NDR Kultur Redaktionen von Radio, Fernsehen und Internet wählen jeden Monat ein belletristisches Buch aus, das besonders gut zu Norddeutschland passt, und erklären, warum genau dieses Buch so gesprächswertig ist.

Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid

von Alena Schröder
Seitenzahl:
368 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
dtv
Bestellnummer:
978-3-423-28273-4
Preis:
22,00 €
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