Stand: 03.12.2019 17:04 Uhr

NDR Buch des Monats: "Die Erfindung des Nordens"

Die Erfindung des Nordens
von Bernd Brunner
Vorgestellt von Peter Helling

Passend zur Jahreszeit erscheint jetzt ein Buch, das einer Himmelsrichtung gewidmet ist, mit der viele winterliche Gefühle verbinden: "Die Erfindung des Nordens". Bernd Brunner hat schon Bücher über die Kunst des Liegens geschrieben, über den Winter - jetzt ist es ein geografisches Thema. Aber um Geografie gehe es dem Autor des NDR Buchs des Monats Dezember nicht, wie er sagt. Er schreibt über die "Kulturgeschichte einer Himmelsrichtung".

Bernd Brunner: "Die Erfindung des Nordens" (Buchcover) © Galiani Berlin

Der Norden: Kulturgeschichte einer Himmelsrichtung

Kulturjournal -

Früher haben sich viele Menschen vor dem Norden gegruselt. Heute ist nordische Gemütlichkeit - Hygge - in aller Munde. Bernd Brunner hat den Imagewechsel einer Himmelsrichtung aufgeschrieben.

5 bei 2 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Der Norden ist eine Projektionsfläche, ein Pop-Phänomen. Für manche klingt er nach der Serie "Game of Thrones", andere denken an gemütliche, putzige Häuschen und Birkenwälder, wieder andere sind ergriffen von Richard Wagners martialischer Version vom Norden. Der Norden lag auch mal im Süden: Im Mittelalter war auf arabischen Karten Afrika ganz oben, Europa unten.

"Das Wort Norden hat indogermanische Wurzeln und bedeutet 'links vom Sonnenaufgang'." Leseprobe

Merkwürdigkeit, Missverständnis und mythischer Ort

Der Norden ist eine Merkwürdigkeit, ein Missverständnis und ein mythischer Ort, schon in der Antike: Dort gab es Eis, Magnetberge und Meeresungeheuer, glaubte man damals. Die Himmelsrichtung ist Bernd Brunner ein ganzes Buch wert. "Ich verbinde mit dem Norden sehr eindringliche Reisen mit fantastischen Natur- und Landschaftserfahrungen, die mir sehr gut in Erinnerung geblieben sind", sagt der Autor. "Irgendwann gab es dann mal ein ein ganz tolles Buch zum Süden - und ich habe mich gefragt: Wie sieht's eigentlich mit dem Norden aus?"

Bernd Brunner selbst wohnt zurzeit - von uns gesehen - im Süden, in Istanbul. "Von mir aus ist der naheliegende Norden erst mal das Schwarze Meer", sagt er. "Von dort kommt beispielsweise manchmal ein sehr kalter Wind. So war das schon bei den alten Griechen. Sie haben den Norden auch immer dort verortet, wo der kalte Wind herkam."

Eher ein Konzept als ein geografischer Begriff

Für den Zweck des Buches habe er sich auf die mitteleuropäische Perspektive verlegt. Norden ist ja kein klarer geografischer Begriff, sondern eher ein Konzept. "Es ist wie ein Gefäß, das ganz unterschiedliche Stimmungslagen aufnehmen kann", erklärt Brunner. "Es geht mit bestimmten Projektionen, mit Assoziationen, mit Inanspruchnahmen einher." Der Norden ist also relativ. Auch ein Norden-Fan wie der Dichter Johann Gottfried Herder, unterstreicht Brunner, sei nur bis Danzig gekommen. "Herder gehörte zu denen, die meinten, im Norden die Quelle einer neuen Kraft zu erkennen."

Mitmachen
Quiz

Gewinnen Sie das NDR Buch des Monats Dezember!

"Die Erfindung des Nordens" von Bernd Brunner ist das NDR Buch des Monats Dezember. Machen Sie mit bei unserem Quiz und gewinnen Sie mit Glück ein Exemplar! Quiz

Eine Wunderkammer der Illusionen

Manch einer sah die Tundra des Nordens schon in der Lüneburger Heide. Die ersten Erforscher des Nordens reisten eher mit dem Finger über den Globus. Sie sammelten Gerüchte und bauten sich daraus ihren ganz persönlichen Norden, erfanden ihn. Bernd Brunner zeigt eine ganze Wunderkammer der Illusionen: Zum Beispiel wo der Stoßzahn des Narwals zum Ursprung des Mythos vom Einhorn wird. Der Norden schien schon immer der passende Ort für Fantasy zu sein, im 18. Jahrhundert grassierte ein richtiges Norden-Fieber. Bernd Brunner erzählt von Emilie von Berlepsch, die 1799 alleine nach Schottland fuhr und seufzte:

"Warum ist der deutsche Boden so stumm? Warum haben wir beynahe gar keine Denkmäler, keinen Widerhall früherer Zeiten, keinen erzählenden Volksgesang?" Leseprobe

Erst spät entdeckten Reisende den Norden

"Der Norden wurde erst später richtig zugänglich für Reisende. Vorher kamen nur ein paar Versprengte", sagt Brunner. "Eine wirkliche Massenbewegung kam erst viel später. So richtig erst mit der Eisenbahn, dann kamen die ersten Baedeker-Reiseführer, dann entflammte Kaiser Wilhelm II. für den Norden." Aus Verklärung wurde bald Verherrlichung, ja Überfrachtung. Die Rassen-Theoretiker des 19. Jahrhunderts sahen im Norden vor allem die Heimat des blonden, weißen Mannes. Wie der französische Diplomat Gobineau:

"Dies ist die Gegend, welche die ältesten Geschichtsschreiber mit Recht und mit glühender Begeisterung die Quelle der Völker, den Mutterschoß der Nationen nennen." Leseprobe

Von einer fixen Idee hin zu den Faschisten

Anschaulich zeigt der Autor, wie sich seit der Romantik das Bild vom Norden verzerrt. Besonders Deutschland wollte im Norden eine Art germanisches Arkadien erkennen - von der fixen Idee zur mörderischen Ideologie bis hin zu den Faschisten.

Bei allen Irrwegen: Der Norden inspiriert Kunst, Musik, Malerei bis heute, das zeigt Brunner anhand vieler Beispiele: von Björk bis Lars von Trier. Brunner selbst versteht sich als sachlicher Chronist. "Ich überschreite die Grenzen von Literatur, vergleichender Länderkunde, Ethnologie, Archäologie, Kultur- und Mentalitätsgeschichte", erklärt er. "Auch die Sprache spielt eine Rolle."

Buch überwältigt mit Namen, Daten und Fakten

Manchmal würde man gerne ausführlicher einer Person oder einer Geschichte folgen. Das Buch überwältigt mit Namen, Daten und Fakten. Dennoch macht es Spaß, dieses Spiegel-Kabinett zu durchwandern. Die Himmelsrichtung löst wohliges Schaudern aus. Bernd Brunner bricht diese Sehnsucht herunter. Zu einer - manchmal fixen - Idee mit unbestimmtem Zauber. Auch Greta Thunberg, sagt er, hätte noch Platz im Buch gefunden, da sei es allerdings schon im Druck gewesen.

Die Erfindung des Nordens

von
Seitenzahl:
320 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Galiani
Bestellnummer:
978-3-86971-192-8
Preis:
24,00 €
03:54
NDR Kultur

Alexa Hennig von Lange: "Die Weihnachtsgeschwister"

03.12.2019 12:40 Uhr
NDR Kultur

Die Geschwister Tamara, Ingmar und Elisabeth treffen sich zu Weihnachten in ihrem Elternhaus. Doch dieses Mal ist alles anders als sonst. Audio (03:54 min)

05:05
NDR Kultur

Botho Strauß: "Zu oft umsonst gelächelt" und "Saul"

02.12.2019 12:40 Uhr
NDR Kultur

In den neuen Romanen von Botho Strauß geht es um die inflationäre Verwendung des Begriffs Roman, kulturelle Verluste und Versagensängste. Audio (05:05 min)

Mehr Kultur

65:06
NDR Info
53:52
NDR Info
03:14
NDR 1 Welle Nord