NDR Buch des Monats Juni: "Unsere anarchistischen Herzen" von Lisa Krusche

Stand: 01.06.2021 06:00 Uhr

Die 30-jährige Autorin Lisa Krusche stammt aus Hildesheim und lebt seit ihrem Studium in Braunschweig. Jetzt ist ihr Debütroman "Unsere anarchistischen Herzen" erschienen.

von Katja Eßbach

Lisa Krusche tastet sich in ihrem Debütroman nicht ran, sie nähert sich nicht vorsichtig, sie kracht rein. Ihr erster Satz: "Papa rennt nackt durch Charlottenburg". Erzählerin dieses ersten Kapitels ist die ungefähr 17-jährige Berlinerin Charles, deren Leben gerade auf dem Kopf steht. Ihr Künstler-Vater kämpft mit psychotischen Schüben und ihre Mutter ist mit sich selbst beschäftigt. Sie zwingt die Familie, in eine Art Hippiekommune aufs niedersächsische Land zu ziehen. Genau dort lebt Gwen, die zweite Erzählerin, die bald Charles' Freundin werden wird.

Die beiden jungen Frauen finden sehr unterschiedliche Antworten auf die Zumutungen des Lebens, sagt Lisa Krusche: "Während Gwen eher mit Traurigkeit oder Wut auf die Dinge reagiert, würde ich sagen, dass Charles der Welt mit Tatendrang, Humor und Fantasie gegenübertritt. Und dann gibt es noch eine Antwort, die die beiden eint. Nämlich, dass Freundinnenschaft etwas ist, das einem Halt und Trost bietet und einen Ort der Selbsterfindung."

Lisa Krusche erzählt von jungen Frauen auf dem niedersächsischen Land

Gwen und Charles erzählen abwechselnd. In der ersten Hälfte des wunderbaren Romans bewegen sich die beiden aufeinander zu, ohne einander zu begegnen. Charles hadert mit ihrer neuen Heimat, sie kennt hier niemanden außer den mehr als seltsamen Bewohnern der Kommune und ihrer kaputten Familie:

Das Hirn platzt mir weg, weil ich hier nicht sein sollte. Das Hirn platzt mir weg, weil meine Eltern es einfach nicht auf die Reihe bekommen. (…) Das Hirn platzt mir weg, weil man hier bis zum Horizont gucken kann. Das Hirn platzt mir weg vor lauter Grün. Leseprobe

Autorin nahm am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb teil

Lisa Krusche, die in Braunschweig Kunstwissenschaften studiert hat, ist eine junge, aber schon ziemlich erfolgreiche Autorin. Bisher hat sie vor allem Essays in verschiedenen Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht. Im Juni vergangenen Jahres nahm sie am renommierten Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt teil und gewann den Deutschlandfunk-Preis. In ihrem Text ging es um eine Frau, die davon träumt, mit Wassertieren zu verschmelzen.

Ohne Schreiben, so sagt sie, ginge es nicht: "Um es herunterzubrechen: Ich denke, dass ich schreibe, weil es mir ein Bedürfnis ist, eine Notwendigkeit, weil es mein Verhältnis zur Welt strukturiert und aufbaut. Manchmal denke ich, man schreibt, um nicht zu sterben, man schreibt, um sein Leben zu riskieren. Im positiven Sinne dieser Wendung: sein Leben zu riskieren."

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Schriftstellerin Lisa Krusche. © ORF/Charlotte Krusche Foto: Charlotte Krusche

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Debütroman von Lisa Krusche: zwischen Witz, Poesie und Sarkasmus

Ebenso wie Charles' Eltern sind die von Gwen ein Totalausfall. Sie sind reich und kalt und voller Desinteresse für das Leben ihrer Tochter. Das kompensiert Gwen mit Gewalt. Sie und ein paar Jungs aus dem Ort verabreden sich mit anderen, um sich zu prügeln, um Aggressionen rauszulassen, um endlich nicht mehr fühlen zu müssen:

Und alles wird rot. Es fließt über den Parkplatz, Fluten ohne Wellenbewegungen, nur ein massives Rauschen. (…) Meine Wut ist größer als ich, sie ist alles, was ich bin, und noch mehr, sie ist meine Hingabe, sie ist überall, und das ist gut, weil sie dann auch in jeder meiner Bewegungen ist. Leseprobe

Dieser Roman könnte großer Betroffenheitskitsch sein. Zwei junge Frauen leiden an sich und der Welt. Aber Lisa Krusche lässt das nicht zu. Ihre Sprache ist poetisch, emotional, melodisch, sarkastisch und zum Glück auch ziemlich lustig. Ein gewisser Hang zum Pathos ist ihr auch nicht abzusprechen, der passt aber wunderbar ins Bild. Und natürlich gelingt bei einem Debüt nicht alles perfekt. So sind die Eltern von Gwen und Charles ein wenig zu klischeehaft geraten, was vor allem deshalb auffällt, da die jungen Frauen so lebendig und plastisch wirken.

"Unsere anarchistischen Herzen": Geschichte einer Schicksalsgemeinschaft

Gwen und Charles begegnen einander dann endlich, genau in der Mitte des Romans übrigens. Charles ist sofort angetan von Gwen:

Sie sieht mystisch aus. Sie könnte eins dieser High-End-Pferdemädchen sein. (…) Nur ihre Haare. Zwar so seidig, als seien die Shampoowerbungen doch keine Lüge, aber komplett weirder Schnitt. Richtig Punk. Leseprobe

Ab sofort sind die beiden so etwas wie eine Schicksalsgemeinschaft, vielleicht sogar eine Familie. Eine bessere auf jeden Fall als die, die sie zu Hause haben.

Das NDR Buch des Monats im Programm

NDR Info sendet die Rezension am 1. Juni, 7.55 Uhr. NDR Kultur am 02. Juni, 7.20 und 12.40 Uhr. Das NDR Fernsehen stellt Lisa Krusche und ihren Roman am 7. Juni, 22.45 Uhr, in der Sendung Kulturjournal vor.

Das NDR Buch des Monats

TV, Hörfunk & Internet: Die NDR Kultur Redaktionen von Radio, Fernsehen und Internet wählen jeden Monat ein belletristisches Buch aus, das besonders gut zu Norddeutschland passt, und erklären, warum genau dieses Buch so gesprächswertig ist.

Unsere anarchistischen Herzen

von Lisa Krusche
Seitenzahl:
448 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
S. Fischer
Veröffentlichungsdatum:
28.04.2021
Bestellnummer:
978-3103970517
Preis:
23,00 €

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