Stand: 08.04.2019 17:55 Uhr

Worte für das Kriegstrauma einer Generation

Das Unglück schreitet schnell
von Johannes Böhme
Vorgestellt von Ralf Dörwang

Johannes Böhme hat nach dem Tod seiner Großmutter Liebesbriefe ihres ersten Mannes gefunden, der als Soldat im Zweiten Weltkrieg war und bis heute als verschollen gilt. Böhme wunderte sich, warum er selbst kein herzliches Verhältnis zu seiner Oma hatte, warum sie ihm so rätselhaft blieb. Für sein jetzt erschienenes Buch "Das Unglück schreitet schnell" hat Böhme in der eigenen Familie nachgeforscht, in Archiven recherchiert, alle Briefe der beiden gelesen und sich auf eine Reise nach Russland gemacht.

"Der Mann, den meine Oma kennenlernte, gehörte nie ganz ihr", lautet der erste Satz des Buches, in dem der Autor das glücklose Leben seiner Großmutter und ihres ersten Mannes, Hermann, aufgeschrieben hat. Hermann gehörte als deutscher Feldwebel dem Zweiten Weltkrieg. Mehr als 300 Briefe und Karten hat er seinem "Annchen" von der Front geschrieben, unermüdlich, bis sich sein Schicksal in Stalingrad verliert.

Ein Hochzeitsfoto in schwarzweiß von den Großeltern des Autoren: Anna und Hermann Bartels.

Johannes Böhmes Buch über seine Großmutter

Bücherjournal -

In "Das Unglück schreitet selbst" zeichnet Johannes Böhme den Alltag im Krieg. Und er zeigt, wie die unbearbeiteten Traumata der Kriegsgeneration auch die nächsten Generationen noch überschatten.

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Dieser Militarismus sei für diese Leute ganz normal gewesen, sagt Böhme ungläubig. "Diese Vorstellung, dass man vor dem Krieg als Schneider gearbeitet hat, und dann zieht man ganz selbstverständlich in einen Krieg, ohne das groß zu hinterfragen. Ich glaube, in meiner Generation ist es nicht mehr denkbar, dass man Hunderttausende Männer einfach in einen Krieg schickt, und die machen das mit."

Wie der Krieg Menschen bricht

"Das Unglück schreitet schnell" ist ein großer Wurf, weil es uns am ganz konkreten Leben der Großmutter nahebringt, wie der Krieg Menschen bricht, auch die Überlebenden. Mit großer Offenheit schreibt der Enkel über seine Oma.

Sie habe den Holocaust geleugnet, sie habe geglaubt, dass das nie stattgefunden habe. "Meine Oma hat nie hören wollen, dass es Konzentrationslager gab, dass Millionen Menschen ermordet wurden. Das hat sie weggeschoben, das durfte nicht sein." Wie ist das für ihn als Enkel? "Das ist natürlich ein unglaubliches Versagen, dass sie das nie anerkannt hat."

Die entsetzliche Lücke der Schuld

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Nur zwei Jahre bleiben dem Paar für seine Liebe, dann muss Hermann an die Front. Zuerst Belgien und Frankreich, für Hermann und seine Truppe anfangs noch wie ein Abenteuerurlaub. Er geht shoppen in Paris und kauft Kleiderstoffe für seine Anny in Celle. Als seine Einheit in den Krieg gegen Polen abgezogen wird, haben die Brutalität und das Morden zugenommen.

Der Autor erzählt von einer Passage in den Briefen, wo Hermann durch einen Ort kommt: "Er beschreibt, dass er dort Juden sieht, und er benutzt nur ein Wort, um das zu beschreiben: das Wort 'noch'. Er sagt: 'Noch sind 15 Prozent Juden hier.' Wir wissen, dass zu diesem Zeitpunkt bereits Erschießungen in den Wäldern drum herum stattfinden. Damit wissen wir natürlich auch, dass er wusste, was dort geschehen ist. Und das löst nicht nur Irritation aus, sondern Entsetzen." Die entsetzliche Lücke der Schuld. Johannes Böhme findet sprachlich eindrucksvolle Bilder dafür.

Sie legten sich erneut hinter Fensteröffnungen ohne Glas in die Ruinen der Häuser, die einst die schönsten der Stadt gewesen waren. Sie versteckten sich in den Resten der Leben, die sie zerstört hatten, hinter den bröckelnden Backsteinmauern, die es umschlossen hatten. Buchzitat

"Es geht alles vorüber", erklingt ein Lied. Radio Belgrad hilft Hermann durch schlaflose Nächte an der russischen Front. "Ski Heil" schreibt er seiner Anny aus Stalingrad, und zum Jahreswechsel 1942/43 wünscht er ihr eine Million Glück. Drei Wochen darauf kommt sein letzter Brief. Hermann gilt bis heute als verschollen.

"Sie wollte das Hässliche nie sehen"

Seinen Tod hat Anny nie verwunden, auch wenn sie noch mal geheiratet hat. Sie reiste nie ins Ausland, blieb in der beschaulichen Vertrautheit ihrer niedersächsischen Heimat, versuchte zu verdrängen. "Sie wollte das Hässliche nie sehen", so ihr Enkel. "Wenn ihr Leute Dinge erzählt haben, die nicht schön waren, dann hat sie versucht wegzuhören, hat es ignoriert. Sie war gerade zum Schluss ihres Lebens sehr einsam. Und das ist tragisch."

Schwarz-Weiß-Aufnahmen erzählen die Geschichte

"Es war fast so, als ob sie das Sprießen und Blühen, das überbordende Leben nicht ertragen hat. Was sollte sie damit?", heißt es im Buch. Ohne sich je der Vergangenheit zu stellen, ohne ihre wahren Gefühle mitzuteilen, endet Anny schließlich in Demenz. "Ich weiß eigentlich gar nicht, ob es irgendjemanden gibt, der in der Lage ist, damit umzugehen, mit diesem Ausmaß an Schrecken und Gewalt, das eine ganze Gesellschaft durchzogen hat. Ich glaube, das war ein Versagen, das nahezu notwendig war, das auch nicht zu vermeiden war, dass auch meine Großmutter an dem, was da passierte, scheitern musste."

Mit dem Roman über seine Oma hat Johannes Böhme Worte gefunden für das Kriegstrauma einer ganzen Generation.

Das Unglück schreitet schnell

von
Seitenzahl:
416 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Ullstein
Bestellnummer:
978-3-961010165
Preis:
22,00 €