Stand: 01.06.2018 06:10 Uhr

NDR Buch des Monats: Gedichte von Matthias Politycki

Sämtliche Gedichte 2017 - 1987
von Matthias Politycki
Vorgestellt von Heide Soltau

Matthias Politycki widerlegt alle Schriftsteller-Klischees. Der 63-Jährige ist kein weltfremder, blasser Poet, sondern ein umtriebiger Geist, sportlich und vielgereist. Als teilnehmender Beobachter taucht ein in die Welten, über die er in seinen Romanen, Essays und Gedichten schreibt.

Meisterhaft ist ihm das mit dem Kuba-Roman "Herr der Hörner" gelungen. Reisen sei für ihn "praktische Philosophie", hat er einmal gesagt. Im Hoffmann und Campe Verlag sind soeben "Sämtliche Gedichte" erschienen, entstanden zwischen 1987 und 2017. Der NDR hat den Band zum Buch des Monats Juni gekürt.

Matthias Politycki

Eine poetische Entdeckungsreise

Bücherjournal -

Matthias Politycki ist einer der profiliertesten Lyriker Deutschlands. Jetzt erscheint ein Sammelband mit Gedichten aus den vergangenen 30 Jahren.

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Gedichte wie guten Wein genießen

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Matthias Politycki reist gern. In 40 Jahren hat der Autor seinen Fuß in knapp 100 Länder gesetzt.

"Ich lebe ganz klar von meinen Prosabänden", sagt Schriftsteller Matthias Politycki. "Aber ich bin ja nur zu Hoffmann und Campe gewechselt, unter der Bedingung, dass die auch alle meine Gedichtbände machen." Dieses Versprechen hat der Verlag mit dem Sammelband "Sämtliche Gedichte" nicht nur eingelöst, er hat die Lyrik besonders schön ausgestattet.

Schließlich wollen Gedichte genossen werden wie ein guter Tropfen Wein, und dazu gehört eben auch ein passendes Gefäß. Mit den gesammelten Gedichten übertrifft sich der Verlag selbst. Er hat das Buch in graugrünes Leinen binden lassen, auf dem Titel, eingraviert in einem Kreis, die Buchstaben M und P.

"So unterschreibe ich ja schon immer, damit habe ich als Schüler angefangen", erklärt Politycki das Siegel. "Ich mische mir meine Farbe aus viel Grün und wenig Schwarz zusammen. Das kaufbare Grün war mir immer ein bisschen zu Grün."

Rhythmus - Polityckis Konstante

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"Sämtliche Gedichte 2017 - 1987" veranschaulicht die Entwicklung Matthias Polityckis vom experimentellen zum realistischen Schriftsteller. Lösen Sie das Quiz und gewinnen Sie das Buch! Quiz

Die Gedichte in der Ausgabe sind zwischen 1987 und 2017 entstanden. Aber Matthias Politycki hat sie noch einmal überarbeitet, sprachlich nachgeschliffen und präzisiert, indem er Worte gestrichen und ausgetauscht hat.

"So bleiben sie für mich lebendig", schildert der Dichter. "Ich möchte ja auch keine historisch-kritische Gesamtausgabe vorgelegt haben, sondern etwas, was mir auch Vergnügen macht und was mein Leben zur Sprache bringt. So wie ich es heute auch gern lesen würde."

Das Buch veranschaulicht die Entwicklung Matthias Polityckis "vom experimentellen, an der Avantgarde orientierten Schriftsteller zum Realo", wie er es selbst nennt. Statt das Publikum mit seinem Wissen zu "belästigen", schreibe er heute "scheinbar einfacher", sagt er, amüsiert über sein ambitioniertes Gehabe vor dreißig Jahre. Dabei sei es viel schwerer, Gedichte so zu formen, dass sie potentiell jeden erreichen können.

"Mein Formwille ist derselbe geblieben. Ich komme von der Musik und will zum Rhythmus hin, da hat sich nie was geändert", beschreibt Politycki die Konstante in seinem Stil.

Viele Gedichte entstanden auf Reisen

Ein gelungenes Gedicht fängt Stimmungen ein, hält Lebensmomente und Bilder fest, lässt Gefühle anklingen und Farben sprechen. Im besten Fall berührt und überrascht es, weil es Vergessenes hervorlockt und Fragen stellt, wie bei "Verzagt":

Warum nur hab’ ich
so viele Schrammen,
Schürf- und Kratzwunden,
Risse in Nägeln und Haut,
Blasen und Stiche?

Die Frage ist falsch gestellt.
Warum hast du noch immer
so viele Stellen,
die unversehrt geblieben,
verschont?
Leseprobe

Viele Gedichte sind auf Reisen entstanden: in der Wüste Sinai, in Japan, im Himalaya oder in Kambodscha. Dort hat Politycki das Land auf den Spuren der Roten Khmer erkundet und mit Tätern und Opfern gesprochen. Aber das sei nicht der Stoff für Gedichte. Eventuell wird daraus später vielleicht ein Essay entstehen. Zu Gedichten inspirieren ihn stattdessen eher Begegnungen mit Personen.

Wie zum Beispiel beim Gedicht "Vollendete Stille", als er in Kambodscha eine Frau traf, die kaum lesen konnte, aber mehr vom Leben wusste als fast alle Menschen, die er zuvor getroffen hatte. "Ich bin aber keiner, der wirklich autobiografisch schreibt", erklärt Politycki. "Ein Liebesgedicht ist oft veranlasst durch etwas ganz anderes und ruft dann einen Kummer ab, der irgendwo in einem abgespeichert ist. Ich schreibe nicht eins zu eins über Kambodscha."

Königsdisziplin Sonett

Der graugrün gebundene Band enthält frei geformte Gedichte, aber auch klassische Sonette, für Matthias Politycki die Königsdisziplin, denn im Sonett vereinigten sich Rhythmus, Klang und Sprache auf perfekte Weise zu einem Gesamtkunstwerk. Sonette sind vierstrophige Gedichte, die aus zwei Vierzeilern und zwei Dreizeilern bestehen. Das muss man aber nicht wissen, um die Gedichte genießen zu können. Matthias Politycki erzählt in seinen Sonetten - etwa in "Fast eine Romanze" - kleine Geschichten, Miniaturen, die sich wie Musik erschließen.

Nie werd’ ich wissen, wie du wirklich heißt,
wie du wohl lächeln würdest, wenn ich sagte,
dass ich mich schier nicht mehr zu regen wagte,
als du den Raum betratst, ich saß wie hingeschweißt,

sah, wie du rauchst und trinkst, das Haar wegstreichst
und eine SMS schreibst, schließlich gehst
und neben meinem Tisch dann plötzlich stehst
und dort erst deine Rechnung schnell begleichst

und wie dein Blick, ganz ohne innre Glut,
sich jäh verhakt und kurz in meinem ruht –
schon seh ich dich von hinten, seh den Hut,

aus Stroh, das Sommerkleid, darum ein Band
in Dunkelblau, ein letztes Unterpfand
von dir, tief in den Nachmittag gebrannt.
Leseprobe

Keine literarische Form passt besser in unsere von den sozialen Medien bestimmte Zeit als die Kurzform des Gedichts. Matthias Politycki lädt ein zu einer poetischen Entdeckungsreise, die bezaubert und melancholisch stimmt, aber auch überraschend komische Momente enthält. 

Sämtliche Gedichte 2017 - 1987

von
Seitenzahl:
640 Seiten
Genre:
Gedichtband
Verlag:
Hoffmann & Campe Verlag
Bestellnummer:
978-3-45540-623-8
Preis:
32,00 €

Video

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Bücherjournal

Matthias Politycki: Warum wir reisen

10.05.2017 00:00 Uhr
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In seinem neuen Buch schreibt Matthias Politycki über die vielen Reisen seines Lebens. Als Gast im Bücherjournal erzählt er über seine zweite Leidenschaft neben dem Schreiben. Video (05:15 min)

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