NDR Buch des Monats: "Der Zauberer" von Colm Tóibín

Stand: 07.10.2021 09:19 Uhr

Thomas Mann erhielt 1929 den Literaturnobelpreis für seinen Roman "Buddenbrooks". Gerade ist von Colm Tóibín ein Roman über sein Leben erschienen: "Der Zauberer" ist unser NDR Buch des Monats im Oktober.

Colm Tóibín: "Der Zauberer" (Cover) © Hanser
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von Maren Ahring

Auch der große Thomas Mann war einmal klein und saß mit seinen drei Geschwistern auf dem Treppenabsatz. Von dort beobachtete er die feine Gesellschaft, die sich im elterlichen Salon versammelte - und seine Mutter Julia.

Sie schloss sich der Gesellschaft gleichsam widerstrebend an, wobei sie den Eindruck vermittelte, noch vor Augenblicken ganz allein mit sich an einem Ort geweilt zu haben, der interessanter war als das festliche Lübeck. Leseprobe

So beginnt Colm Tóibín seinen Roman und man ist als Leserschaft gleich mittendrin - in der schillernden Mann-Familie. Detailreich und farbig schildert Tóibín auf über 500 Seiten das Leben Thomas Manns von seiner Jugend bis ins hohe Alter.

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Colm Tóibín: "Der Zauberer" (Cover) © Hanser

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Anders als in Lübeck, kennt in München niemand die Familie Mann

Das Buch beginnt und endet im hanseatischen Lübeck, wo die Familie stadtbekannt war, erklärt der Autor im Interview mit dem NDR Kulturjournal: "Jeder kannte ihn, er war einer der Manns, der zweitälteste Sohn des Senators und Lübeck war klein - tatsächlich kannten ihn alle. Als sein Vater starb, zog die Familie nach München. Dort sagte niemand, wirklich niemand - 'das ist einer der Manns'. Dieser Verlust, glaube ich, hat ihn angetrieben."

"Buddenbrooks" erscheint 1901, da ist Thomas Mann gerade einmal 26 Jahre alt. Die zweite Auflage des Buchs macht ihn bekannt. Zur feinen Münchner Gesellschaft findet er aber lange keinen Zugang, bis er schließlich doch zum Abendessen bei den Pringsheims eingeladen wird.

Thomas Mann kaschiert seine Homosexualität

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Thomas Mann sitzt an einem Schreibtisch in einem Brüsseler Hotel. © picture-alliance / KPA/TopFoto Foto: KPA

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Als Klaus sich ihm zuwandte, sah Thomas, wie schön er war. Er verstand fast, warum Klaus die Cafés nicht frequentierte. Er wäre augenblicklich aufgefallen und von allen angestarrt worden. Als ihm bewusst wurde, dass Katia ihn dabei beobachtet, wie er ihren Bruder mit Blicken verschlang, richtete Thomas seine ungeteilte Aufmerksamkeit auf sie. Leseprobe

Obwohl Thomas Mann Katia Pringsheim heiratet und Vater von sechs Kindern wird, kann er seine homosexuellen Neigungen nicht unterdrücken. Sie führen wie ein roter Faden durch den Roman: manchmal nur angedeutet, manchmal explizit.

Colm Tóibín beleuchtet Manns literarisches Schaffen in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, erzählt vom Leben seiner exzentrischen Kinder und dem Wandel seiner politischen Einstellung.

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Thomas Mann © dpa

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1938 dann die Zäsur, die Thomas Mann selbst so formulierte: "Ich war nur auf eine Reise gegangen und plötzlich fand ich mich als Emigrant."

Die Familie siedelt in die USA über. Während des Zweiten Weltkriegs nimmt Thomas Mann dann Texte für die Radiosendung "Deutsche Hörer" der BBC auf.

"Ich glaube, dass er etwas sehr Echtes repräsentiert, wenn er als Künstler für die deutsche Demokratie eintritt; und dass er für den unabhängigen Geist stand und tatsächlich an die Freiheit glaubte", findet der Autor Colm Tóibín.

Tóibíns lesenswerter Roman zeigt Manns Zerrissenheit

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Heinrich (r.) und Thomas Mann 1940 in New York. © picture-alliance/ dpa Foto: Keystone

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Ganz am Ende des Romans kehrt Thomas Mann nach Lübeck zurück und besucht ein letztes Mal das Familienhaus. Ganz allein steht er davor, betrachtet die mit Brettern vernagelten Fenster und hängt seinen Erinnerungen nach - ein alter Mann vor einem zerstörten Haus - ein starkes Bild.

"Der Zauberer" ist sehr nah an Thomas Manns Biografie entlang erzählt. Dadurch wirkt das Buch manchmal etwas überfrachtet und der Erzählton gehetzt. Trotzdem ist der Roman absolut lesenswert - vor allem weil es Colm Toíbín gelingt, Thomas Mann in all seiner Zerrissenheit darzustellen - und ihn damit ein wenig nahbarer zu machen.

Das NDR Buch des Monats im Programm

Die NDR Kultur Redaktionen von Radio, Fernsehen und Online wählen jeden Monat ein belletristisches Buch aus, das besonders gut zu Norddeutschland passt. NDR Kultur sendet die Rezension am 08.10.2021., 7.20 und 12.40 Uhr; NDR Info 13.55 und 16.55 Uhr, das Kulturjournal im NDR Fernsehen am 11.10., 22,45 Uhr.

Der Zauberer

von Colm Tóibín, aus dem Englischen von Giovanni Bandini
Seitenzahl:
560 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hanser
Bestellnummer:
978-3-446-27089-3
Preis:
28,00 €

Dieses Thema im Programm:

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