Stand: 29.10.2018 12:22 Uhr

NDR Buch des Monats: "Verzeichnis einiger Verluste"

Verzeichnis einiger Verluste
von Judith Schalansky
Vorgestellt von Joachim Dicks
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Judith Schalansky wurde 1980 in Greifswald geboren, studierte Kunstgeschichte und Kommunikationsdesign und lebt in Berlin.

Spätestens seit dem Erscheinen ihres Romans "Der Hals der Giraffe" gehört die 1980 in Greifswald geborene Schriftstellerin Judith Schalansky zu den maßgeblichen Stimmen der deutschen Gegenwartsliteratur. Sieben Jahre sind seitdem vergangen, und Judith Schalansky war in dieser Zeit sehr fleißig. Insgesamt 36 Bücher sind in der Reihe "Naturkunden" bei Matthes & Seitz mit ihr als Herausgeberin erschienen. Nur als Autorin trat sie in dieser Zeit nicht mehr in Erscheinung. Nun endlich, von vielen langersehnt, erscheint wieder ein Buch von ihr. Es heißt "Verzeichnis einiger Verluste" und ist unser NDR Buch des Monats November.

Das Buch eröffnet mit einem Paukenschlag und schlägt eine Brücke zu einem früheren Buch von Judith Schalansky, zum "Atlas der abgelegenen Inseln. Fünfzig Inseln, auf denen ich nie war und niemals sein werde". Jetzt also Tuanaki, eine untergegangene Insel im Südpazifik. "Die Geschichte dazu ist natürlich die, dass ich mich sehr lange mit Inseln beschäftigt habe und dieses Buch über sogenannte abgelegene Inseln geschrieben hatte", sagt Judith Schalansky. "Ich hatte immer das Gefühl, diese eine Geschichte noch nicht erzählt zu haben: Nämlich die von einer Insel, die es wirklich gegeben hat, aber die man heute in einem aktuellen Atlas nicht mehr findet."

Buchcover von Judith Schalansky "Verzeichnis einiger Verluste" © Suhrkamp Verlag

Judith Schalansky: "Verzeichnis einiger Verluste"

Kulturjournal -

Wer bestimmt, woran wir uns erinnern? Das "Verzeichnis einiger Verluste" von Judith Schalansky ist eine Liebeserklärung an das, was das Menschsein ausmacht: sich erzählend zu erinnern.

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Bereits vor dem Erscheinen mit Preisen ausgezeichnet

Für Tuanaki knüpft Judith Schalansky an die Sprache der Abenteurerromane à la Herman Melville oder Joseph Conrad an. Außerdem erzählt sie eine historisch rückwärtsgewandte und politisch vorwärtsgerichtete Utopie und entwirft eine Welt, in der alles möglich scheint. Dass sie bereits vor Erscheinen von "Verzeichnis einiger Verluste" sowohl den Irmtraud-Morgner- wie auch den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis zuerkannt bekommen hat, erklärt sich aus Sätzen wie diesen:

"Warum kommt er nicht an Land? Er hat Angst, ihr könntet ihn töten. ... Wir wissen nicht, wie man tötet. Wir wissen nur, wie man tanzt." Leseprobe

Woher rührt diese Lust am Verlorenen?

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NDR Buch des Monats zu gewinnen!

"Verzeichnis einiger Verluste" heißt das neue Werk von Judith Schalansky. Lösen Sie das Quiz und gewinnen Sie mit etwas Glück das NDR Buch des Monats November! Quiz

Die Verluste, denen sich Judith Schalansky in ihren insgesamt zwölf Erzählungen zuwendet, wandern durch die Jahrhunderte. Sie führen zurück zur attischen Dichterin Sappho ins siebte Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, streifen die Gladiatorenspiele im antiken Rom, besuchen den Palast der Republik noch zu DDR-Zeiten, berichten von Einhörnern, Tigern, Bildern und Gebäuden. Woher nur rührt diese Lust am Verlorenen? "Ich finde, das ist die Aufgabe der Literatur, sich mit dem Vergangenen, natürlich auch mit dem Gegenwärtigen, zu beschäftigen", sagt Judith Schalansky. "Aber selbst, wenn man zum Beispiel Science-Fiction schreiben würde, kann man das auch nur aus der Vergangenheit heraus. Ich glaube, das Vergangene ist überhaupt nicht so vergangen. Vielleicht geht es eher darum, dass man in der Auseinandersetzung mit dem Vergangenen und dem, was davon noch zu erzählen ist, eigentlich erst verstehen kann, was die Gegenwart überhaupt ausmacht." 

Für jede Geschichte eine andere Sprache

Der amerikanische Schriftsteller William Faulkner hat einmal gesagt: "Das Vergangene ist nicht tot. Es ist noch nicht einmal vergangen." Dieser Grundgedanke schimmert aus jedem Buchstaben dieser durchweg wunderbaren Geschichten hindurch. Für jede Geschichte erfindet Judith Schalansky eine andere Sprache. Mal Abenteuerroman, mal autobiografische inszenierte Erzählung, mal episodenhaft, mal wissenschaftlich, mal historisch, mal sehr gegenwärtig wie "DDR - Palast der Republik":

"Das Kind stand mit weit aufgerissenen Augen im Gitterbett. Eine Hand umklammerte mit dicken Fingern die Stäbe, die andere langte über die Brüstung und ruderte in ihre Richtung. Weiß blitzten die kleinen Zähne aus dem lachenden Mund. Sie hob die Kleine hoch, legte sie auf die Kommode neben dem Doppelbett, zog ihr erst den Strampler, dann die Gummihose und schließlich die durchnässte Stoffwindel aus. Das Kind brabbelte vor sich hin, boxte in abgehackten Bewegungen mit seinen Fäustchen in die Luft und trat immer wieder mit den nackten Füßen gegen ihre Arme und Brüste." Leseprobe

Außerordentlich gestaltetes Buch

Veranstaltungen

Judith Schalansky liest in Rostock

12.12.2018 20:00 Uhr
Literaturhaus Rostock (im Peter-Weiss-Haus)

Der Kampf mit der Vergännglichkeit: Mit Fantasie spürt die Autorin Judith Schalansky in ihrem neuen Erzählband "Verzeichnis einiger Verluste" den "Löchern in der Geschichte nach". mehr

Mit "Verzeichnis einiger Verluste" unterstreicht Judith Schalansky ihren ungeheuren Einfallsreichtum, ihre Liebe zum Detail, ihre Euphorie für die Sprache und ihre Verwandlungskunst als Erzählerin. Dass ganz nebenbei wieder ein außerordentlich gestaltetes Buch dabei herausgekommen ist, überrascht dabei nicht. Immerhin hat die Autorin auch als Buchgestalterin schon manche Auszeichnung erhalten. Diesmal sollte sich die Leserschaft die schwarzen Seiten zwischen den Erzählungen sehr genau anschauen. Bei genauer Betrachtung leuchten aus der Schwärze des Bildes die beschriebenen Verluste: Kaspische Tiger, Gemälde und Schriftfragmente. Nichts ist verloren, solange wir unsere Fantasie nicht verdorren lassen und sie dazu nutzen, Geschichten zu erzählen. Auch davon handelt dieses Buch.

Verzeichnis einiger Verluste

von
Seitenzahl:
252 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Suhrkamp
Bestellnummer:
978-3-518-42824-5
Preis:
24,00 €

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