Stand: 27.09.2019 00:01 Uhr

NDR Buch des Monats Oktober: "Liebestölpel"

Liebestölpel
von Peter Wawerzinek
Vorgestellt von Lisa Kreißler

"Rabenliebe", "Schluckspecht" und jetzt "Liebestölpel". Seine drei Vogelromane versteht Peter Wawerzinek als eine Trilogie der inneren Qualen. Das stark autobiografisch geprägte Projekt des 1954 in Rostock geborenen Autors überzeugte in den vergangenen Jahren mit seiner selbstkritischen Schonungslosigkeit und seinem Humor. Für "Rabenliebe", ein ergreifendes Sich-Freischreiben von der Mutter, die ihn und seine Schwester im Kleinkindalter im Stich ließ, erhielt er 2010 den Ingeborg-Bachmann-Preis. Im 2014 erschienenen Roman "Schluckspecht" setzte er sich mit seinem Alkoholismus auseinander. Jetzt folgt "Liebestölpel". Ein Buch "über den tollpatschigen Versuch mit der widerspenstigen Sache namens Liebe klarzukommen", wirbt der Verlag. Der Roman ist das NDR Buch des Monats Oktober.

Das Cover von Peter Wawerzineks Roman "Liebestölpel" © Verlag Galiani Berlin

Nicht immer einfach mit der Liebe

Kulturjournal -

Der Schriftsteller Peter Wawerzinek schreibt in seinem neuen Roman "Liebestölpel" über die Frauen in seinem Leben. Es ist der dritte Teil seiner autobiografischen Triologie.

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Da sind sie wieder: die Kinderreime, Lieder, Zungenbrecher, mit denen Peter Wawerzinek so gern seine Texte collagiert, um den Ursprung seines Schmerzes nie aus den Augen zu verlieren.

Seht ein Nestchen, seht ein Ei, Vögelchen ist nicht dabei, flog von seinem Nestchen fort, sucht’s im tiefen Walde dort. Seht ein Nestchen, seht ein Ei, Vögelchen ist nicht dabei. Leseprobe

Den Erzähler beschäftigt die unberechenbare Lukretia

Das von der Mutter zurückgelassene Kind tobte sich in "Rabenliebe" verzweifelt durch das Vokabular seiner Kinderheimzeit. Auch in "Liebestölpel" ist Petkowitsch, der Erzähler, ein Waisenkind. Ihn beschäftigen aber nicht seine Eltern, sondern die unberechenbare Lukretia.

Um die Zeit will Lukretia, dürr, wie sie gebaut ist, eine Boxerin werden. Braucht dazu mich als ihren Trainingsgegner, um Taktiken, Tricks auszuprobieren. Leseprobe

Nach der Schule geht es nach Ostberlin

Weitere Informationen

"Lievalleen": Reise zurück in die Kindheit

Schriftsteller Peter Wawerzinek wurde als Kind von seiner Mutter in der DDR zurückgelassen. Von diesem Trauma erzählt sein Buch "Rabenliebe", dem nun der Dokumentarfilm "Lievalleen" folgt. mehr

Petkowitsch und Lukretia lernen sich im Heim kennen. Auf dem Dreirad fährt er ihren wippenden Zöpfen hinterher, während sie ihn tätschelt, wenn es ihr passt und verschwindet, wenn er ihr auf die Nerven geht. Nach der Schule verlassen die beiden getrennt voneinander die mecklenburgische Küste und kosten Ostberlin in seiner kaputten Schönheit aus. Petkowitsch studiert Kunst und fängt an zu schreiben, Lukretia übt sich in ständiger Selbsterneuerung, mal ist sie Hippie, mal Französin, aber zwischen den beiden bleibt es dabei: Petkowitsch wartet. Lukretia kommt, geht und bleibt nie länger als elf Tage.

Immer wieder taucht Lukretia auf - und wieder ab

Petkowitsch heiratet Eris. Aber ihr Liebesleben entpuppt sich schnell als wenig explosiv, was unter anderem an einem Geschirrhandtuch mit Gänsen liegt. Schwanger wird Eris trotzdem, erst einmal, dann noch mal, mit Zwillingen sogar. Aber ehe Petkowitsch sich festsitzen kann im sterilen Neubau für die ganze Familie, holt Lukretia ihn ab.

Alle Paare fahren mit ihrer Liebe in den Urlaub. Ich bin gerührt. Hat sie tatsächlich von Liebe gesprochen? Mallorca wäre schön! Mallorca, entfährt es mir, diese Rentnerinsel? Leseprobe

"Liebestölpel" lebt von den Anekdoten

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Quiz

Gewinnen Sie das NDR Buch des Monats Oktober!

"Liebestölpel" von Peter Wawerzinek ist das NDR Buch des Monats Oktober. Machen Sie mit bei unserem Quiz, beantworten Sie alle Fragen richtig und gewinnen Sie mit Glück ein Exemplar! Quiz

Nichts beruhigt sich auf der Rentnerinsel. Die beiden zeugen ein Kind und Lukretia lässt ihn wieder sitzen. Willenlos wie er ist, übernimmt Petkowitsch Verantwortung für die gemeinsame Tochter. In blassen Farben läuft sie neben ihm her und auch der Liebesschmerz, der sprachlich, leider oft redundant, heraufbeschworen wird, will auf den 300 Seiten kein echtes Blut hervorbringen. Mehr als von der großen Tragödie lebt das Buch von den Anekdoten, die Wawerzinek mit leichter Hand und ganz ohne Kinderreime skizziert. Schafft es der Leser durch den psychoanalytischen Märchenwald am Anfang des Romans, wird er belohnt: die Nacht des Mauerfalls, der geisteskranke Wellensittich, dem Petkowitsch als Babysitter ausgeliefert wird, und nicht zuletzt die blank poetischen Bilder vom Prenzlauer Berg, wie wir ihn uns heute kaum noch vorstellen können, hallen nach.

Ein Balkon bröckelt und stürzt zu Boden. Ohne dass wer zu Schaden kommt, kippt eine gesamte Hauswand um, die, wie so viele im Lande, nur provisorisch aufgestellt worden ist. Leseprobe

Demut hinter den Worten macht den Roman liebenswert

Wenn Petkowitsch nicht mehr weiter weiß, fährt er zurück in seine Heimat, die mecklenburgische Provinz, um seine Gedanken zu sortieren. Aber in all den Jahren, die Petkowitsch über Lukretia nachdenkt, entgeht ihm eine entscheidende Wahrheit über sie, die ihn am Ende schmerzhaft trifft. Was Peter Wawerzineks Roman so liebenswert macht, ist die Demut, die hinter all seinen gereimten und ungereimten Worten steht.

Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie neu, und wem sie just passiert, dem bricht das Herz entzwei, ... Leseprobe

 

Gespräch
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Peter Wawerzinek schreibt über Liebestölpel

NDR Kultur

Muttersuche, Selbsterkundungen, Einsamkeit und die Liebe sind die Themen von Peter Wawerzinek, der sich schreibend zwischen zartem Minnesang und deftigem Rock bewegt. mehr

 

Liebestölpel

von
Seitenzahl:
304 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Galiani Berlin bei Kiepenheuer & Witsch
Bestellnummer:
978-3-86971-152-2
Preis:
20,00 €

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