NDR Buch des Monats November: "Die Erfindung des Countdowns"

Stand: 03.11.2020 10:00 Uhr

Ein Leben für die Mondrakete! Der Hamburger Daniel Mellem schreibt in seinem Roman "Die Erfindung des Countdowns" über das Leben, die Starts und die Abstürze des Raketen-Pioniers Hermann Oberth.

von Daniel Kaiser

Sein ganzes Leben hat er diesem Moment entgegengefiebert. Am 16. Juli 1969 startet in den USA die erste Mondrakete, und Hermann Oberth ist live dabei. "Er hat schon als Kind Jules Verne gelesen und von der Raumfahrt geträumt", sagt Daniel Mellem. Als es soweit war, durfte Oberth auf der Zuschauertribüne von Cape Canaveral miterleben, wie die Saturn 5 mit Armstrong und den anderen startet und die ersten Menschen zum Mond fliegen. "Das heißt, er ist ein Utopist, der die Erfüllung seiner eigenen Utopie erlebt hat."

Schwarzweiß-Fotografie mit männlichem Porträt aus dem 30er-Jahren © picture-alliance / Imagno

AUDIO: Vom Traum zur Realität - "Die Erfindung des Countdowns" (4 Min)

Raketen für den Film und für den Krieg

Der Autor Daniel Mellem steht vor einer grauen verputzten Wand und lächelt. © Bogenberger Autorenfotos Foto: Bogenberger
Für seinen Roman "Die Erfindung des Countdowns" wurde Mellem mit dem Retzhof-Preis für junge Literatur und dem Hamburger Literaturförderpreis ausgezeichnet.

Der promovierte Physiker Daniel Mellem erzählt Oberths Leben. Wie der als Provinz-Physiker aus Siebenbürgen mit dem Traum von der Mondrakete Anfang der 20er-Jahre erst noch ausgelacht wird, wie ein ums andere Experiment mit infernalischen Explosionen endet, wie er die Chance bekommt, der Regie-Legende Fritz Lang bei dessen Stummfilm "Frau im Mond" 1929 als Berater zu helfen, und wie er sich in Peenemünde den Nazis andient und bei der Entwicklung von Hitlers Wunderwaffe V2 beteiligt ist - immer fokussiert auf seinen Traum von der Rakete. "Dazu gehört eben auch, dass Hermann Oberth die Rakete nicht nur als etwas gedacht hat, um in den Weltraum zu fliegen, sondern auch als etwas, das man als Waffe verwenden kann - eben auch als Waffe für die Nationalsozialisten."

Spannend auch für Physik-Versager

"Raketenwissenschaft" gilt als Synonym für Allerkompliziertestes. Doch diesen Raketen-Roman kann man auch ohne großartige Physik-Kenntnisse verstehen, denn es geht um Figuren und nicht um Formeln. "Ich wollte den Roman verständlich gestalten und nicht als Lehrmeister erklären, wie Raketen gebaut werden", erklärt Mellem, räumt aber ein, dass mit ihm hin und wieder doch der Doktor der Physik beim Schreiben durchgegangen. Das Feedback anderer Nachwuchsautoren in seinem Seminar im Leipziger Literaturinstitut habe ihm aber geholfen. Herausgekommen ist eine gelungene Dosis Wissenschaft. Wie bei Newtons legendärem Apfelmoment beschreibt Mellem, wie sein Physiker eine wichtige Entdeckung macht, als er stolpert, auf dem Boden liegen bleibt, die Lampe in seiner Hand aber weiterfliegt.

"Er hielt inne. Starrte auf die Scherben. Weitergeflogen. Alleine weitergeflogen. Er schlug die Hände vors Gesicht. Es war doch so einfach! Nicht eine Rakete musste in den Himmel auffahren - sondern zwei!" Buchzitat

Sheldon Cooper des frühen 20. Jahrhunderts

Oberth träumt vom Flug zum Mond und scheitert gleichzeitig beim Kontakt zu den allernächsten Menschen. Er hat kein Händchen für Gefühle, kein Händchen für Familie, kein Händchen für PR, wie man eine Rakete verkauft. Er fühlt sich bis zum Schluss unverstanden - ein Sheldon Cooper des frühen 20. Jahrhunderts. Bei einem Ausflug in Peenemünde sieht er, wie Kinder einen Drachen steigen lassen wollen. Er will ihnen helfen, berechnet Winkel, Windgeschwindigkeiten, will es physikalisch alles richtig machen. Es geht schief.

"Hinter ihm lag der Drachen im Gras. 'So funktioniert es jedenfalls theoretisch', keucht er den Kindern zu. Das Mädchen hob den Drachen auf. Der lachende Mond auf dem Segel war verzogen, das Gestänge gebrochen. 'Der Opa hat ihn kaputt gemacht!'" Buchzitat

"Ein bisschen von Oberth steckt auch in mir"

Cover: Die Erfindung des Countdowns von Daniel Mellem © dtv
Der promovierte Physiker Daniel Mellem schreibt in seinem Buch über den Raketen-Pionier Hermann Oberth.

Das Klischee vom Physiker-Nerd ist nicht ganz so weit hergeholt, lächelt Daniel Mellem. "Diese gewisse Alltagsuntauglichkeit steckt ja auch in dieser Figur Hermann Oberth drin. Es gibt da auch Dinge, in denen ich mich selbst wiedererkenne. Oberth soll wohl ein unfähiger Autofahrer gewesen sein, also viel zu umständlich - und das kenne ich von mir selbst auch", lacht der Autor, der sich mit diesem Roman einen eigenen Lebenstraum erfüllt. Im Schreiben spüre er eine Freiheit, die er in den festgelegten physikalischen Bahnen vermisse.

Kapitel als Countdown

Beim Filmdreh für die 'Frau im Mond' 1929 lässt Fritz Lang zum ersten Mal rückwärts zählen und erfindet so den Countdown. Mellems Buch selbst ist auch als Countdown angelegt. Die Kapitel werden von zehn heruntergezählt, und der Roman nimmt immer mehr an Fahrt und Spannung auf, bis Oberth nach dem Krieg wie Wernher von Braun in die USA geht, sich allerdings letztlich in Alien-Spekulationen und Verschwörungsmythen verstricken lässt. "Die Erfindung des Countdwons" ist ein wunderbares Buch, das davon handelt, dass es nicht reicht, Theoretiker zu sein. Man muss die Praxis, man muss das Leben immer mitbedenken.

Das NDR Buch des Monats im Programm

NDR Info sendet die Rezension am 2. November 2020, 10.55 und 12.55 Uhr und NDR 90,3 um 19 Uhr im Kulturjournal. Das NDR Fernsehen stellt den Autor am 9. November, 22.45 Uhr in der Sendung Kulturjournal vor, NDR Kultur 12.40 Uhr. Am 07. Dezember 2020, 8.30 Uhr, startet NDR Kultur in der Sendung "Am Morgen vorgelesen" mit dem ersten Teil des Romans, der dann in neun weiteren Folgen gelesen wird.

Das NDR Buch des Monats

TV, Hörfunk & Internet: Die NDR Kultur Redaktionen von Radio, Fernsehen und Internet wählen jeden Monat ein belletristisches Buch aus, das besonders gut zu Norddeutschland passt, und erklären, warum genau dieses Buch so gesprächswertig ist.

Die Erfindung des Countdowns

von Daniel Mellem
Seitenzahl:
288 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
dtv
Bestellnummer:
978-3-423-28238-3
Preis:
23,00 €
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