NDR Buch des Monats August: "Die Nacht unterm Schnee"

Stand: 29.07.2022 06:00 Uhr

Abschluss der Trilogie über den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit in Deutschland: Vor allem das Leben von Arbeitern aus dem Ruhrgebiet, das Leben der einfachen Leute, das Ralf Rothmann aus seiner Familie kennt, hat er immer wieder literarisch eingefangen.

von Joachim Dicks

Viele renommierte Preise hat er für sein Werk bereits bekommen. Nur den Büchner-Preis, den hat er immer noch nicht. Aber vielleicht ändert sich das bald. Ralf Rothmann hat mit seinem neuen Roman wieder ein sehr preiswürdiges Buch geschrieben. Es ist der Abschluss einer Roman-Trilogie über die Kriegs- und Nachkriegszeit seiner Eltern. Der Titel "Die Nacht unterm Schnee" ist unser NDR Buch des Monats August.

Rothmann: Großmeister der Gegenwartsliteratur

Worüber man nicht schweigen kann, darüber muss man schreiben. So macht es Ralf Rothmann und ist dadurch zu einem Großmeister deutschsprachiger Gegenwartsliteratur geworden. Auch mit seinem neuen Roman füllt er ein Vakuum, das ihm seine Eltern mit ihrem Schweigen über die Zeit des Zweiten Weltkriegs hinterlassen haben. "Ich habe von meiner Mutter über diese Zeit nur eine Äußerung, einen Satz: 'Einmal hat mich einer geschnappt in Pommern.' Mehr hab ich darüber nicht von ihr erfahren und wenn ich weiter fragte, sagte sie: 'Frag mir kein Loch in den Bauch. Fertig.' Also: den Rest muss die Literatur, das Vorstellungsvermögen leisten."

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Das Buch "Die Nacht unterm Schnee" handelt von Rothmanns Mutter

In "Die Nacht unterm Schnee" geht es um die Lebensgeschichte der Mutter. Erzählt wird sie aus der Perspektive von Luisa Norff, der Protagonistin aus dem Vorgänger-Roman "Der Gott jenes Sommers". Aus dem zwölfjährigen Mädchen ist inzwischen eine junge Frau geworden, die sich weiterhin für Bücher interessiert, aber auch für Elisabeth, eine Kellnerin in der Gastwirtschaft ihrer Eltern. Elisabeth schmeißt den Laden, steckt alle mit ihrer unbändigen Lebensenergie an und verdreht den Männern den Kopf. Ihrem Verlobten, den Melker Walter Urban, setzt sie immer wieder Hörner auf. Wir befinden uns in den 1950er-Jahren. "Wenn ich eins zu eins über meine Mutter geschrieben hätte, ich weiß nicht, was daraus geworden wäre, denn das Verhältnis zu meiner Mutter, trotz des Leids, das sie erfahren hat, war ein sehr problematisches. Denn das Leid, das sie erfahren hat, hat sie unempfindlich gemacht für das Leid, das sie anderen zufügt. Entsprechend hart war die Kindheit in den 1960er-Jahren, in der dann Kochlöffel auf uns zerschlagen wurden. Aber durch die Figur der Luisa konnte ich eine gewisse Distanz gewinnen."

Einmal verrät der Autor, der im Roman unter dem Namen Wolf auftaucht, was seines Erachtens wirkliche Literatur ausmacht, und woran er sich beim Schreiben orientiert:

Ein Schriftsteller verfügt selten über mehr als seine Biografie, und wenn er redlich ist, präsentiert er den Lesern nichts von dem, was eigentlich jeder erfinden könnte, etwas Originelles womöglich; trostlos klug sind wir schließlich alle. Vielmehr schreibt er, was nur er schreiben kann: seine eigene, von den Echos und Schatten der Vergangenheit (…) umschwebte Geschichte.

Der Zweite Weltkrieg wird erlebbar

Es ist vor allem die schlichte und alltagsnahe Sprache, mit der Rothmann seine Leserschaft in den Bann zieht. Die kurzen, aber sehr intensiven Rückblenden auf die letzten Wintermonate des Zweiten Weltkriegs durchziehen den Roman wie ein Nervengeflecht. Die junge Elisabeth flieht mit ihrer Großmutter aus Pommern in den Westen und wird dabei von russischen Soldaten vergewaltigt. Auch hier füllt Rothmann das Vakuum des Schreckens mit nur wenigen, aber sehr schmerzvollen Worten:

Mit haarigen Händen griff er ihr unter die Achseln, hob sie hoch und schwenkte sie herum, als hätte sie kein Gewicht. Die Männer johlten, und er warf sie auf das ächzende Bett, riss ihr die Hose (…) herunter und war schon über ihr, während ein anderer noch an ihren Stiefeln zog.

"Naja, das Buch hat ja unfreiwillig eine besondere Aktualität im Moment. Aber das Buch war beendet, als der Ukraine-Krieg anfing. Jetzt machen wieder unzählige Frauen dieselben Erfahrungen. Mittlerweile ist das bekannt, dass Vergewaltigungen eine Kriegswaffe war und ist. Darüber hinaus ist es natürlich so, dass diese Erfahrungen immer in einem weiterleben. Wer einmal im Krieg war, ist immer im Krieg, und wer einmal auf der Flucht war, wird immer wurzellos sein." Von diesen Schrecken des Krieges, die auch über Generationen weitergereicht werden, handelt "Die Nacht unterm Schnee" auf eine phänomenal-überwältigende Weise.

"Die Nacht unterm Schnee": Abschluss der Kriegs- und Nachkriegstrilogie

Rothmann übertrifft sich mit diesem Abschluss seiner Kriegs- und Nachkriegstrilogie selbst. Schon jetzt dürfte dieses Buch ein Favorit für den Deutschen Buchpreis sein. Außergewöhnliche Literatur darf dabei durchaus versöhnlich wirken. Auch auf den Autor: "Das reservierte Verhältnis zu meiner Mutter neutralisierte sich dann im Laufe der Arbeit, so dass ich am Ende tatsächlich so etwas wie ein Gefühl der Liebe für sie empfand. Was ich nicht für möglich gehalten hätte. Und am Ende der Arbeit tatsächlich dachte, Mensch, bei allem - du warst doch ne tolle Frau."

Das NDR Buch des Monats im Programm

Die NDR Kultur Redaktionen von Radio, Fernsehen und Online wählen jeden Monat ein belletristisches Buch aus, das besonders gut zu Norddeutschland passt. NDR Kultur sendet die Rezension am 29.07.2022, 6.40 und 12.40 Uhr, NDR Info 8.55 Uhr.

Die Nacht unterm Schnee

von Ralf Rothmann
Seitenzahl:
304 Seiten
Verlag:
Suhrkamp-Verlag
Veröffentlichungsdatum:
18.07.2022
Bestellnummer:
978-3-518-43085-9
Preis:
24 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 29.07.2022 | 12:40 Uhr

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Romane

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