Der Schriftsteller Stephan Lohse © Max Zerrahn Foto: Max Zerrahn

NDR Buch des Monats: "Johanns Bruder" von Stephan Lohse

Stand: 01.10.2020 09:00 Uhr

Im NDR Buch des Monats Oktober "Johanns Bruder" schickt Stephan Lohse ein äußerst ungleiches Brüderpaar auf die Reise durch die niedersächsische Provinz.

von Susanne Birkner

Stephan Lohse kommt aus Hamburg und hat unter anderem dort am Thalia Theater als Schauspieler Erfolge gefeiert. Vor drei Jahren dann sein literarisches Debüt: "Ein fauler Gott". Ein von der Kritik hochgelobtes Buch über einen elfjährigen Jungen, der seine Mutter nach dem Tod des kleinen Bruders tröstet. Auch in seinem neuen Buch geht es um Familie.

Unser Vater war bis zur Aufgabe seines Geschäfts Apotheker, unsere Mutter hat uns verlassen. Als Kinder haben wir an Gott geglaubt. Ich bin vier Jahre älter als Johann. Er spricht, ich bin stumm. Er ist homosexuell, ich bin es nicht. Ich verstehe einiges von Geografie und genauso viel von Geschichte, er nicht. Er ist von unserem Vater verprügelt worden, ich nicht. Ich war Zeuge, er war Opfer. Buchzitat

Kommunikation ohne Worte

Mehr als 20 Jahre haben sie sich nicht gesehen. Opfer Johann ist gegangen, hat ein wildes Leben geführt. Zeuge Paul ist geblieben. Dann erhält Johann einen Anruf: Er soll Paul aus einer psychiatrischen Klinik in Celle abholen. Er hat in einem Dorf in der Nähe 17 Hühnern den Kopf abgeschlagen. 

Dr. Al-Nour nickte. Warum ist ihr Bruder stumm? Über diese Frage hatte Johann nie nachgedacht. Paul kann nicht lügen, sagte er. Buchzitat

Und: Es hat viel damit zu tun, dass Paul nicht handelt - sondern vor allem stumm zusieht. Wie der christlich-fanatische Vater den Bruder prügelte, wie der unter dem wortlosen Weggang der Mutter litt.

Wie kam Lohse auf die Idee? "Auf die Idee bin ich gekommen, weil ich auf einer Geburtstagsfeier mal ein Kind kennengelernt habe, das autistisch ist. Das war ein ganz fröhlicher offener Junge, der sehr viel kommuniziert hat, nur halt eben nicht mit Worten", erklärt der Autor.

Verbundenheit ungleicher Brüder

Stephan Lohse: "Johanns Bruder" © Suhrkamp
"Johanns Bruder" erzählt von Gewalt in einer Familie und ergründet dunkelste Kapitel deutscher Vergangenheit.

Paul kommuniziert mit Gesten, die sein Bruder auch nach 20 Jahren sofort wieder versteht. Und mit Tüten voller beschriebener Zettel, aus denen er zielsicher die richtigen Antworten fischt. Diese Verbundenheit der ungleichen Brüder, die Nähe, die man beim Lesen zu ihnen bekommt, ist das Beeindruckende an diesem Buch. Die Handlung bleibt ein bisschen dahinter zurück. Der vom Nationalsozialismus besessene Paul überredet Johann zu einer Reise: auf den Spuren Adolf Eichmanns, der sich zwischen 1946 und 1950 in dem Dorf Altensalzkoth bei Celle versteckt hielt und Hühner züchtete. Mithilfe dichtbeschriebener Zettel erklärt Paul seinem Bruder, was an den Orten, die sie bereisen, stattgefunden hat.

Stephan Lohse fragt, ob man das Böse erkennen kann

"Tatsächlich war es bei mir auch so, dass ich mit zwölf anfing, alte Männer, seltener alte Frauen, zu beobachten und mir vorzustellen, was sie wohl im so genannten Dritten Reich gemacht haben", erinnert sich der Autor. "Das ist damals zur Obsession, zum Zwang geworden, das hat dann zum Glück nachgelassen. Und dieser Versuch, herauszufinden, ob man das Böse erkennen kann oder eben nicht, der hat mich mein Leben lang beschäftigt."

Stephan Lohse hat gelesen, gelesen, gelesen, um dieses Buch zu schreiben. Er war mehrfach in der Gedenkstätte Bergen-Belsen, hat die Reise der Brüder von Altensalzkoth bis in die Niederlande selbst unternommen. Das Buch macht deutlich, dass die Orte des Schreckens ganz nah sind, dass sie damals Alltag waren - und auch teilweise heute noch sind. Lohse dazu: "In Niedersachsen gibt es relativ viele Land-Nazis. In Eschede, das ist nicht weit von Altensalzkoth, gibt es einen bekannten und berüchtigten Neonazi-Bauernhof."

Quiz
Der Schriftsteller Stephan Lohse © Suhrkamp Verlag

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"Johanns Bruder" hat Lücken, die der Leser füllen soll

So begegnen die beiden Brüder auch noch einer esoterischen Nazi-Sekte. Es ist viel, was Stephan Lohse nebeneinander stellt - manchmal zu viel: die Geschichte des Holocausts, Religion, Gewalt, Sprachlosigkeit. "Mir ist das bewusst", sagt er, "dass das teilweise eben unverbundene Dinge sind. Dass es immer wieder episodenhaft ist. Aber ich möchte ganz gerne, dass der Leser die Verbindungen herstellt, so wie er es will. Das sind Lücken, die bewusst da sein sollen, damit sie gefüllt werden und ich habe auch keine Kontrolle, wie sie gefüllt werden."

Und das gelingt, wenn man sich darauf einlässt. "Johanns Bruder" ist ein Buch, das lange nachhallt. Wegen der wirklich außergewöhnlichen Charaktere und wegen Stephan Lohses grandioser Sprache.

Das NDR Buch des Monats im Programm

NDR Info sendet die Rezension am 5. Oktober 2020, 10.56 Uhr, NDR Kultur am 7. Oktober um 6.40 Uhr und 12.40 Uhr und das Kulturjournal im NDR Fernsehen am 12. Oktober, 22:45 Uhr.

Johanns Bruder

von
Seitenzahl:
343 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Suhrkamp
Bestellnummer:
978-3-518-42959-4
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 01.10.2020 | 09:54 Uhr

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