NDR Buch des Monats: "Vierunddreißigster September" von Angelika Klüssendorf

Stand: 03.09.2021 06:00 Uhr

Angelika Klüssendorf gehört zu den eigenwilligsten deutschen Schriftstellerinnen: unverwechselbar ihre Sprache, besonders ihre Geschichten. Ihr Roman "Vierunddreißigster September" besticht mit einer klaren, konzentrierten Sprache.

Cover von Angelika Klüssendorfs "Vierunddreißigster September" © Piper
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von Katja Eßbach

Angelika Klüssendorf erzählte in einem Interview, dass Schreiben für sie wie Bildhauerei sei. Das Überflüssige müsse weg, immer wieder reduziere sie, vor allem den Kitsch. Genau so ist sie sicher auch bei ihrem neuen Roman "Vierunddreißigster September" vorgegangen. Die Sprache ist kühl und spröde, auf das Wesentliche beschränkt, kein Kitsch nirgends. Erzählt wird eine feine, skurrile Geschichte, die sich in ihrer Absurdität und Schönheit von Seite zu Seite steigert.

"Vierunddreißigster September": Mord auf dem Land

Angelika Klüssendorf lebt auf dem Land in Mecklenburg. Und auch der Handlungsort ihres neuen Romans ist ein kleines Dorf in Ostdeutschland. Dort leben Walter und Hilde, verheiratet seit 40 Jahren. Walter erfährt, dass er an einem unheilbaren Hirntumor leidet und kurz nach der Diagnose bringt Hilde ihn um:

Walter hatte sich nicht zugedeckt, er atmete schwer. Seine Füße waren groß und knochig, beim Gehen setzte er sie nach außen. Er sah abgekämpft aus. (...) Sie deckte ihn zu, berührte seine Haare, versuchte, sich ein Gefühl für ihn ins Gedächtnis zurückzurufen, doch da war nichts. Er begann zu schnarchen, stieß kurze zitternde Laute aus. Sie hätte das Gewehr nehmen können, entschied sich aber für die Axt. Leseprobe

Angelika Klüssendorf lässt einen Toten erzählen

Angelika Klüssendorf erzählt im ersten Teil des Romans abwechselnd aus der Sicht Walters und Hildes. Wie sie sich kennenlernten, wie sie heirateten und wie Walter nach der Wende ein wütender Mann wurde. Und dann - aus heiterem Himmel - schlägt die Autorin eine schöne erzählerische Volte: Der tote Walter ist nicht verstummt. Überraschend berichtet er von seiner eigenen Beerdigung:

Der Sarg ist mit gerafftem Stoff ausgeschlagen wie ein Babykörbchen. Über dem Totenhemd - eine Gabe der Ortsvorsteherin - trage ich meinen alten Anzug. Es gibt noch keinen Grabstein. (...) Die Erde fällt dumpf auf den Sargdeckel. Ich verabschiede mich von meinen sterblichen Überresten. Die anderen Toten schauen gelangweilt - welch billiges Spektakel, verraten ihre Mienen. Was unterscheidet die Toten von den Lebenden? Tote weichen dem Bus nicht aus. Leseprobe

Dorfbewohnerinnen melden sich zu Wort

Im zweiten Teil des Buches wird es vielstimmiger. Absonderliche Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohner kommen zu Wort - lebende ebenso wie tote. Sie alle halten mit ihrer Meinung zum Mord an Walter nicht hinterm Berg und sie haben natürlich eigene Geschichten und Schicksale:

Norbert lacht auf, kurz und bitter. Er ist selbst nicht älter als fünfzehn, dürr und zäh, seine leere Augenhöhle verdreckt, und sehnsuchtsvoll bis in die hohlen Wangenknochen. Meine Mutter wartet auf mich, sagt er, (...) Er ist Anfang 1945 eingezogen worden. Was keiner der Dorfbewohner wusste: Um nicht als Kanonenfutter zu enden, desertierte er, schlug sich auf einem langen Fußmarsch in Richtung Heimat durch. Kurz vor dem Ziel wurde er erschossen. Seine Leiche wurde nie entdeckt, ist irgendwo im Wald vermodert. Er ist ein Grabloser. Leseprobe

Verschroben, humorvoll, wunderschön - und kein Krimi!

Das mag schwer verschroben klingen, funktioniert aber. Vergangenheit wird lebendig. Man beginnt zu verstehen, dass wir alle auf demselben Boden leben, wie unsere Vorfahren, die unser Schicksal mitbestimmen. Angelika Klüssendorf erzählt durch ihre Figuren viel über das Innenleben einer Dorfgemeinschaft. Und ihr gelingt es, dieser Geschichte über einen Mord und wandelnde Tote auch Humor abzuringen. Aber immer wieder und ganz besonders ist es ihre wunderschöne Sprache, die gefangen nimmt:

Heute war ein guter Tag. Ein Tag wie ein heller Raum, die Fenster geöffnet, die Türen aus den Angeln gehoben und statt der Zimmerdecke ein blau leuchtender Himmel. Leseprobe

"Vierunddreißigster September" ist - trotz Mordes - natürlich kein Krimi. Anfangs steht die Frage noch im Raum, was Hilde zu ihrer Tat trieb. Aber schon bald geht es um viel mehr. Angelika Klüssendorf erschafft einen Kosmos, den man nur höchst ungern wieder verlässt.

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Die NDR Kultur Redaktionen von Radio, Fernsehen und Online wählen jeden Monat ein belletristisches Buch aus, das besonders gut zu Norddeutschland passt. NDR Kultur sendet die Rezension am 6.9., 7.20 und 12.40 Uhr; das Kulturjournal im NDR Fernsehen am 20.9., 22,45 Uhr., NDR Info am 3.9. um 16.55 Uhr.

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Vierunddreißigster September

von Angelika Klüssendorf
Seitenzahl:
224 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Piper
Bestellnummer:
978-3-492-05990-9
Preis:
22,00 €

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