Stand: 27.06.2019 13:30 Uhr

NDR Buch des Monats: "Langsame Jahre" von Fernando Aramburu

Langsame Jahre
von Fernando Aramburu, aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen
Vorgestellt von Peter Helling

In seinem Roman "Patria" hat der seit Mitte der 80er-Jahre in Hannover lebende Autor Fernando Aramburu den Terror der baskischen Untergrundorganisation ETA ins Zentrum gerückt. Jetzt macht der vielfach prämierte Schriftsteller einen Perspektivwechsel. In "Langsame Jahre" schlüpft er in die Haut eines Achtjährigen und zeigt die Entstehung der Gewalt schon in der Jugend.

"Sie haben mich ermuntert, mich so auszudrücken, wie mir der Schnabel gewachsen ist; präzise zwar, aber um Struktur und Stil muss ich mich nicht kümmern, denn das ist ja Ihre Sache als Schriftsteller, der Sie sind." Leseprobe

Ein kaum näher benannter Mann erzählt dem Autor von seiner Kindheit 1968 im baskischen San Sebastián. Fernando Aramburu verarbeitet die fiktive Erinnerung zu einem Roman, indem er sie mit eigenen Anmerkungen, sogenannten Notaten, ergänzt: "Der Roman wird kurz, oder er wird gar nicht."

Grafik: Ein Junge sitzt auf einem Stuhl. Links uns rechts neben ihm stehen ein Mann und eine Frau. © NDR/Kulturjournal

Hausbesuch bei Fernando Aramburu

Kulturjournal -

Nach seinem Bestseller "Patria" hat Fernando Aramburu nun ein neues Buch veröffentlicht. In "Langsame Jahre" erzählt er von einem Jungen, der in eine fremde Stadt kommt. Unfreiwillig.

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Kindheit im Spanien unter der Diktatur Francos

39 Merkzettel, Skizzen: Der Autor sieht sich gewissermaßen selbst beim Schreiben zu. Wenn man einem Roman seine Konstruktion ansieht, kann es staubtrocken werden. Fernando Aramburu macht genau das zum Prinzip: Er entwickelt zwei parallele Stimmen, liefert sein eigenes "Making-off" - und seine Quelle: die Geschichte einer Kindheit in Spanien unter der Diktatur Francos.

Weil ihn seine alleinerziehende Mutter nicht mehr ernähren kann, gibt sie ihren Sohn in die Obhut ihrer Schwester nach San Sebastián. Der Junge ist acht Jahre alt, wohnt in beengten Verhältnissen, schläft im Zimmer des älteren Cousins Julen. Der hat Käsefüße, raucht vor dem Schlafengehen ein paar Kippen - und:

"Nach der Unterhaltung, die immer sehr einseitig verlief, löschte er das Licht und vollführte im Dunkeln oft noch unter der Decke rasche schüttelnde Bewegungen."   Leseprobe

Die Schwangerschaft der Cousine ist ein Skandal

Tante Marapuy ist die Herrin im Haus. Der Onkel ist ein weichherziger Fabrikarbeiter, der die Härten des Lebens samstags im Kochverein abfedert. Die Cousine ist ein dickes, esssüchtiges Mädchen, das sich auf Sexspielchen mit dem Nachbarsjungen einlässt und dabei schwanger wird - ein Skandal.

"Mir war so, als würde seitdem niemand im Haus mehr sprechen oder wenn, dann nur flüsternd. Mein Onkel aß mit gesenktem Kopf zu Abend." Leseprobe

Notate und Erinnerungen wechseln sich ab: Dieser doppelte Blick auf die Handlung erzeugt ein erzählerisches Flimmern, das in den Bann zieht. Denn die Notizen sind nicht einfach trockene Merklisten, sondern sie beschleunigen die Handlung, geben ihnen Luft, Rhythmus, bieten sogar mögliche Abweichungen. Es sind kleine Dialogfetzen, aber auch humorvolle Selbstermahnungen: "Wird das die Leser langweilen? Soll ich das Buch mit Fußnoten pflastern?"

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In "Langsame Jahre" beschreibt Fernando Aramburu aus der Perspektive eines Achtjährigen die Entstehung von Gewalt. Lösen Sie das Quiz und gewinnen Sie das NDR Buch des Monats Juli! Quiz

Franco-Ära: Die Zeit scheint stillzustehen

Der Roman fängt die Langsamkeit jener Jahre ein: "Heutzutage, habe ich den Eindruck, dauert eine Minute dreißig oder vierzig Sekunden; eine Minute der Diktatur indes dauerte anderthalb oder zwei Minuten. Drei Jahrzehnte war Franco an der Macht, grüßte die fügsamen, unpolitischen Massen mit schlaffer, zittriger und immer hinfälligerer Hand (was ihn nicht hinderte, weiterhin Todesurteile zu unterschreiben.)"

Die beiden Jugendlichen im Buch, Cousin Julen und seine Schwester, leisten auf ihre Weise Widerstand: Die eine sucht unbewusst ihre Freiheit in ihrer Clique, beim Sex, der andere radikalisiert sich politisch, im baskischen Widerstand gegen Franco:

"Und dann sagte er den Satz, den ich Wort für Wort behalten habe: 'Das Spiel hat begonnen.'" Leseprobe

Unter der Oberfläche brodelt es

Das Baskenland wird zu seiner verbotenen Passion, aufgehetzt vom Pfarrer des Viertels, Don Victoriano. Die Folge: Verhaftung durch die Staatspolizei, Schläge, irgendwann muss Julen in Frankreich untertauchen. Der Titel "Langsame Jahre" meint also keine ereignislose Zeit, im Gegenteil. Unter der Oberfläche brodelt es, tickt eine Uhr. Oberhalb sieht man schlichte Räume, Requisiten, den Alltag ohne falsches Idyll.

"Die Radrennfahrer waren das einzige Spielzeug, das meine Mutter mir mitzunehmen erlaubte. Höchstens ein Dutzend, sagte sie, denn Tante Maripuy hatte sie gebeten, ich möge nur das Nötigste an Sachen mitbringen, da sie wenig Platz im Haus hätten." Leseprobe

Aramburu schreibt eine Geschichte über das Ende der Jugend, den Beginn eines Aufstands, über das Scheitern. Und über eine Arbeiterfamilie, die unter dem politischen Druck, dem Druck aus der Nachbarschaft fast zerbricht. Es geht um den Blick eines Kindes auf kleine und große Fehltritte. Man will nicht aufhören zu lesen, will dem Schweigen zuhören, das entsteht, wenn die Familie beim Kauen des Abendessens nichts sagt - aus Trauer, aus Scham und manchmal, weil das Essen schmeckt. Ein großartiger, ein zutiefst poetischer Roman - mit doppelter Stimme.

Langsame Jahre

von
Seitenzahl:
208 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Rowohlt
Bestellnummer:
978-3-498-00104-9
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 01.07.2019 | 07:20 Uhr

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