Stand: 08.08.2018 00:01 Uhr

NDR Buch des Monats: "Anmut und Feigheit"

Anmut und Feigheit
von Frank Schulz
Vorgestellt von Joachim Dicks

Mehr als drei Jahrzehnte hat der Schriftsteller Frank Schulz in Hamburg gelebt, nachdem er zuvor in Hagen bei Stade aufgewachsen war. Mit seiner Hagener Trilogie "Kolks blonde Bräute", "Morbus fonticuli" und "Das Ouzo-Orakel" hat er seinen Ruf als humorvoll-melancholische literarische Stimme aus dem Norden begründet, mit seiner Onno-Viets-Trilogie verfestigt, und Preise hat er dafür auch erhalten, unter anderem den Hubert-Fichte-Preis der Stadt Hamburg und den Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor. Nun erscheint das neue Buch von Frank Schulz mit dem aparten Titel "Anmut und Feigheit". Es ist unser NDR Buch des Monats.

Frank Schulz.

Sprachvirtuose mit schrägem Humor

Bücherjournal -

"Anmut und Feigheit" ist das NDR Buch des Monats August. Frank Schulz hat Geschichten und Anekdoten rund um das Thema Leidenschaft geschrieben.

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Aus 23 Geschichten, Anekdoten und Fragmenten setzt sich der Erzählungsband "Anmut und Feigheit" zusammen. Sie spielen überwiegend an Orten, die aus früheren Büchern von Frank Schulz bestens bekannt sind: Hagen, Hamburg, Nordsee, Griechenland. Die Handlungszeiten reichen von der Gegenwart zurück bis in die 50er-Jahre. Auch die meisten seiner Protagonisten kommen einem irgendwie bekannt vor. Manchmal, weil sie tatsächlich aus seinen früheren Büchern bekannt sind, wie Bodo Morten und Kolk etwa aus der Hagener Trilogie. Sie tauchen wieder auf in "Die Verböserung der Welt" und in "Der Ritter von der Rosskastanie". Darin gibt es auch gewisse Ähnlichkeiten zwischen Figur und Autor: 

"Wie mir der Glaube an Gott abhandenkam, ich weiß es nicht mehr. Nahezu zwangsläufig, wie so vielen aus unserer Generation. Gleich dem an den Weihnachtsmann. Jedenfalls bereits, bevor ich wirklich erwachsen wurde. Stattdessen glaubte ich bald an die schönen Künste, namentlich an das Schreiben; ganz energisch naiv. Doch verflucht noch mal, weit jenseits der fünfzig stellte ich verdutzt und ratlos und schließlich traurig fest, dass mir auch der Glaube daran abhandenzukommen drohte." Leseprobe

Ergreifende Liebeserklärung an die verstorbene Mutter

Aber so sehr "Anmut und Feigheit" diesen ureigenen Schulz-Sound ertönen lässt, so sehr wagt der Autor zugleich einen ungewöhnlichen Schritt hin zum unverstellt Autobiografischen. Besonders eindrücklich und berührend in der zweiten Geschichte "Rotkehlchen", dem eigentlichen Herzstück des Buches. Es ist eine ergreifende Liebeserklärung an seine vor einigen Jahren verstorbene Mutter und auch ein Hohes Lied auf die Bedeutung von Familie und Herkunft. In diesem "Fragment", wie der Text im Untertitel heißt, scheint Frank Schulz vorübergehend auf seinen ihn charakterisierenden Humor verzichtet zu haben zugunsten einer unverstellten, zupackenden Emotionalität. Naja, ganz ohne humoristische Tupfer geht's auch in "Rotkehlchen" nicht:

"Es ist einfach vielleicht auch eine höhere Form von  Humor erforderlich, um all die widersprüchlichen Dinge, die es auf der Welt gibt, die es im Leben gibt, die einem Menschen widerfahren, auszuhalten." Leseprobe

Von Liebe, Neid und niederen Instinkten

Autobiografische Versatzstücke, zum Beispiel der Hinweis auf die neue Wahlheimat Osnabrück, finden sich auch in der Eröffnungsgeschichte "Szenen in Beige". Darin sinnt der Protagonist, der knapp 60-jährige Kortsch, über seine angeschlagene Gesundheit nach und zugleich über seine deutlich jüngere Freundin, die er immer nur als seine "Betreuerin" bezeichnet. Ihre Liebe ist sein höchstes Glück und erzeugt zugleich Selbstzweifel und allerhöchstes Unverständnis.

Veranstaltungen

Frank Schulz liest in Stade

19.09.2018 20:00 Uhr
Seminarturnhalle Stade

Der norddeutsche Autor Frank Schulz kennt sich aus mit den herzzerreißenden Momenten der Wahrheit. Das beweist auch sein neuer Erzählband "Anmut und Feigheit". mehr

Dann entwickelt Schulz in "Zwei Briefe in die Zukunft" eine sehr eigenwillige Idee. Daniel Tontow und Lisa Wacholt aus Ibbenbühren kennen sich aus der Schulzeit. 1997 schreiben sie sich einen Brief, den sie erst nach 20 Jahren öffnen sollen. Und dann wiederholen sie dieses Spiel noch einmal, schreiben also 2017 einen Brief fürs Jahr 2037.

Um Neid und andere niedere Instinkte geht es in "Hüli mit Füll", die Geschichte einer Wiederbegegnung zwischen dem Schwerenöter und Journalisten Büttner und dem Erfolgsautor Rosarius. Darin heißt es, als Büttner sein Konkurrenzdenken überwindet: "Die Anmut erwärmt Büttners Bierherz zusätzlich, die Bleiweste ist ohnehin geschmolzen." So verwandelt sich der Prosaautor Frank Schulz zwischenzeitlich in einen Philosophen:

"Ich glaube letztendlich, dass man besser zu Rande kommt, wenn man sich einen gewissen komischen Blick auch auf traurige Dinge bewahrt oder erarbeitet vielleicht sogar zuerst. Daraus erwächst dann durchaus hin und wieder ein groteskes Geschehen, wenn man's eben aufschreibt." Leseprobe

Schule der Empathie

"Anmut und Feigheit" ist ein zärtliches Buch, eines mit ständig wechselnden Blickwinkeln, eine Schule der Empathie. Ganz nebenbei lernen wir, dass eine Flaschenpost manchmal schneller beim Adressaten ankommt, als dem Absender recht sein kann, was ein "ausgemaltes Memoir" ist, dass das Wort "Mamapapamamapapa" beim Schlagzeuglernen sehr förderlich ist und dass Küsse auf Korfu schlimme Konsequenzen nach sich ziehen können. Na ja und vor allem, dass bei allem Elend jedem Ende auch ein Anfang innewohnt, beim Tod der Mutter und beim Fällen einer edlen Rosskastanie.

"Die alte Kaiserin war Geschichte. War nur noch hundertachtzig Jahre altes, todkrankes Holz - zwanzig Tonnen Brennstoff fürs Heizkraftwerk. Sowie - und das war das Grausigste - Saft für meine Feder." Leseprobe

 

Anmut und Feigheit

von
Seitenzahl:
336 Seiten
Genre:
Erzählungen
Verlag:
Galiani-Berlin
Veröffentlichungsdatum:
16.08.2018
Bestellnummer:
978-3-86971-173-7
Preis:
22 €

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