NDR Buch des Monats: Henning Ahrens' "Mitgift"

Stand: 19.08.2021 23:05 Uhr

Henning Ahrens‘ Bücher bewegen sich oft zwischen Realismus und fantastischer Literatur. Für "Glantz und Gloria. Ein Trip" bekam er den Bremer Literaturpreis. Nun ist sein Roman "Mitgift" erschienen.

von Peter Helling

Klein Ilsede bei Peine: Wenn man den Namen googelt, ploppen bunte Fotos von Sportvereinen auf, der Jugendfeuerwehr, man sieht einen Resthof, eine Luftaufnahme mit schnurgeraden Straßen. Plattes Niedersachsen. Henning Ahrens, der Autor, kommt von dort. Und er gibt seiner spröden Heimat zwischen Brocken, Lahberg und Schwerindustrie ein literarisches Gesicht.

Ein Toter in Klein Ilsede

1962. Einer ist gestorben im Dorf. Gerda, die Totenfrau, wird gerufen. Einmal noch soll sie ihren schweren Dienst verrichten, den Toten herrichten, waschen, ihn auf seine letzte Reise vorbereiten. Aber diesmal ist alles anders, die Mienen verraten es: Ein normaler Tod war das wohl nicht.

"Gut", sagt Gerda. "Ich komme. Aber was ist denn passiert?" Sie wird aschfahl, während sie seiner knappen, stockend vorgebrachten Erklärung lauscht. Anschließend ergänzt er: "Ich lasse dich holen, wenn es so weit ist." Leseprobe

Wilhem Leeb Senior hat ihr den Auftrag erteilt. Wen es da getroffen hat, verrät Henning Ahrens erst am Schluss. In dieser Nacht, in der guten Stube der Bauerndynastie Leeb.

Bauernhof als Schauplatz einer Zeitreise

Der Bauernhof wird zum Schauplatz einer Zeitreise. Von 1755 bis 1962. Und Kapitel für Kapitel springt die Erzählung un-chronologisch zwischen den Zeiten. Mal verweigert ein pietistischer Vorfahr seinem jüngeren Bruder das Erbrecht. Mal zeichnet ein anderer, 1755, bunte Ornamente in ein Gebetbuch, und legt damit die Mitgift seiner Töchter fest. Und Wilhelm Leeb Senior zieht in den Zweiten Weltkrieg wie in einen Abenteuerurlaub.

Sagenhaft, dachte er und sah den Störchen nach, die auf jene Landstriche zustrebten, die die Wehrmacht überstürzt geräumt hatte. Schwer zu sagen, wo sie nisteten, vielleicht in der Ukraine oder in Weißrussland, aber so war sie eben, die Natur, als Landwirt wusste er das natürlich am besten. Leseprobe

Henning Ahrens schreibt nicht einfach eine Familiengeschichte. Nein, er webt ein Muster, das sich langsam enthüllt. Das Muster dieser Familie ist das der Gewalt. Versteckt oder offen. Weitergegeben vom Vater zum Sohn. Das ist die titelgebende "Mitgift". Eine sehr deutsche Mitgift.

Hart wie Leder, zäh wie Kruppstahl, wurde ihm doch alles eingebläut! Was uns nicht umbringt, macht uns stärker; gelobt sei, was hart macht; ein Indianer kennt keinen Schmerz. Leseprobe

Im Zentrum: Wilhelm Leeb Senior. Der ist ein überzeugter Nazi, wird im Krieg im unterjochten Osteuropa eingeteilt, um neue landwirtschaftliche Strukturen aufzubauen. Ein Leichtfuß, ein Tyrann. Und sein Sohn Wilhelm, kurz "Willem", das ist der Vorname des Ältesten, seit Generationen: Der blonde Schlacks ringt vergeblich um die Liebe seines Vaters.

Frauen der Familie indirekt mitschuldig

Die Frauen in dieser Familie sind nur scheinbar stumme Zeuginnen. Entweder sie schlürfen heimlich "Klosterfrau Melissengeist", oder sie vergöttern ihre Söhne. Indem sie schweigen oder im entscheidenden Moment nicht alle Waffen in der Jauchegrube versenken, als die Amerikaner vorrücken, werden sie aber zu schuldigen Schatten.

Sie lehnt die Gewehre gegen die Wand, bettet die Munition vorsichtig in die Holzkiste und legt eine Pistole daneben. Bei der zweiten zögert sie jedoch und denkt: Eine kann man behalten, die kann man verstecken, und der Ami, na, der wird das Haus gewiss nicht komplett auf den Kopf stellen, der ist nicht so gründlich. Leseprobe

Der kluge Roman zeigt subtil, wie sich in dieser Bauernwelt die Macht verteilt. Es ist ein Buch wie Schwarzbrot. Man muss kräftig kauen, bis sich der Geschmack entfaltet. Aber ein Buch, das ins Mark geht, langsam erzählt, mit genauem, warmem Blick. Die Ausreißer in dieser Familie, die verkappten Poeten und Lateinlehrer, die Malerinnen und Weltbürger, die Bücherwürmer werden vom Hof und seinem ehernen Gesetz eingesogen. Bis zum Schluss das Rad ins Stocken gerät. Ein Webfehler, ein loser Faden.

Das NDR Buch des Monats im Programm

Die NDR Kultur Redaktionen von Radio, Fernsehen und Online wählen jeden Monat ein belletristisches Buch aus, das besonders gut zu Norddeutschland passt. NDR Kultur sendet die Rezension am 20.08., 7.20 und 12.40 Uhr; das Kulturjournal im NDR Fernsehen am 30.08., 22,45 Uhr.

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Mitgift

von Henning Ahrens
Seitenzahl:
352 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Klett-Cotta Verlag
Bestellnummer:
978-3-608-98414-9
Preis:
22,00 €

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