Stand: 08.09.2019 22:16 Uhr

NDR Buch des Monats: Eine Parabel über Freiheit

Miroloi
von Karen Köhler
Vorgestellt von Lisa Kreißler
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Karen Köhler wurde 1974 in Hamburg geboren.

Als 2014 Karen Köhlers Erzählband "Wir haben Raketen geangelt" erschien, waren nicht nur die Kritiker begeistert von dieser frischen neuen Stimme. Das Buch brachte die Form der Erzählung auch heraus aus dem Schatten des Romans. Denn das deutsche Publikum liebte Köhlers Geschichten. Schnell wurde der Erzählband in andere Sprachen übersetzt, unter anderem ins Albanische und Türkische. Die 1974 in Hamburg geborene Karen Köhler kommt vom Theater. Nach einer Schauspielausbildung in Bern und einigen Festengagements machte sie sich zunächst als Dramatikerin einen Namen, bevor sie die Prosa-Bühne betrat. Jetzt erscheint ihr erster Roman unter dem rätselhaften Titel "Miroloi" im Hanser Verlag - das NDR Buch des Monats August.

Ein Buch liegt zwischen Steinen und Sand am Strand. © NDR/Kulturjournal

Kampf dem Patriarchat

Kulturjournal -

Der erste Roman von Karen Köhler feiert die Befreiung einer jungen Frau, die Kraft der Worte, das Nicht-Aufgeben. "Miroloi" ist ein Buch, das man lange nicht vergessen kann.

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Man stelle sich das Leben auf einer Insel vor: Dort ist es felsig und heiß. Es gibt keinen Strom, nur den Mond und die Sonne, die Ernte und tausend Augen. Es gibt ein Glaubensbuch und einen Pfahl. Die Männer stehen über den Frauen. Dort lebt eine junge Frau, ein Findelkind, ohne Mutter. Sie hat keinen Namen. Sie kann nicht lesen, nicht schwimmen, kennt nur diese Insel. Sie duckt sich vor den Schlägen, die auf sie niedergehen - und beginnt zu singen:

Das Meer mit Regen und Blitzen obendrauf, ein Kochtopf mit grauer Höllensuppe, die die Götter saufen. Das müde Meer mit nichts obendrauf als einer Silberspiegelfläche, die ist zum Erkennen da, ist ein Fenster, ist eine Tür, ist eine Sehnsucht aus Blei. Leseprobe

"Miroloi": Über den Mut aufzubegehren

"Miroloi" ist der Name für ein Totenlied in der griechisch-orthodoxen Kirche, das von Frauen geschrieben und gesungen wird. Die namenlose Ich-Erzählerin aus Karen Köhlers Roman singt uns in 128 Strophen ein Lied über den Mut, aufzubegehren. Zu Beginn steht das Mädchen an letzter Stelle in der Hierarchie des Dorfes. Wie aus der Zeit gefallen schwimmt diese Festung der Unterdrückung und Gewalt mitten im Meer. Die Frauen lernen nicht lesen und schreiben, haben keine Stimme, und alle dulden, was der Lehrer mit den jungen Mädchen macht. Die Kirche diktiert den Alltag. Wer nicht gehorcht, kommt an den Pfahl.

Video
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Die Hamburger Luft schmeckt immer anders. Für die Schauspielerin und Autorin Karen Köhler schmeckt sie gerade zu Zeiten des DOMs besonders süß und klebrig. Video (02:10 min)

Wir lernen die Gesetze unter Stockschlägen schon als Kind in der Schule, bis wir sie auswendig und im Schlaf aufsagen können. Was du so gelernt hast, vergisst du nie mehr. Das bleibt in dir wie ein Messer, ein Pfahl, ein Netz, eine Kette, ein Stein. Leseprobe

Heimliche Treffen bei Vollmond

Köhlers Protagonistin lebt im Schutze des Bethaus-Vaters, ihres Finders. Er, die alte Mariah und ihre Freundin Sofia sind die einzigen Verbündeten in einer gnadenlosen Welt, in der das Mädchen immer bemüht ist, sich "weg zu machen". Doch obwohl das Dorf ihr bereits ein Bein gebrochen hat, bebt etwas in ihr. Ihre Neugier ist größer als ihre Angst. Dann begegnet sie Yael, dem hübschen Betschüler. Heimlich treffen sich die beiden immer bei Vollmond in den Bergen. Das Mädchen lernt nicht nur die Lust kennen, es bekommt auch endlich einen Namen. Der Sex und der Name sind zwei von vielen Geheimnissen, die es in kürzester Zeit in sich zusammenträgt. Die Geheimnisse bringen das Mädchen und Yael in Gefahr, aber sie öffnen auch die Tür zu neuen Gedanken:

Und ich frage mich, wie unser Leben, unser Dorf, unsere Welt wäre, wenn Sofia und ich die Gesetze machen würden. Leseprobe

 

Köhlers Ich-Erzählerin wird zur Heldin

Die Nicht-Mehr-Namenlose folgt mehr und mehr ihrer eigenen Stimme. Aber als der Bethaus-Vater, ihr Beschützer, plötzlich stirbt, verschärft sich die Lage. Die Frauen müssen sich verhüllen und dürfen nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr das Haus verlassen. Aber das Mädchen will nicht mehr gehorchen. Es verwandelt sich mit jeder Strophe mehr in eine Heldin mit unerschütterlichem Mut. Motivisch erinnert der Roman an Margaret Atwoods dystopisches Patriarchat in "Der Report der Magd". Formal orientiert er sich an der ergreifenden Klarheit, mit der Ágota Kristóf in "Das große Heft" vom Zweiten Weltkrieg erzählt. Die stark ritualisierte Welt in "Miroloi" spiegelt die Autorin mit einem rhythmisierten, additiven Stil.

Es ist dunkel. Es ist kalt. Mein Kopf schmerzt. Mein Rücken schmerzt. Alles schmerzt. Mein Kleid ist nass. Wo bin ich? Wo ist Yael? Leseprobe

An manchen Stellen driftet diese Naivität etwas zu sehr ins Niedliche. Aber Karen Köhler macht sich mit diesem Text stark für die politische Kraft der Erzählung. Sie klammert sich nicht an eine der aktuellen Debatten, sondern bemüht sich, einen eigenständigen Urtext zu erschaffen. Mit "Miroloi" hat sie eine Parabel über die Freiheit geschrieben, die Raum lässt für die Gedanken des Lesers, in ihrem hoffnungsvollen Gesang.

 

Miroloi

von
Seitenzahl:
464 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hanser Verlag
Veröffentlichungsdatum:
19.08.2019
Bestellnummer:
ISBN 978-3-446-26171-6
Preis:
24 €

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